Mode

Interview: Lala Berlin Gründerin Leyla Piedayesh

Von , 18. January 2016

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©Julia Zierer Visuals

Ein Gespräch mit der Berliner Designerin über ihr Label Lala Berlin, ihre iranischen Wurzeln und Instagram

Es waren einmal ein paar Pulswärmer aus Kaschmir, die wollte jeder haben – so könnte wohl der erste Satz der Geschichte vom Modelabel Lala Berlin klingen. Seitdem hat seine Gründerin Leyla Piedayesh ein ganzes Lala-Land geschaffen: mit Kollektionen für Frauen, Kinder, Home & Living sowie einer Kooperation mit Lana Grossa.

Das Interview mit Leyla findet während des Lala Berlin Lookbook-Shootings der Herbst-/Winterkollektion für 2016/2017 in ihrer Loft im Berliner Wedding statt. Durch die großen Sprossenfenster scheint die Sonne herein und hüllt das geschäftige Treiben in ein warmes Licht. Neben all den Stylisten, Fotografen und Mitarbeitern ist auch Leylas winziger Hund am Set dabei, allerdings scheint er das ganze eher mit einem gesunden Abstand zu genießen und hockt sich unter einen Mantel auf dem Sofa – Mode kann eben ganz schön aufregend sein.

Was ist denn das Thema der Lala Berlin Herbst-/Winterkollektion für 2016/2017?

Wir haben wieder versucht, den Bruch zwischen dem Orient und dem Okzident herzuleiten und zu schauen, wie man diese zwei Welten verbinden kann – also den modernen Straßenlook in Berlin mit dem im Iran. Eine wichtige Inspirationsquelle war die Kulturstätte Persepolis in Schiraz, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und bei der ich als Kind einmal war. Dort gibt es wahnsinnig viele Figuren, die wir zu Prints weiterentwickelt haben, wie zum Beispiel den hier (sie zeigt auf ein mit Pferden und Stierköpfen bedrucktes Seidenoberteil, das neben uns auf einer Kleiderstange hängt).

Deine Sommer 2016 Kollektion hast du bei der Berlin und der Kopenhagen Fashion Week jeweils mit einer Show gezeigt. Die neue Herbst-/Winterkollektion zeigst du in Berlin diesmal in Form einer Präsentation, die große Lala Berlin Show findet hingegen auf der Kopenhagener Fashion Week statt.

Die beiden Shows im Sommer waren eher eine Spontanaktion – im Prinzip macht es ja keinen Sinn zweimal zu zeigen, weshalb wir damals darauf geachtet haben, die Shows komplett unterschiedlich aufzubauen. Für Kopenhagen spricht, dass wir auf dem Weg der Internationalisierung sind und Skandinavien unser zweitstärkster Markt ist. Ich möchte Berlin als meine Heimat aber nicht einfach stehen lassen und sagen ok Leute, es war nett mit euch und Tschüss. Diese Saison haben wir mit unserem Lookbook Fotografen Jonas Lindström eine besondere Präsentation im Me Collectors Room vorbereitet, die eine Überraschung sein wird für alle unsere Freunde, Verwandte und Kunden – und übrigens auch für mich, weil ich das Ergebnis noch gar nicht kenne.

©Julia Zierer Visuals
©Julia Zierer Visuals

Du bist in Teheran im Iran geboren, mit neun Jahren nach Wiesbaden gezogen und lebst nach Zwischenstopps in London, München und Indien in Berlin. Deinen iranischen Wurzeln scheinst du trotz der vielen Ortwechsel in der Mode treu zu bleiben.

Die Wurzeln sind tief in mir drin, die lassen sich gar nicht wegradieren, egal, wo ich lebe. Das wurde mir besonders nach meiner langen Reise in den Iran, die ich letztes Jahr unternommen habe, klar. Dort habe ich gemerkt, wie sehr meine Kollektionen, besonders die grafischen Elemente und die Farben, von meiner Herkunft geprägt sind. Mit meiner Herkunft beschäftige ich mich, seit ich neun bin. Nach dem Umzug aus dem Iran nach Deutschland habe ich mich immer wieder gefragt, warum Menschen auf bestimmte Weise ticken und warum die Politik und Religion in einem Land Menschen wie meine Eltern dahin bewegt, dass sie plötzlich nicht mehr das zu sein scheinen, was sie vorher einmal waren. Diese Auseinandersetzung mit meinen Wurzeln und die permanente Suche nach dem Sinn hinter allen Dingen setzt sich bis heute bei mir fort. Ich war schon immer ein tiefsinniger, ja schwermütiger Mensch, was wiederum auch genetisch bedingt ist, denn die meisten orientalischen Völker sind sehr schwermütig. Bei ihnen ist immer alles eine Last, nichts wiegt leicht.

Beeinflusst dich die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation im nahen Osten bei deiner Arbeit?

Privat beschäftigt mich fast jede Krise oder Katastrophe, aber meine Arbeit versuche ich davon zu trennen. Für mich soll Mode die Oberfläche verschönern, nicht eine politische Meinung ausdrücken, wie zum Beispiel Vivienne Westwood das macht. Es ist gar nicht so, dass ich politisch nichts zu sagen hätte, aber für mich ist Mode eben etwas, das mit dem Schönen zu tun hat und nicht mit politischen Aussagen. Natürlich bewegt es mich sehr, was in Paris, Syrien oder jetzt in der Türkei abgegangen ist. Da fragt man sich doch, warum die Menschen nach all diesen Jahren immer noch nicht gelernt haben, um was es geht, wofür wir da sind und dass wir alle sterben und es nichts bringt nach dem Tod Millionen für die nächsten Generationen angehäuft zu haben, wenn diese Generation nichts mehr von dieser Welt halt. Diese Gedanken beeinflussen mich hier in meiner Arbeit aber nicht, denn das ist eine Maschinerie, die immer weiter laufen muss. Den einzigen Leitspruch, den ich auf meine Sachen schreiben kann, ist Liebe, denn die vergessen ja die meisten Menschen in unserer schnelllebigen Zeit.

Diese schnelllebige Zeit ist stark geprägt von Social Media. Nach der letzten New York Fashion Week erschien in der New York Times ein Artikel über den sogenannten Instagram imperative. Die Autorin kritisiert darin den zunehmenden Anspruch an die Designer, Instagram Momente, ja sogar Kollektionen zu schaffen, die sich einfach über das Smartphone zeigen und teilen lassen. Wie würdest du den Einfluss von Instagram auf deine Arbeit beschreiben?

Ich bin ein ziemlicher Instagram Addict, insofern kann ich da gar nichts Böses oder Negatives sehen. Ich liebe es als Inspirationsquelle und gehe vollkommen in der schönen Bilderflut auf. Und ich stehe total auf diese wahnsinnig absurden Seiten bei Instagram, aus denen ziehe ich mir auch oft Bilder raus. In Bezug auf den kommerziellen Aspekt einer Kollektion, mein Gott, wir leben halt in einer mehr und mehr kommerziellen Welt. In der gibt es dann heute dieses Medium und morgen ein anderes. Das hat vor kurzem J.W. Anderson bewiesen, als er seine Show über Grindr live gestreamt hat. Man kann solche Aktionen ja sehr unterschiedlich bewerten: Als geniale Idee, die genau an die Art und Weise, wie wir heute leben, angepasst ist oder man zerreißt sie und fragt sich, was soll das bloß.

Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem du realisiert hast, dass du ein Talent für Modedesign hast?

Nein, das habe ich niemals gedacht. Ich glaube, was ich gut kann, ist genau das, was ich mache: eine Firma aufbauen und mit Leuten im Team arbeiten. Und ich hatte wahrscheinlich von früh an einfach einen Instinkt für so etwas, ein Gefühl für Farben und für Ästhetik. Ich würde mich auch eher als einen Creative Director bezeichnen, der genau weiß, was er will und was gut und nicht gut ist, für das, was ich mache. Ich sitze ja nicht da und zeichne, dafür habe ich mein Designteam. (Leyla muss kurz ans Set, es scheint eine Styling-Frage zu geben. Sie entscheidet sich innerhalb weniger Sekunden, besser hätte sie ihre Antwort wohl nicht beweisen können.)

Du hast das Label aus eigener Kraft geschaffen. Was würdest du jungen Menschen raten, die ihre Träume in der Modebranche verwirklichen wollen?

Leyla: Sich auf sich selbst zu beruhen und sich treu zu bleiben, frei von rechts und links in sich reinzuhören und das nach Außen zu tragen. Das ist sehr schwierig, wenn man noch Anfang 20 ist, ich habe ja erst mit 31 gewusst, wie ich mit mir und dem, was ich kann und nicht kann, umgehen soll. Vorher leidet man meistens und hat viele Selbstzweifel. Natürlich habe auch ich bis heute Selbstzweifel, nur ich leide nicht mehr und weiß, was ich kann und dazu stehe ich. Was ich jungen Designers noch rate: sich nicht voreilig selbstständig zu machen, sondern lieber noch mal über Praktika und Jobs in große Firmen reinzuschnuppern. So kann man schnell lernen, wie bestimmte Abläufe funktionieren und worauf es im Business wirklich ankommt. Denn in der Modebranche braucht es noch andere Qualitäten als Kreativität, wie auch in der Kunst: Ein älterer Künstler wie van Gogh musste seine Kunst noch nicht promoten, heute hingegen sind die Künstler eher kommerziell bedacht. Sie achten darauf, welches Management sie haben, in welchen Galerien sie hängen und versuchen Bilder zu machen, die sich verkaufen. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, hat sich stark geändert.

Was würdest du machen, wenn du Lala Berlin nicht hättest?

Oh, das weiß ich gar nicht. Wobei jetzt, wo ich ein Kind habe, wünsche ich mir eine Großfamilie mit vier Kindern, ein Landhaus und mehrere Hunde. Ich würde dann tagtäglich mit meiner Familie die Natur genießen – ich wäre Hausfrau.

Hast du für dieses oder das kommende Jahr Ziele?

Bei Lala Berlin haben wir in nächster Zeit einiges vor: Wir ziehen um und stellen neue Mitarbeiter in verschiedenen Schlüsselpositionen ein.  Natürlich arbeiten wir auch kontinuierlich an neuen Kollektionen. Mein persönliches Ziel ist es, mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen, in ihrem jetzigen Alter nimmt sie die Welt so viel bewusster wahr, das möchte ich mehr miterleben. Ich habe mir deswegen freigenommen und mache dieses Jahr einen längeren Reiturlaub mit ihr.