Mode

Interview: Sustainable Fashion

Von , 9. May 2016

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©PR/Kings of Indigo

„Man sollte sich mehr an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen als an kommerziellem Luxus“

Der niederländische Nachhaltigkeits-Experte und Kings of Indigo Gründer Tony Tonnaer über Recycling, Shoppen als Hobby und warum in der Gefriertruhe nicht nur Pizza, sondern auch mal die Lieblingsjeans lagern sollte

Eingenähte Hilferufe in Kleidungsstücken, Umweltverschmutzung durch Färbemittel, schwindende Baumwollbestände: Die Modeindustrie bekleckert sich selten mit Ruhm, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Und auch die Konsumenten schreien nur kurz über die schockierenden Nachrichten auf – um am Tag darauf, einen Organic Kaffee Latte in der Hand, wieder shoppen zu gehen und mit Plastiktüten voller 5 Euro T-Shirts heimzukommen. Fast Fashion, so scheint es, ist ein fester Bestandteil unserer Zeit – auch wenn an jeder Ecke ein neuer Biosupermarkt aufmacht. Doch zum Glück gibt es auch einige Gegenbeispiele – sowohl in der High Fashion mit Designern wie Stella McCartney, bei den Textilriesen und besonders kleinere Modemarken punkten im Thema Nachhaltigkeit. Eine von ihnen ist das holländische Denim-Label Kings of Indigo, das gerade zur Nummer eins der nachhaltigen europäischen Modelabels gewählt wurde. Der Kreativdirektor Tony Tannaer engagiert sich seit über zehn Jahren für faire Produktionsstandards und ist damit so etwas wie ein Guru für Nachhaltigkeit. Wir sprachen mit ihm über Recycling, Shoppen als Hobby und warum in der Gefriertruhe nicht nur Pizza, sondern auch mal die Lieblingsjeans lagern sollte.

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Tony Tonnaer ©PR/Kings of Indigo

Was muss sich an der Einstellung von Menschen ändern, um nachhaltiger zu konsumieren, besonders wenn’s um Mode geht?

Die Menschen müssen lieben, was sie kaufen, mehr darüber nachdenken und die Welt als Ganze schätzen und vorsichtig mit ihr umgehen. Es ist doch auch viel schöner, Qualitätsteile Jahr ein, Jahr aus zu tragen und zu erleben, wie sie immer mehr Patina bekommen. Das Motto sollte sein: Kauft bessere Sachen, aber dafür weniger.

Wenn man an jeder Ecke eine Jeans für 10 Euro bekommt, gar nicht so leicht.

Eine Jeans für 10 Euro ist grundsätzlich von schlechter Qualität, ohne hübsches Design und kann gar nicht fair hergestellt sein. Es ist wie ein zwei Euro Huhn im Supermarkt. Man weiß einfach, dass es unter schlimmsten Bedingungen gelebt hat.

Was sind eure Standards für die nachhaltige Herstellung von Denim?

Wir fertigen unsere Produkte aus nachhaltigem Garn, wie etwa organischer Baumwolle oder recycelten Stoffen. Dabei versuchen wir natürlich zu 100 Prozent nachhaltige oder aber mindestens 60 Prozent nachhaltige Stoffe zu verwenden. Bei der Herstellung achten wir darauf, so wenig Wasser, Chemikalien und Energie wie möglich zu verbrauchen, was Dank moderner Technologiestandards immer besser gelingt. Zudem arbeiten wir mit der Fair Work Foundation zusammen, die sicher stellt, dass unsere Fabriken den sozialen Standards entsprechen, die Mitarbeiter nicht ausgebeutet werden und sie in Form von Gewerkschaften für ihre Rechte eintreten können. So haben wir auch die Garantie, dass keine Kinderarbeit stattfindet.

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©PR/Kings of Indigo

Heutzutage gibt unzählige Fairtrade Labels wie Fairtrade Certified Cotton, Transfair, Fair Wear Foundation – um nur ein paar zu nennen. Woher weiß man, welches Siegel hält, was es verspricht?

Ich kann mir gut vorstellen, wie verwirrt viele Konsumenten sind. Am besten ist es, etwas zu kaufen, dass sowohl das GOTS (Global Organic Textil Standards) und das Fairwear Siegel trägt, um sicherzugehen, dass nachhaltige Stoffe verwendet und in Fabriken verarbeitet wurden, in denen die Mitarbeiter nicht ausgebeutet werden. Ich empfehle jedem, sich vor dem Kauf im Internet genaue Informationen über die Standards der verschiedenen Labels einzuholen. So kann man noch bewusster und informierter einkaufen.

Und trotzdem ist es ja leider so: Je mehr produziert wird, desto mehr leidet die Umwelt. Die beste Lösung wäre doch, einfach noch weniger zu kaufen  – nur nicht für den Umsatz der Modemarken.

Uns reicht ein kleines Stück vom Kuchen: Wenn die Leute unsere Sachen gerne tragen, sie lange behalten und sie zum persönlichen Lieblingsstück mit einer Geschichte werden – dann bin ich zufrieden. Es geht nicht darum, so viel wie möglich zu verkaufen, sondern ein nachhaltiges Unternehmen zu sein, von dem alle profitieren und Spaß mit den Sachen haben, sowohl die Designer als auch die Träger. Wir integrieren diese Idee, indem wir Events organisieren, bei denen Kunden unter der Anleitung von zwei Designern aus unserem Team ihren alten Jeans einen neuen Look verpassen können. In Amsterdam haben wir auch ein Projekt initiiert, bei dem abgetragene Jeans eingesammelt und zu neuen Jeans und Stoffen wiederverarbeitet werden.

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©PR/Kings of Indigo

Ein Schritt gegen die Wegwerfgesellschaft ist sicher auch der richtige Umgang mit seiner Kleidung. Mit welcher Pflege kann man seiner Jeans denn zu einem möglichst langen Leben verhelfen?

Man sollte seine Jeans so wenig wie möglich waschen, sie mit Wasserdampf aus der Dusche auffrischen oder sie über Nacht ins Eisfach stecken. Durch die kalten Temperaturen sterben die Bakterien ab und da der Gefrierschrank ja eh meistens schon läuft, spart man Strom, Wasser und Seife. Auch das Jeansmaterial wird geschont. Wenn man die Jeans unbedingt waschen möchte, dann nur von links im kalten Wasser, mit ein wenig grüner Seife. Trocknen sollte man sie auf der Leine.

In einem Interview sagtest du einmal, Geld ausgeben sei eine Art Hobby der modernen Gesellschaft – als Ausgleich zum stressigen Job.

Das stimmt. Und natürlich bringt es Spaß, hübsche Dinge zu kaufen. Aber es sollte eine ganzheitliche Erfahrung sein, nicht einfach ein kurzer Kick als Kompensation für Stress. Viel hilfreicher ist es zu reisen, mit offenen Augen durch die Welt zu laufen und empfänglich für das Schöne um sich herum sein. Man sollte sich mehr an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen als an kommerziellem Luxus.

Vielen Dank für das Gespräch.