Mode

MBFWB: Mut ist besser

Von , 4. July 2016

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Hien Le S/S17 ©Daniel Müller

So viele gute Nachrichten wie diese Saison gab es auf der Berlin Fashion Week schon lange nicht mehr – und auch die Kollektionen machen Hoffnung

Der erste Tag der Modewoche endet mit einer Baustelle. Klingt typisch Berlin, und irgendwie ist es das ja auch. Aber die Baustelle ist nicht irgendeine, es handelt sich dabei um das neue Berliner Stadtschloss, das sich gerade im Aufbau befindet. Hier, in diesem weitläufigen, grauen Rohbau, zwischen meterhohen unverputzten Betonwänden, stellten Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von Odeeh ihre neue Kollektion für die kommende Frühlings- und Sommersaison vor: Mäntel und Kleider mit abstrakten Blumenmustern, voluminöse Blusen mit Volantdetails, sportliche Chinos.

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Odeeh S/S17 ©PR

Das unfertige Stadtschloss war nicht nur eine der spektakulärsten Locations, die man auf der Berlin Fashion Week bisher jemals besuchen durfte. Das Duo hinter Odeeh hatte sich, ohne es wohl richtig zu ahnen, auch ein Symbol ausgesucht. Für die rohe Schönheit Berlins und eine Modeszene, die sich auch nach vielen Jahren noch im Aufbau befindet. Doch so wie das Stadtschloss schon eine beeindruckende Form angenommen hat, so kämpft sich auch Berlin als Modestandort aus dem Baustellen-Status langsam aber sicher heraus. Die vielen neuen Projekte und Initiativen der jüngeren Vergangenheit tragen langsam Früchte, das konnte man diese Saison besonders gut beobachten. Der „Fashion Council Germany“ hat H&M als Partner mit ins Boot geholt, der Fashion-Riese unterstützt künftig ein zweijähriges Förderprogramm, für das man sich als Modedesigner bewerben kann. Der „Berliner Mode Salon“ hat mit der Online-Boutique Luisaviaroma.com endlich einen internationalen Retail-Player nach Berlin gelockt. Der Store wird ab Januar 2017 ausgewählte Looks deutscher Designer in seinem Geschäft in Florenz sowie online verkaufen. Und für Tim Labenda war es sicherlich eine besonders schöne Woche: Der Berliner, einer der talentiertesten deutschen Designer, hat den „International Woolmark Prize“ für Europa im Segment Frauenmode gewonnen. Der Council hatte ihn im April nominiert. Und Korsagen-Entwürfe von Marina Hoermanseder sind aktuell im Horrorfilm „The Neon Demon“ mit Elle Fanning zu sehen. Ganz ehrlich: So viele gute Nachrichten auf einmal hat die Berlin Fashion Week bisher selten geliefert.

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Malaika Raiss S/S17 ©PR

Zum Glück sorgte auch das Geschehen auf dem Laufsteg für Optimismus. Die Designer trauen sich mehr, versuchen, eine für sie eigene Sprache zu entwickeln. Viele setzten diese Saison auf eine romantische, dekorative Ästhetik, die man auch auf schon auf den internationalen Laufstegen beobachtet hat. Malaika Raiss näht überdimensionale Rüschen an eine Weste oder entwickelt daraus breite Obi-Gürtel, das Oberteil eines Kleides erinnert durch seine Form und Faltenlegung an eine Muschel. Bei Schumacher flattern nonstop die Volants an der Front Row vorbei, sie zieren Tops und Kleider mit offenen Schultern (der Trend wird im nächsten Sommer wohl noch bleiben). Bänder sind ein wichtiges Thema, bei Perret Schaad verzieren sie Ärmel oder dienen als Gürtel, mit denen man ein Oberteil an der Taille festzurren kann. Und Dawid Tomaszewski stellt zwar in seiner von Debbie Harry inspirierten Kollektion überwiegend fließende und wunderbar weich fallende Kleider vor, wagt sich aber auch an eine opulente Jacke und einen langen Rock aus knallgelben Federn.

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Dawid Tomaszewski S/S17 ©PR

Auch wenn der Rock jedem Size-2-Model zehn Kilo mehr auf die Hüften zaubern würde: An solchen „Show Pieces“ sollten sich mehr Berliner Designer versuchen. So war die Kollektion von Odeeh durchdacht und auf den Punkt, aber der besondere Rahmen, in dem sie gezeigt wurde, schrie förmlich nach dem einen oder anderen „Wow“-Entwurf, nach mehr Übermut und weniger Zurückhaltung. Bei Marina Hoermanseder, „the hottest ticket in town“, gehören mutige Teile unweigerlich dazu, die tragbaren Skulpturen, wie ein steifes Oberteil aus vielen kleinen Lederblüten. Die Österreicherin tut einerseits gut daran, an ihren übertriebenen Proportionen und Korsagen-Variationen fest zu halten. Dass sie darüber hinaus noch einiges drauf hat, zeigen Stücke wie ein wunderschöner knöchellanger Rock in Grenadine, der über und über mit kleinen Perlen bestickt war und trotzdem überraschend leicht wirkte.

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Marina Hoermanseder S/S17 ©PR

Couture-Handwerk und Stickerei-Arbeiten sind nicht unbedingt typische Merkmale von deutschen Designern. Bei Augustin Teboul dagegen sind sie wichtige Bausteine der Marken-DNA, und dank einer Kooperation mit dem Kristallhersteller Swarovski konnten Annelie Augustin und Odély Teboul noch mehr experimentieren als sonst. Ein aufwendiges Patchwork aus Häkelarbeiten, Spitze und Glitzer prägte Entwürfe zwischen Punk und Glam-Rock, für die bestickte Bikerjacke würde so manche Luxuskundin sicher gerne ein paar Tausender ausgeben.

Viele Berliner Designer sind weiterhin Experten für entspannte Tagesmode, in der man vergisst, dass man überhaupt etwas trägt (was ein gutes Zeichen ist): Hien Les blau-weiß gestreiften Hemden und knielangen Plisseeröcke passten perfekt zu dem sonnigen Vormittag, an dem er seine Kollektion im Garten des Kronprinzenpalais zeigte.

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Hien Le S/S17 ©Daniel Müller
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Hien Le S/S17 ©Daniel Müller
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Hien Le S/S17 ©Daniel Müller
Backstage at Hien Le S/S17 ©Daniel Müller
Hien Le S/S17 ©Daniel Müller

Bei René Storcks leisen Entwürfen drehte sich alles um die Silhouette: die zart angedeuteten Keulen-Ärmel einer Jacke, der etwas zu groß aussehende Blazer, die ungewohnt breit aussehende Brustpartie eines Sakkos. Storck stellte erstmals eigene Männer-Entwürfe vor, und auch die maskulinen Frauenlooks erzählten von der Entwicklung hin zu einer Mode, die kaum noch Grenzen zwischen den Geschlechtern zieht. Deutsche Designer nehmen durchaus war, wie sich der Zeitgeist entwickelt und reagieren darauf. William Fan lud direkt nach seiner Show (weit fallende Hemden, Pyjama-Anzüge, Thema: der Tag nach einer Party) in den Backstage-Bereich ein, wo er seine eigene Porzellan-Linie vorstellte und auch direkt zum Kauf anbot. Taschen und Schmuck führt er bereits, sein Ziel: Eine Lifestyle-Marke kreieren. Diese neue Generation von Berliner Designern strebt nach Größerem. Nobieh Talaei zeigt im September in Paris, Marina Hoermanseder hat eine eigene Vertriebsabteilung aufgebaut. Sie wollen nicht nur Mode, sie wollen Geschäfte machen. Und nach dieser Woche glaubt man, dass ihnen das durchaus gelingen kann.

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William Fan S/S17 ©PR