Mode

Focus On: Pré Studios

Von , 23. June 2017

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© Fotos: Stini Röhrs | Styling: Jayme Miller | Haare und Make-up: Luna Scherhaufer

Nachhaltigkeit ist inzwischen so etwas wie ein geflügeltes Wort. Dennoch wird sie oft nicht universell und konsequent genug gedacht. Das Label Pré Studios aus Berlin beweist, wie es richtig geht

Es geht ein Ruf nach mehr Bewusstsein durch die Mode: Bewusstsein für den Wert von Qualität, Handwerk und Zeit. Bewusstsein für die Welt und das Ökosystem, in dem wir leben. Bewusstsein für Konsumentscheidungen, mit denen wir maßgeblich in das feinmaschige Netz all dieser Komponenten eingreifen und das wir damit – oft unbedacht – mitgestalten. Die Industrie denkt um und Nachhaltigkeit ist der Schlüssel, mit dem Labels und große Modeketten neue Türen öffnen. Biobaumwolle, Tencel  und Modal, recycelte und biologisch abbaubaure Textilien sowie umweltschonende Farbstoffe sind im Wesentlichen der Kern nachhaltiger Konzepte. Dass dieses Verständnis von Nachhaltigkeit zwar lobenswert, allerdings zu knapp ist, wird oft vergessen. Nachhaltigkeit bedeutet weit mehr als bloß nachhaltige Materialien.

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© Fotos: Stini Röhrs | Styling: Jayme Miller | Haare und Make-up: Luna Scherhaufer

Die Einhaltung von Menschenrechten, eine gerechte Entlohnung, der Ausschluss von Tierversuchen sowie die Komplexität der Distribution sind zentrale Aspekte der Textilproduktion, die dabei unangetastet bleiben. Zudem hat nachhaltige Mode ein großes Assoziationsproblem: Ihr haftet noch immer der Muff von Öko-Mode an – man denkt eher an teure Kartoffelsäcke als an herausragendes Design. Pré Studios möchte das ein für alle Mal ändern. Ende vergangenen Jahres mit einer Auswahl vollkommenen nachhaltiger und fairer Mode lanciert, geht das Berliner Label nun mit der zweiten Edition an den Start. Das Konzept ist so simpel wie genial: Jedes der zeitlosen, sorgfältig designten und hochwertigen Kleidungsstücke einer Edition ist zwei Wochen lang zur Vorbestellung verfügbar. Nur wenn eine Mindestanzahl an Bestellungen erreicht ist, wird anschließend produziert und der Kauf kommt zustande.

Pré Studios arbeitet nur mit einer Handvoll ausgewählter Partner zusammen. Kürzeste Distributionswege, eine nachvollziehbare Herkunft und bezahlbare Lieblingsstücke für die Ewigkeit sind damit garantiert. „Gleichgewicht bedeutet Balance – und Nachhaltigkeit ist die Balance zwischen Wirtschaft, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. Wir schätzen Menschen, Kreativität, Umwelt und Gewinn gleichermaßen. Wir streben nach einem Gleichgewicht in der Mode.“ – so das simple Credo von Pré Studios. Wir haben mit den drei Gründern Niklas Faust, Vincent Mank und Timo Schmitt über ihre Idee, Design und den Weg eines Baumwollshirts gesprochen.

Wie kam euch die Idee zu Pré Studios?

Niklas: Vincent, Timo und ich saßen vor über einem Jahr zusammen und kamen irgendwann darauf, dass die Kleidung, die wir gerne tragen, nicht unter den Bedingungen hergestellt wird, die wir uns wünschen. Wir haben uns anschließend Rat bei Freunden und Bekannten aus der Modeindustrie geholt. Dann folgten viele E-Mails und Telefonate mit den verschiedensten Herstellern weltweit, in Europa, Indien, der Mongolei, Japan und Peru.

Vincent: Nachhaltige Kleidung, die gleichzeitig hohen ästhetischen Ansprüchen gerecht wird, war uns schon eine Weile ein Anliegen. Gleichzeitig war uns bewusst, dass Qualität und Nachhaltigkeit allein nicht reichen, um konkurrenzfähig zu sein – auch die Produktionskosten müssen überschaubar bleiben.

Timo: Uns war und ist es wichtig, dass wir die Anzahl der Zwischenschritte so gering wie möglich halten. Jeder Zwischenschritt erschwert die Kontrolle und Nachvollziehbarkeit, erhöht die Kosten und das Risiko einer verzögerten Lieferung. So entwickelte sich nach und nach die Idee und das Konzept zu Pré Studios.

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© Fotos: Stini Röhrs | Styling: Jayme Miller | Haare und Make-up: Luna Scherhaufer

Woher stammt all euer Wissen rund um Material, Produktion und Distribution?

Vincent: Wir sind alle Quereinsteiger. In unseren verschiedenen Jobs sind wir aber immer wieder mit der Bekleidungsindustrie in Berührung gekommen.

Timo: Wir wussten immer genau, wie die Endprodukte aussehen und sich anfühlen sollen und welchen Anspruch wir an die Herstellungsbedingungen haben. Dadurch hatten wir bei unserer Recherche einen eng gesteckten Rahmen.

Niklas: Quereinsteiger zu sein ist in sofern auch ein Vorteil, weil wir etablierte Prozesse überdenken können. So konnte unser unkonventionelles Konzept überhaupt erst entstehen. Wichtig war dabei immer, mit erfahrenen Partnern zusammen zu arbeiten.

Was gibt es zu beachten, um ein Kleidungsstück nachhaltig nennen zu können?

Vincent: Für uns bedeutet Nachhaltigkeit Fairness gegenüber den am Herstellungsprozess beteiligten Menschen, Rücksicht auf die Natur und die Langlebigkeit der Produkte im Hinblick auf Qualität und Design.

Was war euch beim Design eurer ersten Edition wichtig? Hat sich bei der zweiten Edition daran etwas geändert?

Niklas: An den Produkten der ersten Edition haben wir ziemlich lange gefeilt. Sie sollten Basics sein, also Alltags-Kleidungsstücke, die außerdem zeitlos und langlebig sind.

Vincent: Wir wollen eine Art Baukasten schaffen in dem alle Teile, die aktuellen wie die zukünftigen, zusammenpassen. Uns interessieren nicht saisonale Trends, sondern eine permanente Kollektion, die immer wieder erweitert wird – mit den Stücken der zweiten und nachfolgenden Editionen.

Eure Preise sind durchaus vergleichbar mit denen etablierter Modeketten ohne nachhaltigen Hintergrund. Wie gewährleistet ihr bei den geringen Stückzahlen dieses sensationelle Preis-Leistungs-Verhältnis?

Vincent: Das ist genau, worum es uns geht. Das pre-order-System ermöglicht uns, nur das zu produzieren, was unsere Kunden bestellt haben. Dadurch vermeiden wir Zwischenhändler, hohe Lagerkosten und die Mehrkosten von Überproduktion. Diese Effizienz versuchen wir in allen Bereichen fortzusetzen.

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© Fotos: Stini Röhrs | Styling: Jayme Miller | Haare und Make-up: Luna Scherhaufer

Wie viele Stationen passiert ein normales Baumwollshirt im Vergleich zu einem Shirt von Pré Studios?

Niklas: Konventionelle T-Shirts werden über viele Herstellungsstationen um die 21.000 km weit transportiert, bevor sie im Laden liegen. Unsere T-Shirts brauchen ungefähr nur die Hälfte davon, bis sie beim Kunden sind. Wir lassen die T-Shirts aus GOTS-zertifizierten Stoffen aus Pimabaumwolle von einem schwedischen Familienunternehmen in Lima herstellen.​ ​Dieses kauft die Baumwolle zu fairen Preisen von 160 Kleinbauern aus der Region ab und verarbeitet die Fasern direkt vor Ort zum fertigen Produkt weiter. Von dort kommen die Shirts dann zu uns nach Berlin. Dort gehen sie meist noch am gleichen Tag auf die Weiterreise zu unseren Kunden.

Bleiben wir beim Beispiel: Mit guter Pflege kann man auch ein normales Baumwollshirt mehrere Saisons lang tragen. Was macht bei eurer Baumwolle den Unterschied?

Timo: Die Fasern von Pima-Baumwolle sind drei mal so lang wie die konventioneller Baumwolle. Die Qualität des daraus produzierten T-Shirts ist deshalb viel höher. Es ist widerstandsfähiger, weicher und bleibt länger in Form.

Niklas: Pima hat sogar hypoallergene Eigenschaften, ist also besonders geeignet für Menschen mit sehr sensibler Haut.

Viele Modeketten lancieren neue nachhaltige Konzepte und das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Wie schätzt Ihr die Entwicklungen auf dem Markt ein?

Niklas: Durch unsere direkten Kontake zu Herstellern, Lieferanten und Kunden ist unsere Chance, Nachhaltigkeit umzusetzen und zu überprüfen viel größer, als bei großen Konzernen. Wir freuen uns deshalb sehr über das große Interesse und den Erfolg der ersten Editionen. Wir hoffen, dass wir einen Beitrag zu diesem Wandel beitragen können, der tatsächlich in der Luft zu liegen scheint!

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© Fotos: Stini Röhrs | Styling: Jayme Miller | Haare und Make-up: Luna Scherhaufer

Wo kauft Ihr selbst eure Kleidung und hat sich euer Verhalten mit Pré Studios nochmals verändert?

Timo: Mich mit der Industrie zu beschäftigen, hat vor allem dafür gesorgt, dass ich viel weniger kaufe – nicht nur, weil mich die Verantwortungslosigkeit und die niedrige Qualität vieler Marken abturnt. Ich habe eher gelernt, die Dinge, die ich habe oder kaufe mehr wertzuschätzen.

Niklas: Ich kaufe schon lange kein Fast Fashion mehr, lege Wert auf wenige, gut gefertigte Produkte. Mit Pré hat sich mein Verhalten dahingehend geändert, dass ich jetzt auch unsere eigenen Produkte tragen kann.

Last but not least: Habt ihr einen ultimativen Pflegetipp parat, damit Textilien länger schön bleiben?

Timo: Den ultimativen Tipp vielleicht nicht. Es reicht aber völlig aus, Kleidung normal bei 30 Grad zu waschen. Ökologische Waschmittel und Weichspüler sind viel besser für die Kleidung.

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© Fotos: Stini Röhrs | Styling: Jayme Miller | Haare und Make-up: Luna Scherhaufer

Vielen Dank für das Interview.