Mode

Das Comeback der Couture

Von , 7. July 2017

haute-couture-herbst-winter-2017-paris-review-lofficiel
Chanel Haute Couture Herbst 2017

In Paris sorgten in den vergangenen Tagen nicht nur die Kleider für Aufsehen – ein Blick auf Spektakel jeglicher Form

Die Haute Couture Schauen in Paris begannen zwar nicht mit einem Knall – dafür aber mit einer konzeptuellen Meisterleistung. Am Montagmorgen ließ die Niederländerin Iris van Herpen das Auf- und Abwandern ihrer Kreationen für den Herbst 2017 von einer Gruppe Unterwassermusiker begleiten, die sich in erhöhten Kästen auf dem Laufsteg befanden. Dort saßen (oder besser gesagt schwebten) sie also, umgeben von einer blau getünchten Flüssigkeit, spielten Instrumente, die extra für den Gebrauch im Wasser angefertigt worden waren, und lieferten einen verzerrten Soundtrack, der meist mystisch, manchmal unheimlich, immer aber nicht von dieser Welt zu stammen schien. Und als ein so passendes Bild für die Haute Couture an sich funktionierte.

Denn so einprägsam die Couture Kreationen auch zwei Mal pro Jahr präsentiert werden, so richtig greifbar, so richtig real wirken sie dabei selten – eher als wären sie von eben dieser getünchten Flüssigkeit umgeben, die dann doch immer wieder einen Schleier zwischen den Zuschauer und das Gesehene, die Realität und die Fantasie, schieben. Doch wie Flüssigkeiten, und ebenso die jüngst in Paris gezeigten Couture Schauen, das passenderweise so an sich haben: Sie laden dafür umso mehr zum Eintauchen ein. In verwunschene Welten, die mal Traum und mal gelebte Tradition sind, immer aber ein Spektakel.

Azzedine Alaia

Kaum eine Show wurde mit so viel Spannung erwartet wie die von Azzedine Alaia – schließlich hat es ganze sechs Jahre gedauert, bis der tunesische Modeschöpfer am Mittwoch wieder eine Couture Kollektion präsentierte. Eine ziemlich lange Zeit also, in der sich so einige Erwartungen anstauen konnten, die jetzt mit einer einzigen Show bedient werden wollten. Eröffnet wurde diese von Alaias Muse Naomi Campbell, gefüllt war sie mit Leopardenmustern an Stiefeln und Jacken, Krokodilmänteln, so einigen schwarzen Roben und begeistertem Jubel, als Campbell den Laufsteg betrat. Kein Wunder, gleicht eine Couture Show von Azzedine Alaia doch einer Rarität in der Welt der Mode: Bevor er sechs Jahre mit seinen Haute Couture Kollektionen aussetzte, mussten sich seine Fans sogar einmal acht Jahre lang gedulden und sollten dafür mit diesen Kreationen mehr als zufrieden sein.

Chanel

Wenn es einen Meister der thematischen Inszenierungen gäbe, dann wäre das wohl Karl Lagerfeld. Und immer, wenn doch schon eigentlich alles erdenkliche gebaut und getan scheint, dann setzt der Kopf von Chanel seinen vorherigen Visionen eines Laufstegs noch einmal einen drauf. Diese Saison gab es dafür sogar eine Ehrung – unter anderem. Vor Beginn seiner Chanel Show wurde Lagerfeld von Anne Hidalgo, der Bürgermeisterin von Paris, die “Grand Vermeil de la Ville de Paris” verliehen, eine Medaille, die den außerordentlichen Verdienst des Modedesigners für die französische Hauptstadt auszeichnen soll. Wie passend, dass wenig später auch die Models unter einem riesigen Nachbau des Eiffelturms flanierten, gekleidet in eine Reihe grauer Tweed-Kostüme, schwarzer Abendkleider und farblich abgestimmter Hüte. Eine Kollektion, für und von Paris.

Maison Margiela

John Galliano und Margiela – das klingt im ersten Moment immer noch wie ein großes Paradoxon der Mode, ergibt aber doch immer wieder, auch beim Betrachten der jüngsten Haute Couture Kollektion des Briten für das belgische Modehaus, überraschend viel Sinn. Galliano, der seit Oktober 2014 die kreative Leitung des Maison Margiela inne hat, nahm sich in dieser Saison den Trenchcoat vor, dekonstruierte und reinterpretierte ihn, und machte daraus mal übergroße Gebilde, mal abgetrennte Ärmel, mal nur noch fragmentarische Einzelteile. Dazu gab es Haare, die mit Schaumresten oder goldener Farbe durchzogen waren, und ein übergreifendes Gefühl, das sich nur als Work in Progress beschreiben lässt – und welches sich trotz Gallianos immer stärker durchscheinenden Extravaganz gerade durch diesen Ansatz doch sehr an die Philosophie Margielas hält.

 

Dior

Für Dior gab es am im Rahmen der Haute Couture Show am Montagnachmittag einiges zu feiern: Zum einen war da das 70-jährige Bestehen des Hauses und die mit diesem Jubiläum einhergehende Eröffnung der Ausstellung “Christian Dior: Couturier du Rêve” im Louvre, zum anderen das, wenn auch etwas schmalere, Jubiläum von Maria Grazia Chiuri als Kreativ Direktorin von Dior. Vor einem Jahr übernahm sie die kreative Leitung des französischen Modehauses und passenderweise wurden auch ihre Models in der jüngsten Couture Schau auf Erkundungstour geschickt. Inspiriert von weiblichen Entdeckerinnen wie Amelia Earhart oder Louise Boyd durften sie den Laufsteg in Variationen von grauen Maxikleidern und Mänteln erforschen, umgeben von aus Holz nachgebauten Löwen und Giraffen. Und auch wenn Chiuri selbst für ihre Kollektion vor allem in den Archiven des Hauses forschte, scheint der Drang, die Geschichte auch in den nächsten 70 Jahren fortzuführen, doch mehr als vorhanden.

Iris van Herpen

So einzigartig Iris van Herpens musikalische Untermalung war, so eindrucksvoll zeigten sich auch ihre Designs. Van Herpens charakteristische Verbindung von Mode und Technik, durch die ihre Entwürfe meist mehr wie zerbrechliche Skulpturen als Stoffgebilde wirken, wurde diese Saison unter die Oberthemen Wasser und Luft gesetzt. So liefen zwischen den Unterwassermusikern Models mit ebenso an die Ozeanwelt erinnernden Kleidern, konstruiert wie ein sehniger Fischkörper, oder mit Röcken aus Luftblasen, die sich als Endlosfläche um den Körper schwangen, über den Laufsteg. In den bisherigen zehn Jahren ihres Labels – auch Iris van Herpen feierte diese Saison ein Jubiläum – hat die Niederländerin es geschafft, ihre per Hand oder mithilfe eines 3-D Druckers konstruierten Entwürfe nicht nur in der Modewelt zu etablieren, sondern auch als absolut visionäre Designs herauszustellen.

Giambattista Valli

Wenn wir an Giambattista Valli denken, dann denken wir an die Inkarnation von Haute Couture. An Unmengen von Chiffon, von Verzierungen, von Fantasie, die der Realität jeglichen Reiz zu nehmen scheint. Der italienische Designer präsentierte auch diese Saison wieder ausladende Roben und funkelnde Minikleider, die auch ohne groß angelegtes Laufstegszenario ganz ihren Bann entfalten konnten. Stattdessen setzte Valli auf den Innenhof des Petit Palais, auf eine simple Stuhlreihe und einen mosaikverzierten Boden. Und die Unterstützer dieser Idee ließen nicht lange auf sich warten: Francois Pinault, der Vorsitzende des Luxuskonzerns Kering und gerade erst als neuer Investor an Bord gekommen, beglückwünschte den Designer noch während dieser nach der Show seine Runde drehte. Celine Dion sprang kurz darauf klatschend auf ihrem Platz auf und ab – mit ihr wohl so einige Herzen von Vallis Kundinnen.

Fendi

Eine ganz eigene Form der Haute Couture präsentierte Fendi: Die Haute Fourrure. Wie sollte es anders sein, wenn Karl Lagerfeld, der Chef der Damenlinie des Hauses, seine Finger im Spiel hat, wurde auch bei Fendi an Aufwand nicht gegeizt und eine große Portion Detailverliebtheit auf die präsentierten Entwürfe übertragen. In der Pelz-Tradition des Hauses wurden Kleider und Mäntel mit Blumen bestickt, die im ersten Moment wie ein floraler Garten schienen, sich dann aber als Kreationen aus Nerz oder Zobel herausstellten. Drapiert auf Entwürfen mit impressionistischen Landschaftsmotiven präsentierte Fendi so eine Blumenpracht, die selbst so einiges an Impressionen bereithielt.