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Interview: Tattoo Artist Maxime Büchi

Von , 18. May 2016

©Yulia Tsezar
©Yulia Tsezar

“Für mich sind die normalsten Motive oftmals die seltsamsten.”

Maxime Büchi über Tattoos, Trends und Eitelkeit

Sein Kunden-Portfolio umfasst Namen wie Kanye West oder Nicola Formichetti, für den diesjährigen Met Ball verzierte er FKA Twigs’ Rücken mit einem Kunstwerk aus schwarzer Tinte – Maxime Büchi aka MxM gilt als eine Ikone der internationalen Tattoo-Szene. Und als Multi-Talent, dessen Arbeit sich zwischen Grafikdesign, Kunst und Mode bewegt. Als Art Director arbeitete der gebürtige Schweizer für Publikationen wie self service und Arena Homme +, mit seiner Typo-Agentur Swiss Typefaces 2003 designte er die Logos von Damir Doma, Balenciaga und Rick Owens. Knapp zehn Jahre lang wanderte Büchis High-End Magazin für Tattoo-Kunst, Fetisch und Body Modification über die polierten Tresen der Concept-Stores, von Maison Margiela über das MoMA bis hin zu Colette. Heute hat Sang Bleu sein Zuhause im Digitalen gefunden – sowie in London, wo der Tätowierer seit 2014 das gleichnamige Studio betreibt; ein Mix aus Tattoo-Shop, Pop-Up Store und Kunst-Galerie. Das jüngste Ergebnis seiner kreativen Rastlosigkeit: die Armbanduhr Big Bang Sang Bleu, entworfen für das Schweizer Traditionslabel Hublot. Wir haben Maxime in Berlin getroffen und mit ihm über Tattoos, Trends und Eitelkeit gesprochen.

Wann hast du mit dem Tätowieren begonnen?

Als ich Anfang zwanzig war, fragte mich mein damaliger Tätowierer, Filip Leu, ob ich nicht Lust hätte, bei ihm eine Ausbildung zu machen. Zu diesem Zeitpunkt war ich jedoch noch an der Kunsthochschule für Typografie und Design eingeschrieben. Das war bereits mein zweites Studium – zuvor hatte ich Psychologie in Lausanne studiert. Danach arbeitete ich für ein paar Jahre als Art Director in Zürich, Paris und London. Mit 27 zog ich zurück nach Zürich und begann bei Filip eine zweijährige Ausbildung als Tätowierer. Ich war also Ende zwanzig, als ich zum ersten Mal jemanden tätowiert habe.

Und? Direkt gelungen?

Ja, kann man schon sagen. Meine ersten Tattoos waren zwei handgestochene Bilder. Damals mussten zwei meiner Freunde dran glauben. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Situation – wir saßen gemeinsam in meiner Küche. Der eine hat ein kleines Haus auf die Handfläche und der andere eine Eis-Waffel auf den Unterarm tätowiert bekommen.

Hast du vorher auf deinem Oberschenkel geprobt?

Eigentlich fast überall. Bevor ich mich an eine andere Person herangewagt habe, habe ich mir lauter bescheuerte Kleinigkeiten selbst gestochen.

Wann hast du dein erstes Tattoo bekommen? Was war das?

Mit Anfang zwanzig habe damals gleich meinen ganzen Rücken tätowieren lassen, inklusive Po, Oberschenkel und Arme. Es ist ein großes Gesamtbild aus Schmetterlingen, Wolken, Wasser und japanischen Chrysanthemen.

Dann bist du ja so etwas wie eine Art lebendes Kunstwerk. Was bedeutet Eitelkeit für dich?

Ich gehe sehr vorsichtig mit meiner Eitelkeit um. Für mich ist Eitelkeit eine der fundamentalste Sünden der Menschheit. Sie ist es, die unseren Ehrgeiz und den Fortschritt antreibt. Ebenso wie die Liebe. Beides sind wichtige und machtvolle Instrumente, die sowohl für positive als auch negative Ziele eingesetzt werden können.

Psychologie, Typografie, Grafikdesign – warum wolltest du Tätowierer werden?

Ich hatte damals einfach nicht das Gefühl, wirklich das zu machen, was ich möchte. Das einfache Art Director Dasein erfüllte mich nicht und gleichzeitig habe mich schon immer sehr der Tattoo-Szene verbunden gefühlt. Und ehrlich gesagt: Das war die letzte Möglichkeit, noch einmal etwas vollkommen Neues mit meinem Leben anzufangen. Ich musste es also ausprobieren, denn ich wollte mich nicht für immer fragen, was passiert wäre, wenn. Und es war genau die richtige Entscheidung.

Was fasziniert dich so am Tätowieren?

Ein Tattoo kann man nicht mehr rückgängig machen oder austauschen. Ein Tattoo bedeutet Commitment. Lässt du dich tätowieren, wirst du mit deiner Entscheidung ein Leben lang konfrontiert – und zwar jedes Mal, wenn du in den Spiegel schaust. Ich mag die Idee, dass etwas für immer ist und bleibt.

©Hubot
©Hubot

Du hast gerade eine Uhr für Hublot entworfen – was ist dein Konzept von Zeit?

Ich persönlich versuche, meine Zeit so offen wie möglich zu gestalten. In manchen Momenten möchte ich mich meiner Zeit komplett hingeben. Dann wiederum gibt es Situationen, in denen ich sehr strikt mit ihr haushalte. Zeit ist alles. Es ist schließlich die Energie, der alles unterlegen ist. An Uhren mag ich, dass sie uns die Zeit auf ganz verschiedene Weise wahrnehmen lassen. Zum einen kann eine Uhr der schlichten Angabe der Uhrzeit dienen. Zum anderen kann sie das Voranschreiten der Zeit erfahrbar machen. Gerade letzteres fasziniert mich sehr. Ich habe mir lange darüber Gedanken gemacht, wie ich diese fast majestätische Zeitkomponente – die Vergänglichkeit– auf meiner Uhr anzeigen lassen möchte.

Big Bang Sang Bleu
Big Bang Sang Bleu ©Hublot x Maxime Büchi

Früher waren Tattoos Erkennungszeichen der Subkulturen – heute sieht man sie überall. Sind sie mittlerweile gesellschaftlich komplett salonfähig?

Ja, ich denke schon. Tätowieren vereint zwei Dinge. Zum einen ist es eine Technik und zum anderen ist es eine Kultur. Als Technik hat sie sich in den letzten Jahren für einen Großteil der Menschen und verschiedenste soziale Gruppen geöffnet. Damit ist sie Teil eines übergreifenden Wertewandels innerhalb unserer westlichen Gesellschaft. Lange Zeit unvorstellbar, ist der Eingriff in den eigenen Körper heutzutage möglich. Seit den späten 50ern können Männer lange Haare tragen und ihre Ohren piercen, Frauen können ihre Haare abrasieren oder färben. Nun tätowiert man sich eben. Wir werden Herr über unseren eigenen Körper und nutzen ihn als Ort der Intervention, um auszudrücken, wer wir sind oder wer wir glauben, zu sein. Trotzdem: Als künstlerische Praxis mit jahrhundertelanger Tradition ist die Tattoo-Kultur noch immer nicht jedem zugänglich.

Inwiefern hängen Tattoos und Mode zusammen?

Mode hat zur Aufgabe, dem Selbstausdruck der Menschen zu dienen. Aber sie ist auch austauschbar. Denn Saison für Saison, fängt die Mode die aktuelle Stimmung einer Gesellschaft ein und erlaubt es den Menschen, sich in einer Art und Weise zu kleiden, die mit diesem kollektiven Gefühl korrespondiert. Werden Tattoos nun zu einem großen Thema unter den Menschen, muss dies auch in der Mode seinen Nachhall finden. Daher sehen wir momentan eben auch so viele tätowierte Models auf den Laufstegen und in den Kampagnen.

Und wie verhält es sich mit Tattoos als modischer Trend? Ist es nicht paradox, dass etwas Trend wird, das für die Ewigkeit bestimmt ist?

Es gibt da zwei Blickwinkel zu berücksichtigen. Gerade erleben wir einen tiefgreifenden Wertewandel innerhalb der Gesellschaft. Jede Möglichkeit, die sich einer Gesellschaft neu eröffnet, bewirkt zunächst eine große Faszination auf die Menschen. Sie beginnen dann auszutesten, auf welchem Wege man sich diese neuartige Option zu eigen machen oder schlichtweg mit ihr umgehen kann. Natürlich bilden die Begriffe Trend und Ewigkeit zunächst einen Widerspruch und es kann es nicht schaden, sich ein paar Gedanken zu machen, bevor man sich tätowieren lässt. 
Aus einer soziologischen Perspektive betrachtet, wird es jedoch schon bald ganz normal sein, ein Tattoo zu besitzen. Gerade ist es also noch etwas neues, aber schrittweise wird der Trend verschwinden. Was am Ende bleiben wird, ist ein Wandel der gesellschaftlichen Mentalität. Tattoos zu haben wird in ein paar Jahren ganz normal sein. Sich also tätowieren zu lassen ist nur einer von vielen Wegen, mit denen wir heute unser Ich positionieren können.

Warum lassen sich Menschen das Gesicht tätowieren?

Ganz einfach: Weil sie es können. Natürlich ist das ein krasser Eingriff in die eigene Identität, sich das Gesicht tätowieren zu lassen. Und es ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu, ein soziales Stigma. Ähnlich verhält es sich mit Tätowierungen auf den Händen. Ich bin gespannt, ob und wann sich das ändern wird.

Hat sich deine Kundschaft im Laufe der Jahre denn stark verändert? Lassen sich heute andere Leute tätowieren als vor zehn Jahren?

Die Tattoo-Szene hat sich schlicht und ergreifend geöffnet. Noch immer lassen sich die gleichen Menschen tätowieren, wie früher. Hinzukommen kommen dann die Leute, die sich vor zehn Jahren nicht hätten tätowieren lassen.

Hast du schon einmal jemanden wieder nach Hause geschickt?

Nein. Aber ich habe viele Leute zu einem anderen Tätowierer geschickt, weil ich nicht der Richtige für ihr Anliegen war.

Die skurrilste Tattoo-Idee, mit der jemand bei dir hereinspaziert ist?

Wahrscheinlich so etwas, wie eine Rose am Handgelenk. Für mich sind die normalsten Motive oftmals die seltsamsten.

Du hast gerade ein Buch herausgebracht, in dem du 1.000 deiner von dir gestochenen Tattoos zeigst. Deine Arbeiten lassen ganz klar einen bestimmten Stil erkennen. Wie würdest du diesen beschreiben?

Mit meinem Stil möchte ich die Technik des Tätowieren mit ikonographischen Traditionen verbinden, die aus historischer Perspektive nicht mit der Tattoo-Kultur verknüpft sind. Das können Motive aus der Geometrie, der Wissenschaft, der Architektur, des Mittelalters oder der Renaissance sein. Mit meiner Arbeit unternehme ich also den Versuch, die Welt der Tattoos für traditionelle Bildsprachen zu öffnen.

Welche Tattoo-Künstler bewunderst du?

Oh, es gibt sehr viele ikonische Tätowierer, die mich bis heute stark beeinflussen. Da wäre zum Beispiel Filip Leu in Ste-Croix, der mich überhaupt erst in die Welt der Tattoo-Kunst eingeführt hat. Oder Thomas Hooper in Austin, Texas, der mich selbst schon tätowiert hat. Mit ihm fühle ich mich ästhetisch sehr verbunden. Er hat meinen Stil sehr beeinflusst. Außerdem gibt es einen Tätowierer namens Duncan X, der mir stilistisch ebenfalls Türen geöffnet hat. Alex Bonnie von Into You hat mir mit seinem Londoner Laden erstmals eine richtige Vision von einem Tattoo-Shop vermittelt. Ich bezeichne ihn als meinen spiritueller Vater – und das in vielerlei Hinsicht.

©Sang Bleu
©Sang Bleu

Du hast deinen eigenen Tattoo-Shop, gibst dein eigenes Magazin heraus und bist außerdem noch im Bereich Art Direktion und Typografie tätig. Welcher Part deiner Arbeit erfüllt dich am meisten?

Am erfüllendsten für mich ist, zu sehen, wie sich all diese verschiedenen Aktivitäten schrittweise zu einem gleichmäßigen Bild zusammenfügen – wie kleine Punkte, die durch Linien verbunden werden. Als ich damals mit dem Tätowieren begann, hätte ich nie erwartet, dass sich alles in dieser Form entwickelt. Aber heute ergibt es Sinn für mich. Und es ist eine große Errungenschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.