Mode

L’Officiel Cribs: Nicola Formichetti im Interview

Von , 17. March 2016

“Die Leute denken, dass ich verrückt bin” – in seinem New Yorker Loft spricht Diesel Artistic-Director Nicola Formichetti mit uns über sein Image, seine Arbeit mit Lady Gaga, die Zukunft der Modebranche und Porno-Seiten als Inspirationsquelle

Es ist ein eiskalter Februarmorgen mit knallblauem Himmel und Sonnenschein, irgendwo in New Yorks Stadtteil SoHo. Wir haben die Dachetage des Backsteingebäudes erreicht, die schweren Metalltüren des Fahrstuhls gleiten auseinander und eröffnen den Blick auf einen lichtdurchfluteten, von mannshohen Zimmerpflanzen gesäumten Raum – eine kleine Oase inmitten des Großstadttrubels. Wohlig warm ist es hier, in dem weiß polierten Marmorkamin lodert ein Feuer. Perfekt arrangiert, beäugen Pinocchio, halb nackte Manga-Figuren und japanische Spielzeuge von ihren bunten Regalbrettern aus die Neuankömmlinge.
Genau so habe ich mir seine Wohnung vorgestellt. Nur ihr Bewohner durchkreuzt meine Erwartungen: Nicola Formichetti. Nach einem herzlichen „Hallo!“ und „Habt ihr euch gestern wohlgefühlt, auf meiner Party?“ führt sein erster Weg direkt zum Kühlschrank – um nachzuschauen, was er seinen Gästen anbieten kann. Es folgt eine komplette Führung durch die frisch bezogene Maisonette-Wohnung, begehbarer Kleiderschrank („Bitte die Augen zumachen, es ist leider ein totales Chaos!“), Atelier und das Hausdach inklusive, zum Abschluss gibt es ein kleines Chopin-Klavierkonzert – „das ist meine Art, zu entspannen“.
Ich bin verwirrt. Nach intensivem Snapchat-Stalking und endlosem Durchklicken der Google-Bildergalerie, hatte ich fest mit einem hyperaktiven Fashion-Freak gerechnet, der non-stop von sich und seinem total abgedrehten Partylife quasselt. Aber Nicola scheint die Ruhe selbst zu sein – wenn er spricht, dann tut er dies vor allem mit seinen mandelförmigen braunen Augen. Aus ihnen strahlt diese ehrliche Begeisterung, die man eigentlich nur von Kindern kennt. Vielleicht das Erfolgsgeheimnis des 38-Jährigen mit den halb-italienischen, halb-japanischen Wurzeln?
Er war das kreative Mastermind hinter zahlreichen Covern und Modestrecken von Dazed and Confused und Vogue Hommes Japan, machte Lady Gaga zu einer Mode-Ikone, beschwor als Muglers Artistic-Director einen regelrechten Hype um das einst verstaubte französische Modehaus hinauf, wurde als Fashion-Director von Uniqlo gefeiert – seit 2014 hält Nicola Formichetti das kreative Zepter bei Diesel in der Hand.
Immer mehr als drei Schritte voraus, hat er für das italienische Denim-Label eine Kampagne kreiert, die mit Emojis und digitaler Kultur spielt, laut Nicola „das neue Esperanto der jungen Generation“. Ihr Debut feierten die von Santiago & Mauricio fotografierten Motive mit Slogans wie „Can’t stop retouching myself“ auf Pornhub und YouPorn – seit ein paar Tagen ist halb London mit den provokant-spielerischen Kampagnenpostern gepflastert und auch Berlins graue Hauswände dürfen sich bald mit den farbenfrohen Plakaten schmücken.
Wir treffen den Artistic-Director am Tag nach der großen Madison Diesel Party in seinem New Yorker Zuhause und unterhalten uns mit ihm über seine Herkunft, seine Arbeit mit Lady Gaga, die Zukunft der Modebranche und Porno-Seiten als Inspirationsquelle.

Nicola Formichetti ©PR
Nicola Formichetti ©PR

Wie war es, zwischen Italien und Japan aufzuwachsen?
Es war normal für mich, denn ich kannte es nicht anders. Mein Vater war Pilot, meine Mutter Stewardess. Mit ihnen bin ich von einem Ort zum nächsten gereist, häufig in Asien. Man sagt ja, dass die Kindheit die prägendste Zeit deines Lebens ist. Vielleicht rührt es daher, dass ich heute noch immer so viel unterwegs bin.

Als Teenager bist du dann alleine nach London gegangen. Warum?
Ich wollte von Zuhause ausbrechen. Als Kind wird man von seinen Eltern und der Kultur, in der man aufwächst, stark beeinflusst. Und ehe du dich versiehst, wirst du wie deine Eltern. Egal, ob du das willst oder nicht. Wenn du also das Teenager-Alter erreichst, sagst du entweder „Fuck you“ und rebellierst – oder du fügst dich deinem Schicksal. Ich habe rebelliert. Also bin ich nach London gegangen. Da habe ich dann zum ersten Mal mein eigenes Ding gemacht.

In London hast du dich zunächst für Architektur eingeschrieben, richtig?
Genau. Denn damit hatte ich endlich einen offiziellen Grund, nach London zu ziehen. Meine Eltern haben das damals finanziert. In Wirklichkeit bin ich nur für ungefähr einen Monat in die Uni gegangen. Danach habe ich jahrelang konstant durchgefeiert. Ich bin quasi für ein paar Stunden zur Uni gegangen und danach für ein paar Jahre in die Clubs.

Du hast deine Eltern angeflunkert und das Geld fürs Feiern auf den Kopf gehauen?
Ja, das war nicht so cool. Sie haben die Lunte natürlich irgendwann gerochen. Ich habe aber immer beteuert, dass ich fleißig zur Uni gehe. Meine Mutter hat dann in einem Interview herausgefunden, dass das nicht ganz stimmt. Das war unangenehm. Nach ein paar Jahren der nicht enden wollenden Party musste ich also anfangen, zu arbeiten. London ist sehr teuer. In Berlin kann man feiern, ohne arbeiten gehen zu müssen, oder?

Schön wär’s! Sag mal, dieses Esspapier mit den „betende Hände“-Emojis drauf, das ihr auf deiner Party gestern verteilt habt – war das eine Anspielung auf deine exzessiven Partyjahre oder deine katholische italienische Erziehung?
Haha. Ja, es war ein bisschen von allem. Die aktuelle Diesel-Kampagne spielt ja mit Emojis. Mein Freund Lady Fag hat die Party mit mir organisiert. Wir wollten also etwas machen, dass das Altmodische mit junger Kultur verbindet. In diesem Fall etwas Religiöses mit etwas Provokantem. Ich habe die Dinger ehrlich gesagt gar nicht probiert. Ich glaube, sie schmeckten scheußlich.

Beeinflussen dich deine japanisch-italienischen Wurzeln in deiner Arbeit?
Auf jeden Fall. Früher war ich da anderer Meinung. Ich habe Italien und Japan gehasst. Das war ungefährt das Letzte, was ich repräsentieren wollte. Ich war viel mehr an der Londoner Straßenkultur und Mode interessiert. Damals habe ich meine Herkunft komplett ignoriert und nur an mein neues Ich gedacht. Aber ich bin selbstbewusster geworden. Heute weiß ich meine Vergangenheit wirklich zu schätzen. Erst meine verschiedenen Wurzeln haben mich zu der komplexen Persönlichkeit gemacht, die ich heute bin. Dies zu erkennen, erfordert jedoch, dass man wirklich zu sich selbst gefunden hat. Ich habe erst nach zehn Jahren in London realisiert, dass ich wirklich halb japanisch, halb italienisch bin. Heute kann ich sagen, dass ich die japanische und die italienische Kultur liebe. Meine Wurzeln sind ein großer Teil von mir. Und natürlich auch von meiner Arbeit.

Ist dein Charakter mehr japanisch oder italienisch geprägt?
Ich sehe vielleicht italienischer aus, aber ich bin sehr japanisch. Ich bin eine sehr ruhige Person, sehr Zen. Die Leute denken, dass ich verrückt bin. Nur am Feiern. Aber das stimmt nicht. So bin ich wirklich nicht. Vielleicht war ich mal so, vor zehn Jahren. Heute lebe ich ein sehr selbstbestimmtes Leben. Mich bringt nichts aus der Ruhe. Ich glaube, das ist sehr japanisch. Weißt du, was witzig ist? In Japan wird mir trotzdem oft gesagt, ich sei zu europäisch. Dabei fühle ich mich gerade dann, wenn ich in Italien bin, besonders japanisch. Die Leute von Diesel wollen immer, dass ich mich italienischer verhalte: „Come on-e, be more italian! Let’s stop-pe working, let’s go out-te!“ (Nicola mimt den italienischen Akzent und gestikuliert in wilder Manier.) Für sie bin ich die absolute Spaßbremse, immer sehr fokussiert bei der Sache. Wenn wir Meetings haben, bin ich pünktlich. Ähnlich zu euch Deutschen. Italiener sind immer eine halbe Stunde zu spät. Das einzige, was italienisch an mir sein könnte, ist meine Leidenschaft. Ich kann ziemlich obsessiv und dramatisch sein. Vor allem was Liebe und Kunst betrifft. Aber das ist eigentlich auch sehr japanisch.

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Sind Japaner nicht vor allem etwas verrückt im Kopf? Man denke etwa an diese Cat Cafés…
Cat Cafés finde ich super. Aber meine Lieblingsorte sind Tokios Maid Cafés. Da arbeiten die Mädchen in Lolita Outfits. Bevor du dort deinen Cappuccino trinkst, machen sie dir ein kleines Zauberkunststück vor, damit dein Cappuccino besser schmeckt. Man singt zusammen und zaubert ein bisschen Magie und Liebe in den Kaffee (er beschwört mit kreisenden Händen eine imaginäre Kaffeetasse). Dann macht man ein Foto zusammen. Ich liebe diese Kawaii Kultur mit ihren japanischen Prinzessinnen. In Tokio gibt es viele Menschen, die diese Manga-Kultur zelebrieren. Man nennt sie Otakus. Ich bin süchtig nach Manga Comics. Was das betrifft, bin ich ein ziemlicher Nerd. Ich besitze super viele Manga Figuren und Spielzeuge.

Was kochst du Zuhause – italienisch oder japanisch?
Japanisch. Meistens esse ich Ramen.

Warum gab’s dann gestern Pizza auf deiner Party?
Gute Frage, ich habe sie gar nicht probiert. Momentan versuche ich, keine Kohlenhydrate zu essen. Wenn man viel in Italien unterwegs ist, wird man wirklich dick. Entweder gibt es Pasta oder Pizza, Pasta oder Pizza, Pasta oder Pizza…

Der beste Ort zum Ramen Essen in Tokio?
Man sollte auf jeden Fall die Ramen auf der Straße essen. Das sind die besten. In New York würde ich nichts essen, was mir auf der Straße angeboten wird. In Japan ist es aber eine Tradition, Ramen auf der Straße zu essen. Ich liebe das.

Wie bist du zur Mode gekommen?
In London habe ich viel in einem Record Store namens Kokon To Zai (heute KTZ) rumgehangen und meine Zeit damit verbracht, Platten zu hören und Magazine zu lesen. Ich war verrückt nach der Mode in The Face, i-D und Dazed. Irgendwann verriet mir die japanische Verkäuferin, dass sie vorhatte, einen eigenen Store namens The Pineal Eye zu eröffnen. Sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, dort zu arbeiten. Ich brauchte dringend Geld, also habe ich sofort zugesagt. Meine Idee war, High-Fashion Klamotten mit abgefahrenen Costumized Designs von meinen Jungdesigner-Freunden und Vintage-Teilen auf einer Kleiderstange zu mixen. Außerdem wollten wir Sneakers und Spielzeuge aus Japan verkaufen. Heute klingt das normal. Aber damals war es etwas Innovatives. Als wir das erste Mal zur Fashion Week nach Paris geflogen sind, um dort Klamotten einzukaufen, haben uns Hedi Slimane, Raf Simons und Bernhard Wilhelm sofort in unserem Shop-Konzept bestärkt. Wir gehörten damals übrigens zu den Ersten, die ihre Designs geordert haben. Das war super Cutting-Edge. Es war verrückt – meine Lieblings-Magazine gingen bei uns ein und aus, um sich Kleider für ihre Shootings auszuleihen.

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Und wo hast du Lady Gaga kennengelernt?
In New York. Nach ein paar Jahren im The Pineal Eye wurde ich von Dazed and Confused abgeworben und hatte dort zunächst meine eigene kleine Kolumne. Aus einem kleinen Assistenten wurde schließlich der Creative Director. Nach 10 Jahren wurde mir langweilig. Ich wusste in und auswendig, wie man ein Cover gestaltet oder eine Ausgabe macht. Es hat mich nicht mehr herausgefordert. Nebenbei hatte ich außerdem als Berater und Stylist für andere Brands gearbeitet. Viele dieser Labels warfen mich heraus, denn ich erzählte Ihnen, wie scheisse ihre Arbeit sei. Ich dachte, ich sei die coolste Person der Welt. Ich war jung und ich habe sehr viele Fehler gemacht. Damals war ich ein ziemlicher Bad Boy. Also habe ich mit 28 Jahren alles hinter mir gelassen und bin nach New York gegangen. Die Leute dachten ich sei verrückt. Als ich in New York ankam, hatte ich nichts. Ich träumte schon lange davon, etwas zu machen, das meine zwei Leidenschaften, Musik und Mode, miteinander verbindet. Ich wollte eine Mode-Ikone kreieren. In den 70ern gab es Cher und Bob Mackie, in den späten 80ern Madonna und Gaultier, 2001 Bjoerk und Marjan Pejoski. Das war’s. Danach war es ein Tabu, als Mode-Person mit einem Musiker zusammenzuarbeiten – mit wem auch? Britney Spears oder Christina Aguilera? Also habe ich meinen Wunsch ins Universum geschickt, als ich alleine in East Village auf meinem Bett lag, ohne Job. Kurze Zeit später habe ich einen Job beim V Magazine bekommen. Eines Tages hörten meine Kollegen einen frühen Song von Lady Gaga. Ich war begeistert. Also haben wir ein Shooting mit ihr in L.A. organisiert.

Dann wurdest du ihr Stylist. Wie war es, mit ihr zu arbeiten?
Wir hatten vom ersten Moment an eine besondere, intensive Verbindung. Ich habe ihre Energie geliebt. Bis dahin hatte ich das Ergebnis meiner Shootings immer nur in 2D vorliegen gehabt. Aber mit Gaga begannen meine Kreationen zu leben, auf der Straße zu laufen. Sie wurde zu meinem persönlichen 3D Magazin. Gaga wurde dann schnell berühmt. Paparazzi begannen, sie zu verfolgen. Habe ich ihr etwas angezogen, wusste ich, dass es am nächsten Tag im ganzen Internet zu sehen sein würde. Das war aufregend. Ihre Musikvideos bin ich wie ein Magazin-Shooting angegangen. Ich habe ein Konzept kreiert, die Looks festgelegt, Set-Designer an Bord geholt und Hair-Make-Up organisiert. Gaga wollte Teil dieser Modewelt sein. Also habe ich sie mit Designern bekannt gemacht, z. B. Alexander McQueen und Miuccia Prada, Giorgio Armani. Ich habe ihr quasi die Tür zur Akzeptanz in der Modebranche geöffnet. Zu Anfang war das echt hart, denn damals war niemand daran interessiert, mit einer Musikerin zu arbeiten. Heute ist das anders.

Ist die eigentlich wirklich gaga?
Sie ist ein cooles Mädchen. Da ist die eine Gaga, die so ist, wie ihr oder eure Freundinnen. Und da ist die andere Person, die zu der Kreation „Lady Gaga“ gehört. Diese Rolle muss sie einnehmen, um als kreative Person an ihrem Image arbeiten zu können.

Du hast ja auch dieses Fleisch-Kleid designt, das sie zu den VMAs getragen hat. Hattet ihr einfach Bock auf eine BBQ After-Show oder was war die Idee dahinter?
Wir meinten das damals sehr ernst. Zu dem Zeitpunkt der VMAs gab es viele Skandale, die gegen homosexuelle Menschen gerichtet waren – z. B. im US-Militär. Wir haben also entschieden, den roten Teppich als Performance zu nutzen. Mit dem Fleischkleid wollten wir symbolisieren, dass wir alle gleich und gleichberechtigt sind. Wir alle sind aus rotem Fleisch gemacht. Egal ob hetereo-, homo-, bisexuell oder was auch immer. Wir haben darüber nie geredet, denn wir hatten keine Lust, uns erklären zu müssen. Der Tag nach den VMAs war verrückt. Ich habe Liebes-Mails und Hass-Mails bekommen. Peta ist förmlich durchgedreht. Das war absurd. Ich esse Fleisch, aber nicht viel. Gaga ist tatsächlich Vegetarierin. Wir wollten kein Fleisch promoten. Es war ein Kunstprojekt.

Du scheinst ein Fan von Neuanfängen zu sein. Wann hast du zuletzt etwas Neues ausprobiert?
Ich bin ziemlich abenteuerlustig. Ich habe dieses Verlangen, jeden Tag etwas vollkommen Neues zu machen. Das kann eine neue Art meines Stylings sein oder eine andere Art, mit Menschen zu reden. Manchmal versuche ich, einen anderen Weg zur Arbeit zu laufen. Ich versuche, immer ein Ding in meinem Tagesablauf anders anzugehen, als ich es normalerweise tue. Das macht dein Leben aufregend.

Heute schon etwas Neues ausprobiert?
Oh, noch nicht! Ich denke noch immer darüber nach. Aber der Tag ist ja noch jung.

Vor zwei Jahren bist du als Artistic-Director zu Diesel gewechselt. So ein traditionsreiches Label generalzuüberholen ist eine ziemliche Aufgabe. Wie ist es bisher gelaufen?
Es ist toll! Ich habe vorher noch nie für ein ähnlich großes Unternehmen gearbeitet. Als ich damals mit Renzo Rosso gesprochen habe, hat Diesel sehr gut performt. Aber Renzo beschäftigte die Frage, wo Diesel in zehn oder zwanzig Jahren stehen wird. Also hat er gesagt: „Nimm dir Zeit, wir haben keinen Druck, lass es uns langsam angehen.“ Das war völlig neu für mich. Die ersten zwei Jahre habe ich also damit verbracht, die vorhandenen Firmenstrukturen zu optimieren. Mein Ziel war, eine Basis zu schaffen, mit der ich arbeiten kann – dies betrifft nicht nur Mitarbeiter, Marketing und Stores, sondern vor allem auch die Kollektionen. Hier habe ich viel mit traditionellen Diesel Designs gearbeitet und diese verfeinert, sie einfacher gemacht. Jetzt ist es Zeit, mit meinen Ideen rauszutreten. Dieses und nächstes Jahr werden verrückt!

Nicola Formichetti und Renzo Rosso auf der Diesel Madison Party in New York ©PR
Nicola Formichetti und Diesel-Gründer Renzo Rosso auf der Diesel Madison Party in New York ©PR

Ich erinnere mich noch, dass früher alle diese Sweater oder Denim-Jacken mit dem großen Mohawk-Print haben wollten. Irgendwann bekam das Label so ein Gigolo-Image. Ich persönlich muss bei Diesel immer an übertriebene Waschungen und Ziernähte denken. Wie willst du der Brand zu seiner alten Coolness verhelfen?
Diesel definiert sich ganz klar über die Massen. Die Marke ist nicht High-Street und nicht High-Fashion. In der High-Fashion kreierst du als Modehaus eine Vision, die unantastbar ist, machst deine Marke begehrenswert, unerreichbar, cool. Alles was du dazu brauchst, ist eine tolle Show und eine Kampagne. Bei einem Unternehmen wie Diesel ist das viel komplizierter. Hier musst du die coolen Leute erreichen, die heute zudem ein viel größeres Modewissen besitzen, als die Coolen von früher. Gleichzeitig musst du die Menschen ansprechen, die sich nicht im Geringsten für Mode interessieren. Die Frage ist nur, wie? Heutzutage kann man die Leute nicht mehr mit großen Kampagnen und Slogans bombardieren. Man muss da viel spezifischer sein. Analog zu der Vielfältigkeit unserer Produktkategorien, egal ob Denim, Underwear oder Parfum, wollen wir ganz verschiedene Zielgruppen erreichen – und zwar auf unterschiedlichen Wegen. Es ist ein riesiges Projekt. Aber ich liebe diese Herausforderung und es geht in die richtige Richtung.

Gestern habe ich im neuen Diesel-Store an der Madison Ave diese Hero-Boxershorts entdeckt, die den Po liftet. Ziehst du die auch an? Und wenn ja, in welcher Farbe?
Ja klar, mein Po sieht toll darin aus! (legt den Blick auf seinen Boxershorts-Bund frei). Ich schwöre auf Dunkelblau. Sexy oder?

Total! Apropos sexy. Ist es heutzutage eigentlich noch sexy, Designer zu sein?
Wir haben bei Diesel absolut keinen Druck. Wir müssen keine Fashion Show vorbereiten. Wir machen einfach ein paar coole Klamotten. Ich kreiere sogar nicht nur vier, sondern ganze sechs Kollektionen im Jahr. Bei uns ist der Designprozess jedoch wirklich gut strukturiert und fest in mein tägliches Arbeitsleben integriert. Es ist wirklich stressfrei, verglichen zu meinen Freunden, die in der High Fashion arbeiten und absolut keine Lust mehr auf das Business haben. Gerade verlassen ja alle die Modehäuser. Ich bin so froh, dass ich mir ihren Job nicht antun muss. Wir müssen die Mode wirklich überdenken, denn ihre Strukturen sind falsch. Die Art, wie wir Kollektionen präsentieren, nämlich in Saisons, ist wirklich altmodisch. Wir müssen das ändern. Und zwar alle zusammen.

Deine Einschätzung als Magazin-Experte: Wie wird es mit uns weitergehen?
Der Sinn der Magazine, ihre Daseinsberechtigung, wird sich komplett auflösen. Es tut mir wirklich leid, das zu sagen, aber warum sollte man sich als Brand noch dafür interessieren, in einem Magazin stattzufinden? Die Brands werden immer mehr eigene Inhalte produzieren, seien es Webseiten, Magazine oder andere innovative Formate. Video werden immer wichtiger werden. Als Brand kann ich meine Konsumenten direkt ansprechen und zwar über Social Media. Außerdem kann ich als Creative Director viel bessere, aufregendere Foto-Shootings als ihr machen. Warum sollte ich meine Kleider an ein Magazin geben, um sie fotografieren zu lassen, wenn ich es selbst machen kann? Und zwar viel schneller. Denn ich habe nur einen Kunden, Diesel. Ihr müsst viel mehr Kunden bedienen. Das limitiert euch in eurer Kreativität. Das ist der Grund, warum Modemagazine heutzutage langweilig sind. Sie sind zu einem Katalog an Klamotten verkommen. Nächste Saison – und darüber habe ich während der Fashion Week intensiv mit meinen Magazin-Freunden geredet – müsst ihr besonders kreativ sein. Natürlich müsst ihr zu online wechseln. Und nicht nur ein bisschen, sondern zu hundert Prozent. Online wird viel wichtiger sein als Print. Nur die wirklich kreativen Print-Magazine werden bleiben, die Katalog-Magazine werden verschwinden. Wollt ihr also im Print bestehen, müsst ihr interessante Sachen im Print-Heft bringen, die andere nicht machen können oder die man online nicht bringen kann. Sonst geht ihr unter. Es ist ganz einfach: Am Ende wird nur deine Kreativität dein Magazin retten.

Klingt einleuchtend. Denkst du eigentlich manchmal daran, etwas anderes zu machen als Mode? Was ist deine Exit Strategie?
Wenn ich irgendwann alles hinschmeisse, würde ich gerne Kostüme für Filme designen. Mir wurden bereits ein paar richtig abgefahrene Filme angeboten. Aber bisher fehlte mir leider die Zeit. Außerdem hätte ich Lust darauf, Computerspiele zu kreieren. Oder Musik zu machen. Ich spiele gerne Klavier.

Du hast ja außerdem noch dein eigenes Label.
Genau, Nicopanda (zeigt auf das Pandabärkopf-Tattoo auf seinen rechten Arm). Das bin ich.

Du bist ein Panda?
Früher hatte ich einen starken Bart, da wurde mir oft gesagt, ich sähe aus wie ein Bär. Aber ich sehe nicht aus wie irgendein Bär, ich sehe aus wie ein Panda. Denn ich bin Halbasiate. Seitdem ist mein Spitzname Nicopanda. Aus Nicola und Panda.

Wofür steht dein Label?
Meine Ausgangsidee war, günstige Sachen für meine Fans zu kreieren. So etwas wie Feuerzeuge, Phone-Cases, T-Shirts und Halstücher. So im Punk-Hello-Kitty-Style. Mittlerweile ist es eine ganze, geschlechterlose Kollektion. Sie ist noch klein und bisher verkaufen wir die Teile nur in wenigen Stores. Es ist mein kleines Baby.

🐼 @nicopanda #nicopandaFW16 backstage vibe 🐼 #nicopanda 🐼

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In Zeiten von Gender Bending und Transgender Diskussionen liegst du mit Nicopanda ja voll im Trend – welche Message verbirgt sich hinter deinen Designs?
Ich designe meine Kollektion für mich und für dich Leute, die mich umgeben – und diese Menschen besitzen eben verschiedene Farben, Formen und Sexualitäten. Ist es nicht verrückt, dass wir das in der heutigen Zeit noch immer thematisieren müssen? Aber gut, wenigstens spricht mittlerweile überhaupt jemand darüber. Ich habe nichts gegen mädchenhafte Klamotten und auch nichts gegen maskuline Designs. Beides ist toll. Aber am Ende hat jeder das Recht zu tun und zu tragen, was er will. Und Menschen in Schubladen zu stecken, ist nicht wirklich nett. Ich wünschte, die Menschen wären etwas offener.

Ich glaube, ich laufe meistens herum wie ein Typ.
Ja, Mädchen sehen einfach sexy aus, wenn sie Jungs-Klamotten tragen. Ich finde das viel cooler.

Was ist die Idee hinter deiner neuen Diesel Kampagne?
Ich liebe die digitale Kultur und gleichzeitig hasse sie. Dein Handy klingelt die ganze Zeit und eigentlich hast du keine Lust, genervt zu werden. Aber gleichzeitig kannst du nicht die Finger davon lassen. Wir sprechen heute doch fast ausschließlich mit Emojis. Also haben wir Diesel Emojis kreiert und mit den typischen Hashtags gespielt.

Kennst du diese App, die deinen gesprochenen Text in Emojis übersetzt?
Oh, die brauche ich. Wie heisst die?

SpeakEmoji. Bist du selbst viel in Sozialen Netzwerken unterwegs?
Ich bin gerade ein richtiger Snapchat-Addict. Es ist toll. Du kannst den ganzen Tag über wild herumsnappen und am Morgen danach siehst du in deinem Feed, was du alles erlebt hast. Schau mal (er öffnet die App auf seinem iPhone und zeigt uns seine letzten Snaps): Das war ich gestern, hier war ich im Diesel Store, hier bin ich mit Renzo, hier hatten wir unser Diesel-Dinner, ah hier ist Naomi, hier ist die Party, hier spielt die Band, da ist Travis Scott. Ich liebe das. Und so sehen meine Freunde auch immer, was ich gerade treibe. Es ist eine Art offenes Tagebuch.

Ist Instagram eigentlich mittlerweile durch?

Ich nutze Instagram so gut wie gar nicht mehr. Sogar meine Mutter beobachtet meinen Account. Warum sollte ich dort also noch irgendetwas teilen? Deswegen macht mir Snapchat gerade so viel Spaß.

Na gut, es war jetzt kein Hexenwerk, deinen Snapchat-Namen im Netz zu finden.
Echt? Fuck. Naja, ich hoffe einfach, dass sie noch gar nicht weiß, dass Snapchat überhaupt existiert.

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Und zeigst du auf Snapchat echt alles?
Natürlich nicht. Das meiste aus meinem Leben halte ich privat. Ich würde mich zum Beispiel nie beim Sex auf Snapchat zeigen. Ich habe so viele Follower, die sehr jung sind. Ich will also nicht unhöflich sein. Aber ich bekomme so eine riesige Masse an Brüsten, Ärschen und Schwänzen auf Snapchat zugeschickt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Meine gay Freunde zeigen mir auch andauernd irgendwelche eindeutigen Bildchen, die sie auf Grindr und Tinder zugeschickt bekommen… ich hätte viel zu viel Schiss davor, dass mein Foto die Runde macht.
Auf Snapchat ist es ja zum Beispiel so, dass die Bilder spätestens nach einem Tag wieder automatisch verschwinden. Also können die Leute dort völlig unbesorgt mit ihren Schnappschüssen hausieren gehen. Generell ist man auf Snapchat viel offener. Es ist verrückt, oder? Das ist die Art, mit der Jugendliche heute kommunizieren. Aber ja, meine Freunde sind auch immer auf Grindr und Tinder online…

Du etwa nicht?
Nee, ich war noch nie auf Tinder oder Grindr unterwegs. Man kennt mich und das wäre vielleicht keine gute Idee. Die Leute würden alles direkt screenshotten. Ich wünschte, ich könnte dort angemeldet sein. Aber bis vor Kurzem brauchte ich es auch nicht. Meine Freunde sind aber immer dort online, es ist schon fast obsessiv. Klar, es ist ziemlich nützlich. Aber gleichzeitig auch ein bisschen traurig.

Heute ist ja Valentinstag. Hast du gleich noch ein romantisches Real Life-Date?
Ich treffe mich gleich mit meinen Single Freunden. Wir werden irgendwo zu Abend essen und uns dann zusammen betrinken. Haha.

Wie datet man eigentlich in New York?
New York ist sehr einfach. Du findest immer irgendwen. Aber die Leute halten stets Ausschau nach etwas Besserem. Du tauscht deine Partner hier im Sekundentakt. Es ist verrückt. Ich bin eine langweilige, traditionelle Beziehungsperson und hatte in den vergangenen Jahren immer feste Partner. Vor ein paar Monaten haben mein Freund und ich Schluss gemacht. Jetzt bin ich seit langer Zeit wieder Single und genieße das momentan total. Aber manchmal wünsche ich mir jemanden, mit dem ich im Winter kuscheln kann. Es ist so kalt.

Wem erzählst du das. Kam dir deine Idee, die Diesel Unterwäsche Kampagne auf Pornhub und Youporn zu schalten, an einem einsamen kalten Winterabend?
Fast. Ehrlich gesagt, habe ich mir einfach gedacht, dass es sinnvoll wäre, eine Kampagne, die von der Digitalkultur erzählt, auch auf genau den Seiten zu platzieren, auf denen die meisten Menschen unterwegs sind. Das sind Apps und Websites. Im Bereich der Apps habe ich mich also dazu entschieden, die Werbung auf Grindr und Tinder zu schalten. Dann habe ich recherchiert, auf welchen Websites die meisten Onliner unterwegs sind. Und das sind, Überraschung, Porno-Seiten. Wo sonst sollte man also bitte Unterwäsche-Ads platzieren? Das hat phänomenal gut funktioniert. Die Conversion Rate auf Grindr und Pornhub – also das Verhältnis von Klicks zu tatsächlichen Einkäufen – ist unglaublich hoch. Verrückt.

Was sind die Pornhub-Verkaufsschlager – Sport-Bhs oder die Hero-Po-Lifting-Boxershorts?
Gute Frage, ich kenne die Statistiken bezüglich der Geschlechterverteilung bisher noch nicht. Wir haben ja erst vor zehn Tagen damit angefangen, die Analysen sollten also bald kommen. Ich will aber noch mehr mit Pornhub zusammenarbeiten. Die sind so glücklich, denn wir sind die erste Fashion-Brand, die auf ihrer Seite Werbung geschaltet hat. Mal etwas anderes als Pillen und Sex-Hotlines.

Vielleicht solltet ihr mal über Product-Placement in Pornos nachdenken.
Ja, oder? Wie cool wäre es, wenn man den Pornodarstellern Diesel Unterwäsche anziehen würde. Ich plane so etwas in der Art, allerdings soll es nicht in die Richtung Porno, sondern eher in die Richtung sexy Videos gehen, die ein bisschen cheeky sind. Pornhub folgt mir seit gestern auf Instagram. Ich dachte nur „Pornhub folgt dir jetzt. Wow! Haha.“ Es ist witzig. Unser Motto bei Diesel ist ja „Only the Brave“. Also worauf warten? Einige Leute bei Diesel waren gegen meine Idee. Viele haben mich gefragt: „Bist du sicher? Sind wir das wirklich?“ Und ich meinte nur: „Äh ja? Das sind wir. Es ist verdammt nochmal genial!“ Also bin ich zu Renzo gegangen und habe ihn gefragt. Und er meinte (Nicola flüstert): „Machs einfach. Du weißt doch, wir sind „Only the Brave“. Los!“. Dann hab ich’s gemacht. Scheiss drauf. Ob die Leute es gut finden oder nicht – die Zahlen zeigen, dass es funktioniert.

Scheinen sich also doch ein paar mehr Leute Pornos reinzuziehen, als sie es zugeben. Guckst du viel Pornos?
Ich hänge jeden Tag auf Porno-Seiten rum. Natürlich um was auch immer zu tun. Aber auch, um zu studieren, wie die Seiten funktionieren. Meiner Meinung nach sind Porno-Seiten die am nutzerfreundlichsten designten Websites, die es gibt. Sie sind außerdem die Fortschrittlichsten, was die Nutzung von Platz angeht. Stell dir vor, du hast zehn Minuten, zehn Minuten deiner wertvollen Zeit. Du gehst auf eine Porno-Seite, um dein Business zu verrichten. Du musst sehr genau wissen, was du sehen willst. Du klickst also auf Kategorien, die du magst. Jungs, Mädels, was auch immer. (Nicola tippt auf einer imaginären Porno-Seite auf dem Holztisch herum). Und tadaaa, die ganze Seite verändert sich. Alles, was dich interessiert, siehst du nun an einem Platz. Links und rechts siehst du GIFs, also sich bewegende Stills. Die sind Mind-Blowing. Hier holt sich wer einen runter, da presst eine ihre Brüste zusammen. Sehr schnelle Animationen, die dich dazu anregen, drauf zu klicken. Letztens habe ich dieses unglaubliche Porno GIF gesehen, wo das Ding aus dem Bildrahmen herausgetreten ist. Es kam quasi auf dich zu. Ich hab keine Ahnung wie das funktioniert, aber das war total neu für mich. Solche Ideen schaue ich mir also von Porno-Seiten ab, um sie für meine Diesel-Webseite zu nutzen.

Gutes Fazit. Unsere Online-Redaktion sollte sich also mehr Porno-Seiten ansehen und davon lernen.
Ganz genau!

Danke für das Gespräch.

Video: Julia Zierer