Mode

MBFWB: Projekt Deutsche Mode

Von , 27. June 2016

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© Wataru Tominaga

Die Berlin Fashion Week strengt sich an: Der Kalender ist voll mit neuen Labels und interessanten Projekten. Ein paar Designer-Favoriten fehlen jedoch

Keine Berlin Fashion Week ist wie die andere. Das mag nicht nach einer großen Erkenntnis klingen, aber sie speist sich nicht nur daraus, dass sich die Kollektionen naturgemäß jede Saison verändern. Berlin als Modestadt ist ständig im Fluss, im guten wie im schlechten. Mal finden die offiziellen Mercedes-Benz-Events im Zelt am Brandenburger Tor statt, dann wieder, wie in diesem Sommer, im Erika-Hess-Eisstadion (Fußball geht eben vor). Mal zeigt ein Designer eine Show, dafür wieder der andere nicht, und in der nächsten Saison ist es wieder umgekehrt. Labels kommen und gehen, neue internationale Gesichter geben Gastspiele in Berlin und deutsche Talente, in die man große Hoffnungen gesteckt hatte, setzen aus, oder versuchen ihr Glück im Ausland, weil Bergdorf Goodman & Co. eben doch nicht den Weg nach Deutschland finden.

So fehlt in dieser Schauensaison für den Frühling und Sommer 2017 leider Nobi Talai, Schützling des Fashion Council Germany, deren Show zu den besten der vergangenen Saison zählte. Sie wird im Rahmen des Berliner Mode Salons ihre Kollektion in der Hauptstadt vorstellen und plant für September eine Show auf der Fashion Week in Paris. Bobby Kolade, ein großer Favorit der deutschen Modepresse, wird mit keiner Veranstaltung auf der Modewoche und auch nicht im Berliner Mode Salon vertreten sein. Und um Kilian Kerner scheint es derzeit sehr schlecht zu stehen: Seine Show im Ellington Hotel wurde angesagt, Medien berichten über eine mögliche Insolvenz, die Boutique in den Hackeschen Höfen wurde bereits geschlossen. Puh.

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Marina Hoermanseder Frühling Sommer 16 © PR

Aber gemeckert hat man über Berlin schon immer gerne, geholfen hat es nie. Längst nicht alles ist ein Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel in dieser Stadt. Augustin Teboul, Dawid Tomaszewski, Lala Berlin, Marina Hoermanseder, Hien Le, Vladimir Karaleev und noch viele mehr: Seit Jahren sind sie schon dabei, bilden so etwas wie die DNA und das Fundament der Berliner Fashion Week.
Zudem gibt es einige schöne Überraschungen: Der Schweizer Julian Zigerli ist zurück und bringt seine erste Frauenlinie mit. Aus Paris kommen hingegen Odeeh. Das Unternehmen von Otto Drögsler und Jörg Ehrlich aus dem fränkischen Giebelstadt veranstaltet am Dienstagabend nach einigen Saisons mit Präsentationen in der französischen Hauptstadt wieder eine Schau in Berlin. Gezeigt wird an einem symbolischen Ort, im Humboldtforum im Berliner Schloss.
Die Show dürfte ein gutes Smalltalk-Thema für die weiteren Tage hergeben, ebenso wie Zalandos Preview auf sein neues Konzept der „Bread & Butter“, das bereits am Montagabend vorgestellt werden soll, und dessen Erfolg definitiv darüber mitentscheiden wird, ob die Stadt als Mode-Standort Erfolg haben kann.

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Odeeh Herbst / Winter 16 © PR

Im Kronprinzenpalais wird wieder der Berliner Mode Salon stattfinden, diese kluge Erfindung, die sie alle zusammenhält: Die großen, kommerzieller ausgerichteten Marken, die Avantgardisten der Hauptstadt und die Spezialisten mit internationalem Ruf wie Saskia Diez und Mykita. Der Modesalon hat es geschafft, Identität und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu stiften.
Hier wird übrigens René Storck, der Frankfurter mit einem Faible für präzise, maskuline Silhouetten, neben seiner Damenshow seine erste Herrenkollektion vorstellen. Opulenter und lauter als Storck mag es William Fan, Repräsentant einer neuen Generation in Berlin, der nun zum dritten Mal in der Hauptstadt dabei ist. Auch die Designerinnen hinter dem Label Steinrohner sind auf einem guten Weg, sich hier zu etablieren. Steinrohner steht für mädchenhaft-coole Kollektionen, die keine wilden Muster oder Dekorationen scheuen, aber trotzdem sehr entspannt aussehen. Ohne eine konkrete, möglichst spitze Vision geht nichts im Modedesign. Kompromisslos zeigt sich zum Beispiel der Japaner Wataru Tominaga in seinen extremen Ideen, maßlos kombiniert er Muster und voluminöse Schnitte mit leuchtenden Farben. Diese Herangehensweise hat ihm den Hauptpreis beim diesjährigen Festival d’Hyères eingebracht, nun wurde er eingeladen, seine Kollektion in Berlin zu zeigen.
Generell fällt auf, wie viele Designer aus dem Ausland sich erstmals hier vorstellen: Vanessa Krongold aus Argentinien, das von Helmut Lang persönlich geschulte Wiener Designer-Duo hinter Wendy & Jim, sowie das Label Cushnie et Ochs aus New York, Spezialist für angenehm direkte und unbescheidene Abendmode.

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Berliner Modesalon Herbst / Winter 2016 © PR

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das Berlin mit viel mehr Ehrgeiz zu seinem USP entwickeln könnte, zumal sich die großen Mode-Metropolen kaum damit auseinandersetzen.
Ein neues Projekt des Fashion Council Germany setzt auf eben dieses Konzept. Die Initiative hat etablierte amerikanische Labels wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein Jeans kontaktiert und dazu gebracht, alte Denimstoffe zur Verfügung zu stellen. Vier deutsche Designer, wie Vladimir Karaleev und Kathleen König von Haltbar, konnten daraus eigene Entwürfe entwickeln. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit wird während einer Präsentation unter dem Titel „Sustainability and Style“ in der amerikanischen Botschaft zu sehen sein. „Upcycling“ betreiben auch Felder Felder, die aus Deutschland stammenden aber in London lebenden Designerinnen, die von Merecedes-Benz in den Berliner Modesalon eingeladen wurden. Die Capsule Collection, die sie dort vorstellen, besteht ebenfalls zum Teil aus wiederverwerteten Materialien.

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© Wataru Tominaga

Und um noch mal auf das Thema Meckern zurückzukommen: Es wird gerne moniert, dass in dieser Stadt mehr Drinks konsumiert als Deals gemacht werden. Stimmt, in Berlin feiert man viel, und während der Fashion Week ganz besonders gerne. Michael Michalsky’s StyleNite hat in dieser Hinsicht Tradition. Im Januar fiel sie aus, nun kehrt sie am 1. Juli mit der üblichen Bescheidenheit zurück. Nach der Vorstellung der Atelier Michalsky-Kollektion, wie der Designer seine Couture-Linie nennt, in der Französischen Friedrichstadtkirche, wird im Club „House of Weekend“ gefeiert. Michalskys Unternehmen existiert immerhin seit zehn Jahren. Die Party hat er sich verdient.

Und die Berliner Modewoche übrigens auch, denn sie strengt sich durchaus an, um relevant zu bleiben. Der Kalender ist vollgepackt mit Schauen, Präsentationen, Cocktails, neuen Labels und Projekten, die vorgestellt werden. Diese Stadt steht dafür, dass sie alles ausprobiert, dem Neuen ohne Hochmut begegnet und ihm gerne Platz gewährt. Offenheit allein macht zwar noch keine gute Fashion Week aus. Aber sie sorgt dafür, dass alles in Bewegung bleibt. Und das verdient Aufmerksamkeit.