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Sailstorfer x COS: Die Fallhöhe der Wolken

Von , 25. April 2016

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Michael Sailstorfer ©Shirin Ourmutchi

Am 27. April wird er für das schwedische Modelabel COS eine tonnenschwere Eisenwolke auf den Berliner Asphaltboden krachen lassen – wir haben den Künstler Michael Sailstorfer in seinem Studio besucht und mit ihm über das Projekt “Silver Clouds” gesprochen

Sailstorfers Studio liegt in einem Atelier-Hof in Weissensee. Man läuft durch einen düsteren Flur und steht dann vor einer verschlossenen Doppeltür mit Klingel.
Dahinter verbirgt sich ein lichtes, riesiges Studio, das fast eine industrielle Anmutung hat. Da stehen Betonklötze, Maschinen, Werkzeuge, verpackte Kunstwerke auf Paletten. Eine Assistentin modelliert an einer Skulptur und grüßt freundlich.
Wir ziehen uns in einen kleinen Raum zurück, der wie eine Maschinenführer-Kabine über den Dingen schwebt. Durch die Fenster sieht man das Atelier von oben.
Ich bin verpennt und zu spät, und habe aus Versehen meine Interview-Fragen vorher im Taxi aus dem Textdokument gelöscht. Zum Glück ist Michael Sailstorfer ein aufgeräumter Typ, der meine Interview-Fragen schon ausgedruckt parat hat. Wir trinken Mineralwasser.

Was hast du dir gedacht, als du angefragt wurdest mit COS – also einem Mode-Unternehmen – zu kollaborieren?

Ich war schon überrascht, weil ich so etwas noch nie gemacht habe, aber auf jeden Fall auch gespannt. Erst mal war es ja nur eine Anfrage, und ich sollte zunächst ein Format entwickeln…

Wie hat COS dich entdeckt?

COS hat auch in der Vergangenheit schon mit Künstlern zusammengearbeitet, unter anderem mit Carsten Nicolai. Ab und zu hat COS auch Art-Talks in London im Pavillon der Serpentine Gallery mitorganisiert. Das wusste ich natürlich und Carsten Nicolais Arbeit schätze ich zum Beispiel sehr. Außerdem gab es keine konkrete Aufgabenstellung. Ich hatte sehr viel Freiheit für das, was ich entwickeln wollte. Und mit COS hatte ich dann auch die finanzielle Möglichkeit etwas zu entwickeln, was ich schon länger im Kopf hatte.

Und wie genau wird die Kollaboration aussehen?

Die Arbeit heißt „Silver Cloud“. Ich habe in der Vergangenheit schon Wolken-Skulpturen gemacht. Da sind zum Beispiel gerade welche in der Sammlung Boros zu sehen: aufgeblasene, ineinander geknotete Schläuche, die dann aussehen wie schwere Wolken-Skulpturen. Für COS werde ich eine der Skulpturen abformen und gießen lassen, aus massivem Eisen. Sie ist glänzend Silber und wiegt ca. 2 Tonnen.

Oh Gott. Ein echtes Geschoss.

Am Ende ist es aber eine performative Arbeit. Auf dem Parkplatz vor meinem Studio steht dann ein Seilbagger, der ist ca. 30 Meter hoch. Die Wolke hängt am Kran-Haken und wird aus verschiedenen Fallhöhen abgeworfen und wird so peu à peu den Betonboden vor dem Atelier zerhacken und zerstören.

(Man muss sich an dieser Stelle Michael Sailstorfers sehr ruhige, gewissenhafte Stimme vorstellen, wenn er von „zerhacken & zerstören“ spricht – sehr reizvoll)

Die Wolke wird nicht zerstört?

Nein, die Wolke bleibt intakt. Sie steht ja eigentlich für einen Schwebezustand, für Leichtigkeit. Ausgangsmaterial ist Luft und Gummi, sie ist quasi ein großer Ballon. Das Gewicht der Wolke steht dazu im Kontrast. Sie wird immer wieder hochgezogen und fallengelassen, fast wie eine Choreographie oder ein Tanz.

Könnte man von weitem auch denken, dass da ein Ballon hängt?

Absolut. Ich möchte in einem Mode- und Pop-Kontext diese Andy Warhol Referenz ins Spiel bringen, gleichzeitig aber auch eine Arbeit von Michael Heiser aus dem Jahr 1969, die im Rahmen der Ausstellung „When Attitude becomes Form“ gezeigt wurde. Seine Arbeit heißt „Bern Depression“ – er hat einen Kran mit einer Abbruch-Birne vor die Kunsthalle Bern gestellt, und dort den Asphalt bearbeitet. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Arbeit. Es geht um die Schwere von „Bern Depression“ und die Leichtigkeit von Andy Warhols „Wolken“.

Arbeitest du eigentlich generell eher mit kunsthistorischen Referenzen oder entstehen die Ideen aus den Objekten?

Beides. Es verhält sich ganz ähnlich. Ich finde Objekte oder tagesaktuelle Themen oder eben auch Versatzstücke aus der Kunstgeschichte. Das ist kein Widerspruch. Die werden dann neu zusammengesetzt und kombiniert.

Deine Werke haben ja immer etwas sehr Eigenwilliges, Eigenständiges, Zeitloses. Hast du eigentlich einen Bezug zur Mode? Ich finde deine Kunst nämlich eigentlich sehr „unmodisch“.

Das ist natürlich etwas, das man als Künstler anstrebt, dass die Werke auch gewisse Zeiten und Moden überdauern. Gleichzeitig finde ich es aber sehr wichtig, dass die Arbeiten auch etwas mit unserer Zeit zu tun haben. Wie bei meiner Arbeit „Zeit ist keine Autobahn“, wo sich der Reifen an der Wand aufreibt. Da geht es generell um das Leben und Vergänglichkeit, aber eben auch um Aspekte wie „Urbanes Leben“, „Umweltverschmutzung“, „Aufbrauchen von Ressourcen“. In vielen meiner Arbeiten steckt auch Tagespolitisches.

Und du selbst? Interessierst du dich für Mode oder ziehst du lieber irgendwas an?

Ohhh. Also ich würde sagen, dass ich Mode nicht so verfolge. Nicht so wie Kunst.

Was inspiriert dich als Künstler?

Das können andere Ausstellungen sein. Filme, Bücher, aber auch die täglichen Nachrichten. Das kann Vieles sein.

Was war denn das Letzte, das dich besonders berührt hat?

Das war eine Ausstellung in der Johann König Galerie von Tatiana Trouvé. Ich fand es toll mit welcher Leichtigkeit und poetischen Komponente sie den Raum bespielt hat.

Schmuggelst du dich manchmal unter die Museumsbesucher, um zu schauen wie die auf deine Werke reagieren?

Nein, nie.

Und bei Arbeiten wie „Folkstone gräbt“, die auch einen dokumentarischen Charakter haben?

Nein, da war ich auch gar nicht vor Ort. Das habe ich von hier gesteuert.

(lacht) Mit einer Drohne?

Nein, mit Mitarbeitern. Bei „Puhlheim gräbt“ war ich aber dabei um die Goldmünzen zu vergraben und bei der Pressekonferenz, aber nicht bei der eigentlichen Aktion. Ich finde es eher komisch dabei zu stehen und den Leuten zuzugucken.

Du bist kein Voyeur?

Nein. Vor allem nicht bei meiner eigenen Arbeit.

Aber du bekommst dann sicherlich viel Feedback aus Erzählungen.

In der Kunst ist das Feedback sowieso nicht so unmittelbar, sondern kommt immer erst mit einer starken Verzögerung. Manchmal hätte man natürlich lieber ein direkteres Feedback wie das zum Beispiel in der Musik der Fall ist.

Deine Werke haben ja oft eine interaktive Komponente. Woher kommt das? Provozierst du gerne Menschen? Oder ist das Verspieltheit?

Ich sehe meine Arbeiten gar nicht so interaktiv.

Aber sie rufen schon starke Reaktionen hervor. Es gibt schon einen Dialog mit den Dingen.

Wenn du das so siehst, ist das ein Kompliment. Es ist schon eine Sache, die ich wichtig finde: wie kann man den Betrachter ansprechen? Oder: wie kann sich die Arbeit behaupten in dem Ausstellungsraum? Zum Beispiel über Geruch oder Geräusch: wie macht die Arbeit auf sich aufmerksam?

Deinen Werken wird ja oft nachgesagt, dass du den Objekten eine Art Zweit-Leben gibst, dadurch dass du sie anders zusammenbaust oder auflädst. Haben Dinge eine Seele?

Die Frage nach der Seele kann ich nicht beantworten. Aber die Dinge haben erst mal eine bestimmte Funktion: ein Reifen ist dazu da ein Auto voranzutreiben. Ich benutze ihn für alles wofür er steht: Bewegung, Fortschritt, Geschwindigkeit. Und der Inhalt, also das, was du Seele nennst, kommt dann vielleicht von der neuen Idee für die er benutzt wird, so dass er eben plötzlich für Vergänglichkeit steht. Da trifft ein industriell gefertigtes Teil auf eine sehr menschliche Thematik. Vielleicht passiert in dieser Kombination dann eine neue Geschichte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sailstorfer muss los, er hat noch einen Termin mit dem Statiker, der Sensoren an den umliegenden Häusern anbringt um zu ermitteln ob die Häuser, der „Wolken-Erschütterung“ standhalten werden. In den 60ern wäre das anders gewesen, seufzt Sailstorfer. Ein Happening ist heutzutage eben eine gut durchplante Sache. Wir sind gespannt wenn die Wolke den Asphalt zertrümmert. Denn das beweisen Sailstorfers Werke: ob es der unendlich sich abreibende Autoreifen oder das überquellende Popcorn aus der Maschine ist, da bleibt immer ein Rest Unkalkulierbarkeit – ein Eigenleben der Dinge.

Die COS × Michael Sailstorfer Installation Silver Cloud ist vom 28. April bis 1. Mai 2016, jeweils von 10 bis 16 Uhr, öffentlich zugänglich. Location: Studio Michael Sailstorfer, Liebermannstraße 24, 13088 Berlin.

Auf unserer Facebook Page verlosen wir bis zum 27. April um 13 Uhr 2 x 2 Gästelistenplätze für den Michael Sailstorfer x COS Expert Talk, der am 28. April im Berliner COS Store Neue Schönhauser Strasse 20 stattfinden wird. Los geht’s um 18.30 Uhr mit einem Cocktail Empfang, der Talk startet um ca. 19.00 Uhr und endet um ca. 19.45 Uhr. Gesprächspartner von Michael Sailstorfer wird Kurator Martin Germann (S.M.A.K., Gent, Belgien) sein. Von 19.45 Uhr bis 20.30 Uhr können die Gäste mit einem Special Discount shoppen.

Ein kleiner Nachtrag – und so sah das Ganze dann in live und in Farbe aus: