Mode

Alle für einen, einer für alle

Von , 3. August 2016

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Teamarbeit: Wie junge Modelabels wie GmbH aus Berlin das Kollektiv über den Stardesigner stellen

Seit über einer Dekade heißt es, die „Demokratisierung“ der Mode habe die Branche auf den Kopf gestellt. Stimmt natürlich. Man kann bei H&M Designerkollektionen zu vergleichsweise günstigen Preisen erstehen, über Instagram dem Kreativdirektor bei der Arbeit zusehen und auf Snapchat Modenschauen verfolgen, als säße man in der ersten Reihe.

Der Kunde oder der Fan kann heute so gut informiert sein wie ein „WWD“-Redakteur. Wenn es jedoch um die innere Struktur und die Machtverhältnisse innerhalb eines Prêt-à-porter-Hauses geht, zählt Hierarchie immer noch mehr als Demokratie.

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Klar, Labels sind aufgebaut wie die meisten anderen Unternehmen auch: Es gibt ein Team und einen Chef, der seinerseits meist ebenfalls einem Chef, CEO, Investor etc. berichten muss. Auch wenn viele Kreativdirektoren immer brav daran denken, in Interviews ihre Teams zu loben, „ohne die das alles gar nicht möglich wäre“, so sind es doch sie, die im Rampenlicht stehen und praktisch ausschließlich für eine gelungene oder missglückte Kollektion verantwortlich gemacht werden.

Seit der Couturier Charles Frederick Worth Mitte des 19. Jahrhunderts persönlich als Modemacher seine Kollektionen in der Öffentlichkeit repräsentierte und erstmals ein Etikett mit seinem Namen in die Entwürfe stickte, regiert der Kult des Stardesigners. John Galliano bei Dior. Marc Jacobs bei Louis Vuitton. Tom Ford bei Gucci. Karl Lagerfeld bei Chanel. Demna Gvasalia bei Balenciaga. Bis heute identifiziert die Branche  ein Haus fast automatisch mit einem Chefdesigner, sei dieser noch im Amt oder nicht. Tritt jemand ab, spekuliert man Monatelang über einen Nachfolger, bis dieser offiziell ernannt ist. Ein Luxuslabel ohne kreativen Anführer? Kann nicht funktionieren.

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Eine neue Generation an Designern hingegen stellt dieses Dogma in Frage. Sie erforscht das Zusammenspiel aus mehreren Menschen und Meinungen und sie stellt das Kollektiv über den Stardesigner. Jüngstes Beispiel: Das Männermodelabel GmbH aus Berlin. GmbH wurde von dem Modedesigner Serhat Isik und dem Fotografen Benjamin Alexander Huseby (arbeitete für Dazed&Confused, Another Magazine, und andere) gegründet. Kreativ wird das Label jedoch von einer ganzen Gruppe an Menschen bestimmt und beeinflusst. GmbH, das seine Kollektionen aus übrig gebliebenen Materialien aus einer Mailänder Fabrik herstellt, sieht sich als Familie, in der jeder anders ist und anders sein darf. Jedes Familienmitglied beeinflusst den Designprozess, sei es als Designer, als Model, als Muse, als Namensgeber für einen Entwurf.

Die GmbH-Community fand in den Clubs Berlins zueinander und der Zusammenhalt sowie das Gemeinschaftsgefühl der Techno-Szene prägt nun die Entwürfe des Labels: Baggy-Pants aus PVC, ein körperbetontes Samtshirt mit Reißverschluss-Detail oder der voluminöse Lederblouson mit Ziernähten.

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Teamarbeit als Marken-DNA. Man erinnere sich: Auch das Hype-Label Vetements ist eigentlich das Produkt eines Kollektivs. Demna Gvasalia trat zu Beginn nur als Sprecher und Mitbegründer in Erscheinung. Die Kollektionen, so erzählte er, setzten sich aus den Ideen von vielen zusammen, jedes Team-Mitglied sagte, welches Teil ihm gerade auf dem Markt fehlte. Weil Gvasalia inzwischen zum Balenciaga-Chefdesigner ernannt wurde, ist das Kollektiv-Konzept von Vetements zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund gerückt. Vetements, dafür steht vor allem Demna Gvasalia.

Was schade ist. Immer mehr Designer beklagten in den vergangenen Monaten den kaum zu bewältigenden Workload, den zunehmenden Druck, mit dem sie konfrontiert sind. Sie müssen sich zeigen, das Haus repräsentieren, twittern, taggen, instagrammen. Ach ja, und acht Kollektionen im Jahr entwerfen. Früher war ein Couturier eine öffentliche Autoritätsperson, heute ist er ein Celebrity. Nicht alle kommen damit klar.

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Den Druck und die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen kann nicht nur kreative Vorteile haben, sondern auch schlicht menschliche. Vor fünf Jahren zog sich Christophe Decarnin, damals Chefdesigner von Balmain, von seinem Posten zurück. Die Presse schrieb über einen Nervenzusammenbruch, Burn-Out, psychischer Erschöpfung. Er verschwand von der Bildfläche. Inzwischen taucht sein Name wieder in den Modenachrichten auf: Decarnin steckt hinter Faith Connexion, ein gefeiertes Label aus Paris (Rihanna und Kim Kardashian sind Fans), das zwar schon seit einigen Jahren existiert, aber jetzt erst so richtig Fahrt aufnimmt. Man sollte Decarnin bloß nicht als Chefdesigner bezeichnen – Faith Connexion legt großen Wert darauf, das Projekt eines Kollektivs zu sein. Der ehemalige Balmain-Chef ist Teil eines großen Ganzen und hält sich absichtlich im Hintergrund. Kein Kreativdirektor, der von der Mode ablenkt? Auch mal was Neues.

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