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Yayoi Kusama: Unendlichkeit

Von , 18. May 2016

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Yoyoi Kusama, Untitled, 1967, Ink on B/W, photograph taken by Harrie Verstappen, MOMA Contemporary Collection, Fukoka

Kunst als Therapie: Nach dem Louisiana Museum in Dänemark widmet nun auch das Moderna Museet in Stockholm Yayoi Kusama eine große Retrospektive. Ein Blick in ihre Punktekammer

Yayoi Kusamas Kunst entsteht nicht im Kopf. Sie entsteht durch das unberechenbare Tun ihrer Hände. Seit Kindertagen leidet die 1929 in Japan geborene Künstlerin unter Halluzinationen. Ihre Welt wird von sprechenden Veilchen und tröstenden Kürbissen bevölkert. Und von roten Punkten, die nicht nur die Tischdecke, sondern Wände, Stühle, Fenster, ganze Räume bedecken und auch vor dem eigenen Körper nicht haltmachen. Um die Furcht vor dem wilden Treiben ihres Kopfes zu bändigen, begann Kusama früh, das was in diesen Momenten des Taumelns zwischen Realität und Illusion passierte, in Zeichnungen festzuhalten. Zeichnen war für sie ein magischer Akt und eine Therapie gegen die Angst. Wäre sie nicht Künstlerin geworden, „sie hatte sich längst umgebracht“. Diesen drastischen Satz wiederholt Kusama seit Jahren und beschreibt die Gefühle hinter ihm in ihrer Autobiografie Infinity Net ausführlich.

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Kusama in Infinity Mirror Room – Phalli’s Field, Installation view Kusama’s solo exhibition “Floor Show” at R.Castellane Gallery; New York, Photo © Kusama Studio

Unter dem Titel In Infinity widmet nun auch das Moderna Museet in Stockholm Yayoi Kusama ab dem 11. Juni eine verdiente Retrospektive und dokumentiert ihre manische Produktivität. Zu sehen wird es Aquarelle und Pastellzeichnungen, Gemälde und Skulpturen, Fotografien, Filme, Performances, Installationen und Lichtprojektionen aus über sechs Jahrzehnten geben. Fast alle überzogen mit rezeptiven Mustern und ihrem Signet, den Polka-Dots. Die Künstlerin nennt diesen Prozess des Gleichmachers „Auslöschung“. Er soll zu einer Verschmelzung mit dem Universum führen: „Unsere Erde ist nur ein Polka-Dot unter vielen Millionen.“ Wie Sonne, Mond und Sterne. Und so verschwinden durch Kusamas Hand eben auch Leinwände, Räume, Möbel, Kleidungsstücke, Skulpturen und Menschen hinter einem unendlichen Strudel aus Punkten. Aus Vielfalt soll Einheit werden. Die Polka-Dots sind aber auch ein Mittel gegen die Angst. Zum Beispiel vor dem „langen und hässlichen Phallus“, den Kusama mit der Bereitschaft zur Gewalt gleichsetzt und der erst durch das Bepunkten seine Bedrohlichkeit verliert: „Solange Männer diese Dinger haben, werden sie nie aufhören, Krieg und Gewalt auszuüben.“

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I Want to Taste Adolescence, 2014, Acrylic on canvas, Collection of the Artist

Viele ihrer Ängste führt sie auf ihre Kindheit in Japan zurück, auf die strenge Erziehung und die Wutausbrüche ihrer Mutter. Die musste das Kind Kusama alleine auffangen, weil ihr Vater tagelang in Freudenhäusern verschwand. 1957, im Alter von 28 Jahren, durfte sie Japan endlich verlassen. Sie zog nach Seattle und zwei Jahre später nach New York, wo sie in den 60er-Jahren neben Andy Warhol zur Ikone der Avantgarde aufstieg und als schamlose Kämpferin für sexuelle Freiheit gefeiert wie verachtet wird. In ihrem Studio veranstaltete sie regelmäßig Sexorgien. 14 Jahre später kehrte Kusama völlig erschöpft nach Japan zurück. Seitdem lebt sie freiwillig in einer psychiatrischen Einrichtung in Tokio. Jeden Morgen um zehn Uhr verlässt sie die Klinik und arbeitet acht Stunden in ihrem Studio. Ihr Leben ist die Kunst. Nicht mehr und nicht weniger, „Es gibt Nächte“, schreibt sie am Ende ihrer Autobiografie, „in denen ich nicht schlafen kann, ganz einfach, weil mein Herz vor dem überbordenden Sterben, Kunst zu schaffen, die ewig wäre, zu platzen droht.“

Moderna Museet – Die Ausstellung In Infinity in Stockholm, Schweden läuft vom 11. Juni bis zum 11. September 2016.