Mode

Kolumne: Nicht ohne Raf Simons

Von , 26. February 2016

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Lisa Feldmann – Mein Leben als Chefredakteurin

Raf Simons muss man ja wohl niemandem mehr erklären. Seit er zunächst Jil Sander in die damals relevante Gegenwart zurück transferierte und danach Dior zu neuem Leben erweckte, ist der Belgier auf der ganzen Welt ein „Haushalts-Name“. Vorausgesetzt, es handelt sich um einen modisch interessierten Haushalt.
Meine Erinnerung reichen zurück an verregnete Modeschauen in Paris Mitte der Neunzigerjahre. Inmitten durchgetakteter Defilees, die damals in den Katakomben des Louvre über die Bühnen gingen, reiste man in scheinbar abgewrackte Aussenbezirke, stieg über viele Stockwerke eine Parkhaus-Etage hinauf, damit einem dann dort eine Gruppe trotziger Jungs betont ungelenk, dabei maskulin und Strassen-Gangster-sexy in den schönsten Blousons, den aufregendsten Mäntel und in Hemden To Die For entgegenschlenderten.
Ich war gerade angekommen in der Welt der Mode. Nach Jahren des Literatur-Studiums, das mich direkt in die deutschen Feuilletons katapultieren sollte, war ich über meine neuen Idole Helmut Lang, Rei Kawakubo oder Miuccia Prada in einen Kosmos geraten, in dem eine Kollektion genauso ernsthaft diskutiert wurde wie ein neuer Roman, ein Theaterstück, ein Bild von Jeff Koons oder ein Song von Oasis. Mode war zum kulturellen Beitrag mutiert – und damit tatsächlich auch bei mir angekommen: Einem Mädchen, dessen Uniform aus Clark-Boots, Levi´s und einem dunkelblauen Rollkragen-Pullover bestand. Seit Teenager-Zeiten.
Raf Simons gehört zu diesen frühen Helden. Und bis heute kenne ich kaum einen Designer, dessen Talent ich mehr bewundere. Was ihn darüber hinaus hervorhebt, ist sein bezauberndes Wesen. Und damit meine ich nicht den schüchternen, dauer-überforderten Jüngling aus dem Film Dior And I. Sondern den selbstbewussten Mann, den zutiefst loyalen Freund und Kollegen, the funny guy, so wie ich ihn vor vielen Jahren in Zürich erlebt habe. Damals war Raf Simons, zusammen mit Haider Ackermann und Laura Mulleavy von Rodarte zu Gast bei den Swiss Textile Awards – in einer Gruppe von insgesamt zehn Designern, die den renommierten Preis bis dahin gewonnen hatten.


Es gab verschiedene Veranstaltungen, Diskussionsgruppen und Dinners, Interview-Termine und Promotion-Photo-Shootings – viele anstrengende, öffentliche Auftritte, die es zu absolvieren galt, um den Schweizer Textilverband zu unterstützen, der dieses ambitionierte Projekt ins Leben gerufen hatte.
Raf Simons war damals mit Abstand der renommierteste unter den ehemaligen Preisträgern. Gerade war seine Berufung zu Jil Sander öffentlich geworden, jetzt drängten die internationalen Medien in sein Leben, über Nacht war er in der Modewelt zum Popstar avanciert.
Raf Simons liess sich davon nicht beirren. Sein Handy blieb abgestellt auf den Podien, während unserer improvisierten Dinner. Und das über beinahe drei Tage.
Stattdessen genoss er das Wiedersehen mit Kollegen, zeigte sich als interessierter und pointierter Gesprächspartner, sparte auch nicht an Zeit und Anteilnahme für die neuen, noch völlig unbekannten Kandidaten, die in jenem Jahr antraten, um den Schweizer Preis zu gewinnen.
In diesen Tagen, an langen Abenden, sind meine Bilder entstanden, ich war damals als Chefredakteurin der Schweizer Annabelle Teil der Jury. Und die private, eher mittelprächtige Qualität der Bilder bringt instant die Erinnerung zurück: An einen feinen, freundlichen, grossen Mann.
Kein Wunder also, dass er jetzt in unserer neuen L´Officiel so eine wichtige Rolle spielt. Denn eigentlich wollten wir damit nur sagen: Raf Simons muss bitte ganz bald wieder Kleider für uns Mädchen und Frauen designen – es wäre furchtbar ungerecht, wenn nach all diesen Jahren bei Jil Sander und Dior am Ende wieder nur die Jungs von seinem Talent profitieren!

Silke Wicherts ausführliches Portrait des Designers finden Sie in der aktuellen zweiten Ausgabe, erhältlich am Kiosk oder via Mail.