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Wir sind Europa!

Von , 11. May 2016

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„Wir sind Europa!“ Eine Streitschrift gegen den Nationalismus ©Ullstein Verlag

Am 13. Mai erscheint das Buch “Wir sind Europa!” Eine Streitschrift gegen den Nationalismus von Evelyn Roll. Lesen!

Evelyn Roll schreibt für uns hin und wieder eines ihrer klugen Portraits. Jetzt hat sie eine echte Streitschrift verfasst. Weil sie nicht glauben kann, dass Europa nicht mehr zu retten ist. Ihr Lösungsvorschlag: Vernetzung! Und damit die Politiker zum Handeln zwingen. Gute Idee, finden wir. Und drucken hier einen Auszug aus dem Buch, das am kommenden Freitag im Ullstein Verlag erscheint.

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Und: Action!

In den Jahren 1913 und 1932 gab es kein Internet, kein Facebook und kein Twitter, mit dem die Europäer sich untereinander über die Nationalgrenzen hinweg hätten vernetzen, schützen und ihre schlafwandelnden Staatsoberhäupter wachrütteln können. Das ist heute anders. Jeder kann sehr viel mehr machen, als jeden Abend bei den Tagesthemen meckern und schlechte Laune haben. Es sind mit dem Internet geniale Werkzeuge vorhanden, die das stille, unsichtbare und individuelle Unbehagen der Mehrheit in hörbare Empörung und erkennbare Aktion verwandeln werden. Proeuropäische Bürger und Initiativen können zusammen eine Lautstärke und Medienresonanz erzeugen, die den wahren Mehrheitsverhältnissen entspricht. Sie müssen sich nur miteinander vernetzen. Dafür ist das Netz ja da. Menschen, die Europa lieben, müssen lernen, es so effektiv zu benutzen wie Menschen, die Europa hassen. Warum sollten wir aufgeklärten Europäer des 21. Jahrhunderts nicht so virtuos die Mittel der Kommunikationstechnik und des Crowdfunding bedienen können wie die völkischen Nationalpopulisten, die Daesh-Terroristen oder Putins Propaganda-Trolle? Es ist viel leichter, als man denkt. Es macht Spaß, und man lernt dabei genau die richtigen Leute kennen – überall in Europa.

Mag sein, dass ein wichtiger Teil der bisher schweigenden Mehrheit aus oft sehr guten Gründen gerade nicht bei Twitter und Facebook ist. Aber ins Netz schaffen es alle, als Anfang und zum Ausprobieren vielleicht jetzt sofort, noch vor dem Weiterlesen: Einfach www.spinelligroup. eu eingeben, ein bisschen stöbern, was die tun und wollen, und gleich weiter zu »sign the manifesto«. Die Spinelli- Gruppe ist nach Altiero Spinelli benannt, dem großen Vordenker europäischer Integration. Sie wurde 2010 von Mitgliedern des Europäischen Parlaments gegründet, die dort über Fraktionsgrenzen hinweg Mehrheiten für föderalistische Vorschläge organisieren, aber vor allem auch jenseits des Parlaments ein proeuropäisches Netzwerk aufbauen. Bis April 2016 haben erstaunlicherweise nur 6500 Menschen das Manifest unterschrieben. Lasst es Millionen werden. Nur mal so als Anfang. Das ginge natürlich auch oder außerdem anderswo, bei www.wemove.eu/de zum Beispiel, den Aufbau der Seite hat die Bürgerbewegung Campact unterstützt.

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„Wir sind Europa!“ Eine Streitschrift gegen den Nationalismus ©Ullstein Verlag

Jeder kann Leserbriefe an die örtlichen Zeitungen schrei ben oder seinem Abgeordneten eine Mail schicken: Ich wähle Sie nicht wieder, wenn Sie nicht bald erkennbar etwas für Europa tun.« Jeder kann in der Schule, im Job, am Stammtisch eine Debatte organisieren.

Was zu viele gar nicht wissen: Die Politiker in Europa, die auf der richtigen Seite sind und schon sehr lange für Europa kämpfen, scheinen sich geradezu nach Druck aus der Bevölkerung zu sehnen. In allen Gesprächen mit Europapolitikern oder europäischen Beamten hört man als Journalistin, sobald die Fragen beantwortet und die Krisen Europas noch einmal durchdiskutiert sind, immer wieder Sätze wie: Die Akteure der Zivilgesellschaft müssen jetzt aber auch mal was tun.

Zivilgesellschaft ist ein komisches Soziologenwort. Aber wenn Politiker Sehnsucht nach Druck aus der europäischen Bürgergesellschaft haben: Den können wir ihnen geben. Jeder kann sich sofort einer proeuropäischen Gruppe anschließen oder Geld spenden: Es gibt unter anderen das European Movement International (Internationale Europäische Bewegung, EMI) oder die Union Europäischer Föderalisten (UEF), die die Spinelli-Gruppe unterstützt, und deren Young European Federalists (JEF), die auch die Aktion »Don’t touch my Schengen« gestartet haben.

Ein Nachmittag im Netz reicht, um die richtigen Verbindungen in jedem europäischen Land zu finden: lokale Initiativen zum Mitmachen und einzelne Aktionen, die man durch Unterschrift stark machen kann. Erstaunlicherweise sind überall vor allem die sehr Jungen und die Alten für Europa aktiv und keine idiotes. Vielleicht hat der Neoliberalismus vor allem die jetzt in der Mitte ihres Lebens Stehenden ins egoistische Private geschoben. Die vor ihnen und nach ihnen sind davon gar nicht berührt worden oder unbeschädigt geblieben.

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Deswegen noch ein Beispiel: Die jungen Europaaktivisten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer (www.herrundspeer.de) sind mit Interrail durch 14 europäische Länder gereist und haben danach die Gruppe The Young European Collective gegründet (www.whoifnotus.eu). Die haben ein wirklich bezauberndes Buch für junge Europäer geschrieben, zum Lesen, Mitreißenlassen und Weiterreichen. Herr&Speer finden gerade auch erstaunlich potente Mitstreiter für ihre Idee, jedem jungen Menschen in Europa zum 18. Geburtstag einen Interrail-Pass zu schenken. Jetzt starten die Jungs ihre eigene NGO, das Institute of Europe (www.instituteofeurope.eu).

Aber weiter: Donald Trump hat 6,9 Millionen Follower auf Twitter? Mag sein. Der meistgeteilte Facebook-Post aller Zeiten war trotzdem ein offener Brief des New Yorker Fotojournalisten Brandon Stanton an den »gefährlichen Rassisten Donald Trump«. Und außerdem: Wie viele Follower könnten 355 Millionen Menschen generieren? Die sozialen Medien sind eine perfekte PR-Maschine für proeuropäische Aufklärung und Vernetzung. Mit wenig viraler Technik könnte aus dem, was schon da ist, eine schnelle, kraftvolle Pro-Europa-Bewegung werden. Gemeinsam, mit gewaltigem Stimmpotenzial und großer Resonanz könnte man die Abgeordneten im Parlament, die Kommission und die eigene nationale Regierung unter Druck setzen. Etwa so: Fast alles, was wir von euch wollen, steht schon im Reformbericht der fünf Präsidenten, der EU-Präsidenten von Europäischer Kommission, Europäischem Rat, der Euro-Gruppe, der Europäischen Zentralbank und dem Europäischen Parlament. Macht das jetzt endlich! Bitte! Nicht mutlos und verzagt, lahm und defensiv, sondern offensiv fordernd: Völkischer Nationalismus ist das Gegenteil einer guten Idee. Die EU ist nicht das Problem, sondern die Lösung.

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“Wir sind Europa!“ Eine Streitschrift gegen den Nationalismus. Ullstein Verlag. 7 Euro.

Tags: #Buchtipp, #Europa, #News, #Politik