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Héroï­nes: Simone Veil

Von , 30. June 2017

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Fotograf: Croes, Rob C. / Anefo © Nationaal Archief

Simone Veil überlebte Auschwitz. Sie kehrte zurück nach Frankreich und kämpfte für die Rechte der Frauen. Die erste Präsidentin des Europäischen Parlaments bleibt das Symbol für ein vereintes Europa. Heute ist Simone Veil verstorben. Anlässlich ihres Todes zeigen wir hier noch einmal das Portrait aus unserer September-Ausgabe im Original

Als wir vor einem Jahr das Haus meiner Großeltern in der Bretagne aufgelöst haben, habe ich viele Bücher mitgenommen, aber nur eines gelesen: die Biografie Une vie von Simone Veil. Ich erinnere mich noch genau daran, wie meine Mutter es meinem Großvater vor neun Jahren zu Weihnachten schenkte. Er bewunderte Simone Veil sehr. Für ihren Mut, für ihre Kämpfe, vielleicht auch einfach, weil sein Leben, so wie ihres, von der Geschichte überrollt worden war und weil er, so wie sie, daran geglaubt hatte, dass wir aus ihr lernen. Er folgte ihr in der tiefen Überzeugung, dass man trotz der Wunden, trotz der Verluste, alles dafür tun müsste, um sich schnell mit dem Nachkriegsdeutschland zu versöhnen. Mein Großvater ist vor ein paar Jahren gestorben. Simone Veil ist heute 88 Jahre alt. 2008 wurde sie als sechste Frau in die Académie française aufgenommen, die es seit 1635 gibt. Sie ist jetzt eine Immortelle, eine Unsterbliche, wie man in Frankreich sagt.

18. März 2010, Paris, Rive Gauche. Simone Veil sitzt unter der Kuppel des Collège des Quatre-Nations, wo die Zeremonie stattfindet, und lauscht der Geschichte ihres Lebens. “Es beginnt”, sagt der Laudator und Schriftsteller Jean d’Ormesson mit weicher Stimme, “wie ein Märchen.” Er erzählt von ihrer Kindheit unter der Sonne Nizzas. Von ihrer Mutter Yvonne, einer sanften Frau mit dem Profil einer Greta Garbo, ihren drei Geschwistern Milou, Denise und Jean sowie ihrem Vater André Jacob, der bis zum Schluss nicht hatte glauben wollen, dass das Land, das er Heimat nannte, ihn verraten würde. D’Ormesson erzählt vom Zweiten  Weltkrieg, von der Hölle der Lager, die die Familie Jacob 1944 verschluckte und Simone, Milou und Denise als Waisen wieder ausspuckte. Durch sie, Simone Veil, werde die Erinnerung all derer in die Académie française ein ziehen, die nicht zurückgekehrt seien. Und dann – der Ton wird heiterer – erzählt er vom Leben nach dem Krieg, von ihrem Engagement als Ministerin, als Europäerin, als Jüdin, als Frau: “Mit Ihrer jede Prüfung des Lebens überwindenden Kraft sind Sie in Wahrheit eine ewige Rebellin.” Er endet seine fast einstündige Rede mit den Worten: “Ich senke meine Stimme, man könnte uns hören: Wir lieben Sie, Madame, so wie die Mehrheit der Franzosen Sie liebt.” Das Publikum erhebt sich und applaudiert. Nicolas Sarkozy zupft seine Krawatte zurecht. Simone Veil sitzt da und lächelt verlegen. “Welch Ironie des Schicksals”, wird einer ihrer Freunde aus der Zeit der Deportation sagen. “Die, die dazu verdammt war zu sterben, ist unsterblich
geworden.”

Es ist der 30. März 1944 in Nizza. Die 16-jährige Simone Jacob hat am Vortag ihre Abiturprüfungen geschrieben, sie will sich mit Freunden treffen, als zwei SS-Männer in zivil sie anhalten. “Ihre Papiere, bitte!” Ein Blick genügt: “Die sind gefälscht.” Sie wird in das Hotel Excelsior, den Sitz der Gestapo, gebracht, kurz darauf wird der Rest der Familie verhaftet. Die Spur ihres Vaters und ihres Bruders verliert sie in Drancy, ihre Mutter, Simone und Milou werden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie ist die Nummer 78651. “Du bist zu schön, um hier zu sterben”, sagt die polnische Lageraufseherin Stenia eines Tages und schickt sie, ihre Mutter und ihre Schwester nach Brobe. Das ist im Juli 1944. Ab Januar werden die Lager aufgelöst, es beginnt der Todesmarsch. 70 Kilometer, minus 30 Grad, wer schwächelt, wird am Wegesrand erschossen. Nächste Station: Bergen-Belsen. Der tiefste Punkt des Albtraums, schreibt Simone. In dem Lager, das für 2000 Gefangene konzipiert ist, werden 60.000 Menschen festgehalten. Juden, Zigeuner, politische Gefangene. Der Typhus bricht aus, ihre Mutter, zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alt, erkrankt und stirbt im März 1945. Im April wird das Lager befreit. Der Krieg ist vorbei. “Die Befreiung kam für uns zu spät”, erklärt Simone Veil 2004 in einer Rede, die sie in ihrer Funktion als Vorsitzende der Fondation pour la Mémoire de la Shoah vor dem Berliner Bundestag hält. “Wir hatten das Gefühl, jede Menschlichkeit und jeden Lebensmut verloren zu haben. Wir waren allein, und dies umso mehr, als keiner hören wollte, was wir erlebt hatten. Wir hätten eigentlich gar nicht leben dürfen.” Niemand wollte von Auschwitz wissen. Arbeitslager, ja, Widerstandskämpfer-Geschichten, gerne, aber Vernichtungslager, lieber nicht. “Das Gehirn weigert sich dagegen, diese Gewalt zu denken”, schreibt Simone fast ohne Bitterkeit. Während ihre Schwester Denise, die als Widerstandskämpferin in Ravensbrück gefangen war, wie eine Heldin gefeiert wird, werden Simone und Milos wie viele andere zum Schweigen verdammt oder mit entsetzlichen Vorwürfen und Kommentaren konfrontiert: “Was haben Sie eigentlich getan, um zu überleben?” Oder: “Na ja, Sie sind ja zurückgekommen, so schlimm kann es nicht gewesen sein.” Wochenlang schläft sie auf dem Fußboden, sie kann das weiche Bett nicht ertragen, alles scheint ihr unwirklich und sinnlos. Ähnliches berichtet ihre Freundin, die Autorin Marceline Loridan-Ivens, die sie als 16-Jährige im Lager kennenlernte. Kürzlich sagte sie im Fernsehen: “Man kommt nie ganz aus Auschwitz zurück.”

Fünf Jahre nach der Befreiung sitzt Simone in einem Auto und fährt zurück nach Deutschland. Simone Jacob heißt jetzt Simone Veil. Sie ist Jurastudentin und Mutter zweier Söhne. Ihr Ehemann Antoine Veil, ebenfalls französischer Jude, ist nach Wiesbaden ans Konsulat berufen worden. Man rät ihr von diesem Umzug ab: Wie wird sie reagieren, wenn sie die deutsche Sprache wieder hört? Statt Vergeltung wünscht sie sich eine schnelle Versöhnung. Deutschland und Frankreich müssen Freunde werden, meint sie. Eine Ansicht, die in ihrer Heimat fast nur die direkten Opfer teilen, also jene, die wissen, dass das vom General de Gaulle verbreitete Märchen, alle Franzosen seien Widerstandskämpfer gewesen, nicht stimmt. Die Gaullisten sind gegen Europa: Deutschland ist schuldig, Frankreich ein Opfer. Erst im Jahr 1995 korrigiert Jacques Chirac in seiner Rede zur Schuld der Vergangenheit dieses falsche Bild.

Jacques Chirac, das “politische Tier”, wie sie ihn liebevoll und spöttisch nennt, begründet auch die Legende der Simone Veil. Er ist es, der Veil als erste Frau an den Kopf eines Ministeriums beruft. Ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin wird das Leben der Französinnen verändern: Am 26. November 1974 beginnen in der Pariser Assemblée nationale die Verhandlungen über ihr Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung. Simone Veil wird über Nacht zum nationalen Streitthema: Man liebt sie, man hasst sie. Täglich erreichen ihr Ministerium Hunderte Drohbriefe. Der Eingang ihres Hauses wird mit Hakenkreuzen beschmiert. Aktivisten skandieren “Veil=Hitler”, und auch in der Assemblée ist man sich für keinen geschmacklosen Vergleich zu schade: Man spricht von Krematorien, von legaler Euthanasie, von gesetzlich geduldeter Barbarei und kleinen toten Körpern, die sich zu Bergen stapeln. Ein Abgeordneter geht in seinem Wahn so weit, der Versammlung den Herzschlag eines acht Wochen alten Fötus vorzuspielen: “Sagen Sie mir, dass Sie hier kein Leben hören!”

Die Hypokrisie kennt keine Grenzen. Gerade die Politiker sollen als Erste um Hilfe geschrien haben, die versehentlich ihre Mätressen schwängerten. Doch Simone, eigentlich als leicht cholerische Person bekannt, die gerne mit Vasen um sich schmeißt, bleibt ruhig. Sie weiß, wofür sie kämpft. Sie weiß, dass an diesem Gesetz kein Weg vorbeiführt: “Lassen Sie mich mit Ihnen eine weibliche Überzeugung teilen – ich bedauere, dies vor einer fastausschließlich männlich besetzten Versammlung zu tun: Keine Frau geht diesen Weg frohen Herzens. Die Abtreibung ist immer eine Tragödie, und sie wird es auch immer bleiben. Doch wir können die Augen nicht mehr vor den 300.000 Abtreibungen verschließen, die jedes Jahr Frauen unseres Landes verstümmeln, unsere Gesetze missachten und jene, die darauf zurückgreifen, demütigen und traumatisieren.” Am 28. November 1974 wird um 3.40 Uhr morgens, nach 28 Stunden Verhandlung, die Loi Veil mit einer glatten Mehrheit gewählt. Simone Veil wird zur Symbolfigur für die Befreiung der Frau. Simone Veil repräsentiert nur einen anderen Feminismus als Simone de Beauvoir. Sie ist Mutter, sie hat Enkelkinder und Urenkel, sie war 67 Jahre lang verheiratet, zu Hause serviert sie den Tee. Simone Veil verliert sich nicht in großen Theorien. Stattdessen betrachtet sie die Realität mit einer beeindruckenden, manchmal ein bisschen trockenen Schärfe und handelt danach. Nicht nur in Bezug auf die Chancengleichheit der Frau, die in ihren Augen noch viel zu oft dem glücklich Zufall überlassen wird, vor allem auch in Bezug auf Europa. Dieses Europa, das sie als supranationale Gemeinschaft denkt und an das sie glaubt. Ende der Siebzigerjahre wird sie zur ersten Präsidentin des Europäischen Parlaments gewählt, für Giscard d’Estaing, den damaligen Präsidenten, ein starkes Symbol: eine Französin, eine Auschwitz-Überlebende, eine Frau. Sie steht für eine neue Zeit, den Beginn einer Freundschaft oder zumindest einer Vernunftehe zwischen den Erbfeinden Deutschland und Frankreich.

Nach dem Fall der Mauer, den sie mit eigenen Augen vor Ort verfolgt, schreibt sie in der New York Times: “Wir hatten das Gefühl, es müsse unsere Priorität sein, die Demokratie zu stärken und alles zu tun, damit das, was geschehen war, sich niemals wiederholen kann. Ich kann mich natürlich täuschen. Falls ich es tue, gibt es keine Hoffnung, dann entwickelt sich die Geschichte nicht, wie wir dachten. Aber zumindest werden wir unser Bestes getan haben.” Fast zwei Jahrzehnte später wirkt sie ernüchtert, sie bemerkt schon 2007, wie sehr die nationalen Gefühle wieder aufflammen. Sie schreibt: “Der Tag, an dem Europa mit einer Stimme spricht, liegt in einer fernen Zukunft.” Und vorausschauend: “Die Welt, in der wir leben, ist bedroht, nicht nur durch den Klimawandel, vor allem auch durch die Rückkehr des Fundamentalismus, der heute, ein halbes Jahrhundert nachdem wir uns in dem Gefühl wägen konnten, dass die Toleranz wächst, wieder aufflammt.”

Was sie wohl denkt, wenn sie auf die Welt von heute schaut? Wenn sie hört, dass die EU, die sie mit aufgebaut hat, gerade zerbricht und Großbritannien den Brexit gewählt hat? Wenn sie den neuen, antideutschen Tonfall in der französischen Presse liest? Wenn sie mit ihrer Freundin Marceline über den wachsenden Antisemitismus in Frankreich spricht? Wenn sie vom rechtspopulistischen Vormarsch in Europa hört? Leider kann ich sie nicht fragen. Seit dem Tod ihres Mannes 2013 lebt Simone Veil zurückgezogen. Auf meinem Tisch liegt ihre Biografie. Sie erinnert daran, dass Freiheit, Frieden, Gleichberechtigung, Offenheit, Freizügigkeit, alles, was unser Leben zu einem guten Leben macht, nicht selbstverständlich ist, dass es von Menschen wie ihr hart erkämpft wurden. “Ich bin kein Mensch, der sich vor der Zukunft fürchtet”, sagte sie einmal in einer Rede. Wir sollten es auch nicht.

Dieser Artikel ist in der September 2016-Ausgabe von L’Officiel erschienen