Mode

Legende: Bill Cunningham

27. June 2016

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Über sechs Dekaden hinaus dokumentierte Bill Cunningham die Entwicklung unserer Bekleidungskultur mit ungemeinem Eifer. Am Samstagabend ist der legendäre New Yorker Fotograf im Alter von 87 Jahren verstorben

Die New York Times, für die der “Officier de l’ordre des Arts et des Lettres”-Ausgezeichnete allein 40 Jahre lang gewirkt hat, beschrieb ihn als “untypischen kulturellen Anthropologen”. Gelebt hat Cunningham wie ein religiöser, spartanischer und zugleich säkularer Mönch, dessen tägliches rituelles Mantra es war, einen analogen Film nach dem nächsten einzulegen. Sein eigener, fast uniformer aber charakteristischer, Bekleidungsstil bestand aus einer blauen Arbeiterjacke mit praktischen Taschen, schwarzen Sneakers und selbstverständlich seiner Kamera, natürlich mit Tasche. Er durchquerte New York wie ein Abenteurer mit dem Fahrrad – zuletzt fuhr er sein bereits 29. Fahrrad, da alle Vorherigen gestohlen wurden.
Mit “I am like a bird getting out of a cage” beschrieb er seine Arbeit, bei der er völlig frei und ohne Vorschriften früh aus dem Haus zum candid Fotografieren ging – seine Art des Fotografierens, bei der er seine Motive spontan und ungefragt ablichtete. “Money is the cheapest thing. Liberty is the most expensive”, lautete seine Rechtfertigung dafür, für viele seiner freien Arbeiten kein Geld entgegenzunehmen. Cunningham ging es nie um das Dokumentieren von bekannten, reichen und schönen Persönlichkeiten, sondern um das Festhalten eines Momentes, der die Entwicklung unserer Bekleidungskultur visuell einfängt und umgekehrt darum, wie unsere Körper selbst den Nerv der Zeit festhalten. Seine demokratische und populistische Einstellung gegenüber der Kleidung brachte ihn dazu, Menschen jeder gesellschaftlichen Klasse, jeder Nationalität, jeden Berufes und jeder sexuellen Identität, zu dokumentieren. “More than anyone else in the city, he has the whole visual history of the last 40 or 50 years of New York. It’s the total scope of fashion in the life of New York” – so beschrieb der amerikanische Modeschöpfer Oscar de la Renta den beliebten und charmanten Cunningham.

Neben dem Fotografieren besaß Cunningham eine besondere Begeisterung für das Filtern, Vergleichen und Analysieren seiner Aufnahmen. Durch seine visuellen Beobachtungen konnte er regelrecht Trends vorausahnen,  so Anna Wintour, die außerdem behauptete, dass New Yorkerinnen sich nur für Cunningham kleiden. Zudem wusste Cunningham genau, wenn ein kontemporärer Designer ein Detail aus der Vergangenheit kopierte und hatte dabei eine streberhafte Freude daran, nicht nur seine originalen Aufnahmen aus der Vergangenheit den “neuen Kreationen” gegenüberzustellen, sondern auch die Modeschöpfer zu entlarven, wenn er auf den Laufstegen seine Streetwear-Aufnahmen entdeckte. Es ist sein Gesamtwerk und die Art und Weise wie er arbeitete, die Bill Cunningham zu dem einzigartigen Künstler macht, der sich von der Masse derer absetzt, die sich heutzutage als Künstler bezeichnen.

“It’s as true today as it ever was: he who seeks beauty will find it.”
Bill Cunningham, 2008

Autorin: Eliza Helmerich