Lifestyle

Selbstversuch: Ein Monat ohne Smartphone

Von , 15. March 2016

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Susie Bubble at Paris Fashion Week ©Stefano Coletti

Ein Leben ohne Smartphone – undenkbar? Unsere Autorin Christine Korte hat die Herausforderung gewagt

Es geschah vor vier Wochen auf einer Ausstellungs-Eröffnung in einer bekannten Berliner Galerie. Ich hatte mich dort mit einer befreundeten Kunsthändlerin verabredet, die bereits eine halbe Stunde auf sich warten ließ. Da ich nicht viel mit der Kunstszene zu tun habe, konnte ich mich weder ins allgemeine „Bussi-Bussi-Geben“ einreihen noch am hochtrabendem Art-Talk beteiligen. So lief ich durch die Ausstellung, ohne aber eigene Assoziationen mit dem Gesehenen zuzulassen. Stattdessen setzte ich mich mit meinem Smartphone in den Treppeneingang, checkte Facebook, meine E-Mails und verlor mich in belanglosen WhatsApp-Nachrichten. Als meine Freundin endlich auftauchte, erhoffte ich mir von ihr einen tieferen Einblick. Sie war allerdings sofort mit „Bussi-Bussi-Nehmen“ beschäftigt, statt mit der Kunst an den Wänden. Aber sie stellte mir den Kurator vor, der seine gut gemeinten Kommentare in so viele kunsthistorische Verweise verpackte, dass es mir unmöglich war zu folgen.

Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, nachzuhaken oder ein eigenes Bild zuzulassen. Um das Gefühl der Unsicherheit zu überspielen, griff ich intuitiv nach meinem Smartphone. Googlen nach Kurator und Künstlern würde mir schon den notwendigen Überblick verschaffen. Doch ich griff ins Leere, panisch durchsuchte ich meine Handtasche, meine Manteltaschen, ging zurück zum Treppeneingang, fragte völlig aufgelöst bei den Galerie-Assistentinnen nach, ob jemand das Smartphone abgegeben habe. Man beruhigte mich mit der Versicherung, dass man sich hier in einem Umfeld von Menschen bewege, die ein herrenloses iPhone mit Sicherheit nicht einstecken würden. Doch auch als sich der Event dem Ende entgegen neigte, gab es noch keine Spur. Freunde riefen auf meiner Nummer an, es wurden Nachrichten verschickt, der Finder möge das Gerät doch in der Galerie abgeben. Nichts! Völlig in Panik traf ich auf einen Bekannten und klagte ihm mit zittriger Stimme mein Leid. „Jetzt kannst du dich nur noch vom Treppengeländer herunter stürzen“, entgegnete dieser ironisch. Schon klar, sein Smartphone zu verlieren, ist nicht das Ende der Welt, aber schließlich bin ich beklaut worden, irgendjemand da draußen hatte jetzt Zugriff auf all meine persönlichen Daten: Meine E-Mails, meine Fotos und meine Kontakte – ich fühlte mich in meiner Intimsphäre schwer verletzt.

Statt jedoch bei der Polizei anzurufen oder das Handy von meinem Computer von Zuhause aus zu tracken, wanderte ich erst mal mit ein paar Leuten zu einer naheliegenden Bar, um mich mit etwas Alkoholischem runter zu dimmen. Der Freund mit der freundlichen Treppensturzempfehlung versuchte, mich netterweise weiter aufzumuntern. Ich solle die Ruhe des nicht ständig Erreichbarseins genießen. Leider scheiterte sein Versuch, meine Laune zu heben daran, dass er paradoxerweise ständig in sein Smartphone schaute, ebenso wie der Rest der Runde, als seien die Dinger zu einer Erweiterung ihrer Hände geworden. Ich musste mir eingestehen, dass auch ich mich ohne den digitalen Anker in meiner Hand amputiert fühlte. So ließ ich mich gerade bei solchen Zusammenkünften, in denen weder echte Gespräche, noch Auseinandersetzungen auftraten doch zu oft von meinem Smartphone einlullen: Facebook, Mails checken und belanglose Nachrichten senden, lenkten mich nur zu oft von der Zeitverschwendung solcher Barbesuche ab.

Als ich zu Hause ankam und es endlich überwunden hatte, für die restliche Nacht nicht mehr erreichbar zu sein, versuchte ich über iCloud mein Handy zu tracken, es war offline, ich versendete Nachrichten an den Finder – nichts. Ich löschte schließlich alle Daten auf dem iPhone, so konnte ich es zwar nicht mehr tracken – in einer Stadt wie Berlin eh unmöglich – aber meine Intimsphäre war wieder gesichert. Am nächsten Tag kaufte ich mir ein Klapp-Handy, das günstigste, das der O2-Shop bei mir ums Eck zu bieten hatte. Meine alte Nummer konnte ich übertragen, endlich war ich wieder mobil erreichbar und das Auf- und Zuklappen erinnerte mich an die 90er Jahre, eine Zeit, in der es noch ohne Smartphone ging. Auf – zu, auf – zu! Ein beruhigendes Gefühl. Die Ruhe war allerdings nicht von langer Dauer, denn telefonische Erreichbarkeit zählt in einer Welt, in der wir mobilen Internetzugang haben, leider nicht viel. Nachrichten haben das Anrufen ersetzt. WhatsApp oder iCloud-Nachrichten fanden ihren Weg weiterhin nicht zu mir und wenn mich doch mal eine SMS erreichte, brauchte ich mindestens eine viertel Stunde, um auf der Tastatur meines Handys eine Mitteilung zu verfassen, Korrekturen nicht eingerechnet. Das hatte zur Folge, dass ich jeden anrief, der mir eine SMS schickte.

Und wer jetzt denkt, dass Anrufen uns unseren Mitmenschen wieder näher bringt, ist tatsächlich in den 90ern hängen geblieben. 2016 ist das Gegenteil der Fall: Meine Ausführungen über mein geklautes Smartphone und die Widrigkeiten, die mir mein Handy bereitet, SMS zu formulieren trafen auf Unverständnis und verbreiteten nur Stress. So ungefähr: „Du! Es ist gerade ganz ungünstig, schreib mir doch später einfach eine E-Mail!“
Also beschränkte ich mich darauf, von zu Hause mit meinem Laptop zu kommunizieren und gestand mir selbst zu, dass eine Job-Anfrage nicht direkt an der Schlange im Supermarkt beantwortet werden müsse. Und tatsächlich – Mitmenschen erwarten nicht immer eine sofortige Antwort und es ist auch kein Weltuntergang, wenn nicht jede Deadline auf die Sekunde eingehalten wird. Eine Erkenntnis, die mich tatsächlich zur Ruhe kommen ließ, schließlich hatte ich nur den mobilen Zugriff aufs Internet verloren, ich war nicht auf eine einsame Insel ausgewandert.

Zugegeben, die vermeintliche Waffe gegen die Langweile besaß ich nicht mehr, auch konnte ich mich, wenn ich mich alleine auf Ausstellungen, Partys und in Cafés rumtrieb, nicht mehr an meinem Smartphone festhalten. Stattdessen ließ ich mich wieder auf Gespräche ein, hakte bei meinem Gegenüber nach, wenn ich was nicht verstand und vor allem ließ ich wieder eigene Assoziationen mit der Außenwelt zu, sei es nun beim Betrachten von Kunst, anderen Menschen in der U-Bahn oder eben der einfachen Erkenntnis darüber, dass man Langeweile nicht mit dem Blick ins Smartphone, sondern mit Interesse brechen sollte.

Tags: #Feature, #Kolumne, #Smartphone