Mode

Ein Atelierbesuch bei Augustin Teboul

Von , 19. January 2016

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Wir haben den beiden Designerinnen des Berliner Labels Augustin Teboul in ihrem Atelier über die Schulter geschaut und ihnen ein paar Fragen zu ihrer neuen Kollektion gestellt

Es herrscht geschäftiges Treiben in den drei Räumen des Ateliers, irgendwo in einer verschneiten Seitenstraße von Neukölln. Eine junge Frau mit Brille sitzt an einer Nähmaschine, voluminösen schwarzen Tüll unter der auf und ab hüpfenden Nadel hervor schiebend. Durch die ratternde Geräuschkulisse klingt der Gesang einer Männerstimme, die an Ian Curtis erinnert. Es ist der Stuttgarter Künstler Levin Goes Lightly, erfahren wir. Auf dem grauen Estrichtboden kniet ein junger Mann vor einer Schaufensterpuppe, ihre Beine stecken in einer Art wollenen Netzstrumpfhose – sie gleicht einer Meerjungfrau, die sich im Fischernetz verfangen hat. Mit ruhiger Hand befestigt er lose aus dem Häkelkonstrukt hängende Glitzerfäden mit einer kleinen Nadel.
An dem großen Tisch im Raum nebenan beugt sich Annelie Augustin mit konzentrierter Miene über ein Schnittmuster, Linial und Bleistift im Anschlag, ein anderes Mädchen setzt mit ihrer Schere an einem großen Stück Leder an. Ein wohliger Duft liegt in der Luft, eine Mischung aus Kräutertee und alten Möbeln. „Meine Mama hat mir schon mit vier Jahren beigebracht zu häkeln“, erinnert sich die quirlige Odély Teboul, ihre Nadel in einem Tempo durch die grünen Glasperlen hindurch schwingend, dass einem schwindelig wird.
In drei verschiedenen Sprachen wird an diesem Ort diskutiert, konzipiert, gelacht – das Ergebnis ist eine zweimal im Jahr erscheinende Kollektion zwischen Haute-Couture und Pret-á-Porter, mit der das deutsch-französische Designerduo seit 2011 weltweit Erfolge feiert, hoch dotierte Designpreise gewinnt. Saison für Saison reizen die beiden Esmod Paris-Absolventinnen ihr Handwerkstalent aufs Neue aus. Kein Wunder, dass zu ihren Kunden exzentrische Popstars wie Lady Gaga, Beth Ditto oder FKA Twigs zählen – der Stil von Augustin Teboul gleicht einem Seiltanz zwischen Mode und Kunst, ihre Designs entspinnen sich aus dem Surrealen, den Traumwelten von Annelie und Odély.

Wie lautet das Thema eurer neuen Kollektion?

Odély: Es gibt kein bestimmtes Thema. Unsere neue Kollektion führt erstmalig das Konzept der Farbe ein – und zwar nicht nur eine Farbe, sondern viele kleine Farbeinflüsse. Das ist ziemlich neu für uns. Trotzdem trägt die Kollektion ganz klar unsere Handschrift, denn wir haben wieder viel mit Schwarz gearbeitet.

Annelie: Man kann sich das so vorstellen, dass sich viele kleine Farbnuancen in ein großes schwarzes Gemälde einschleichen.

Auf welche Looks dürfen wir uns freuen?

Odély: Es ist ein Mix aus verschiedenen Teilen. Wir haben wieder viel mit Stricktechniken experimentiert, es ist einiges an destroyed-Strick dabei, sehr filigran und transparent. Außerdem wird man geometrische Formen sehen, eine Entwicklung von kleinen zu großen Silhouetten. Bei den Roben haben wir auf Drapierungen gesetzt. Alle Finishings haben wir mit knitted ribs umgesetzt, was den eleganten Kleidern einen lässigen Twist verleiht. Es sind aber auch schwerere Designs aus Leder dabei, die ein bisschen 80’s Rock ’n’ Roll angehaucht sind. Man könnte diesen Kontrast als kraftvoll vs. fragil-feminin bezeichnen.

Annelie: Es ist irgendetwas dazwischen. Auf der einen Seite haben wir Teile, die sehr chaotisch wirken. Auf der anderen Seite sind aber auch sehr klare, strukturierte Designs dabei.

Worin findet ihr die Inspiration für eure aktuelle Arbeit?

Annelie: Normalerweise sind es die kleinen Dinge des Alltags. Es kann ein Film sein, Musik oder aber auch eine Person, der man auf der Straße begegnet. Bei dieser Kollektion war es ganz einfach die Idee, mit Farbe zu arbeiten. Das ist der rote Faden, an dem wir uns diesmal entlang gehangelt haben.

Odély: Genau. Uns hat die Idee gereizt, Farben nicht bloß dafür zu nutzen, um auf schwarzem Untergrund zu malen. Wir haben mit Farbe als ein Element gearbeitet, das sich in das Schwarze einmischt, sich ihm förmlich aufdrängt. Schwarz verwandelt sich bei unserer Kollektion also in Farbe. Während der Kreation habe ich außerdem immer im Kopf, welche Frau die Kollektion tragen soll.

Gibt es bestimmte Frauen, die euch inspirieren?

Odély: Viele verschiedene sogar. Bei unserer Show wird eine französische Sängerin auftreten, Fischbach – ihre Musik ist einzigartig. Wir sind außerdem mit Künstlerinnen wie FKA Twigs und St. Vincent in Kontakt. Das sind Frauen mit einer ganz speziellen Aura, die man als unsere Musen bezeichnen könnte. Aber das ändert sich jeden Tag. Im Moment höre ich zum Beispiel am liebsten Rihanna (lacht).

In diesem Jahr präsentiert ihr eure Kollektion erstmals in einer Show. Wie kam es dazu?

Odély: Wir haben schon so viele verschiedene Präsentationen gemacht, haben viel experimentiert. Für Herbst/Winter 2015 inszenierten wir die Kollektionsteile an 29 inspirierenden Charakteren in einer Foto-Ausstellung. Das war toll, gleichzeitig aber auch sehr zeitintensiv – nicht nur in der Organisation. Bei solchen Formaten braucht es wirklich viel Zeit, um eine Geschichte zu erzählen. Diesmal wollten wir uns wirklich darauf konzentrieren, unsere Kleidung zu zeigen. Nun haben wir zum ersten Mal eine Show und das ist ziemlich aufregend.

Annelie: Ich bin außerdem sehr gespannt, die Kleider in Bewegung zu sehen. Bei unserer letzten Präsentation standen die Mädchen komplett still. Du hast aber ein komplett anderes Erlebnis, wenn du eine lange Robe aber an einem laufenden Model siehst. Es ist nicht so, dass wir unsere Energie nicht in eine aufwändige Präsentation stecken wollen. Ich glaube einfach, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine Show gekommen ist.

Wir sind jedenfalls schon sehr gespannt – danke für das Interview!

Fotos und Video: Julia Zierer