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Das Glück der Erde

Von , 17. June 2016

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Prinzessin Anne, Badminton 1973 © PR

Es gibt sie noch, diese Mädchenträume. Die nie sterben, egal wie alt sie werden. Und manchmal sogar in Erfüllung gehen

Selbst Pferde-besessen sehe ich als Zehnjährige im Fernsehen, wie eine Prinzessin Europa-Meisterin im Military-Reiten wird. Ihre Mutter, die Königin von England, überreicht ihr den Sieger-Pokal. Princess Anne wird die Heldin meiner Kindheit – ein Bild von ihr, aufgenommen bei einem steilen Sprung im Gelände, hängt jahrelang über meinem Bett.

Mein eigenes Talent wird durch einen Unfall ausgebremst, mein Mut hätte wohl eh nie gereicht, Genick und Rückenwirbel alltäglich aufs Spiel zu setzen. Viele Jahre später entscheide ich mich dann auch für ein Pferd, dessen Nervenkostüm ebenfalls ungeeignet ist für abschüssiges Gelände und laut applaudierendes Publikum. Quintett, so heisst meine erste Vollblut-Stute, kommt von der Rennbahn, nachdem sie dort beim Startschuss beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Wir werden Partners in Crime – ich bringe ihr im Laufe der Jahre bei, auf Ausritten nicht vor jedem bellenden Hund davon zu rasen; sie zeigt mir, was Geduld, Konzentration und Ausdauer bei einem Wesen bewirken können, das sich nicht einmal zutraut die Reithalle zu betreten. Und sie weckt in mir die Leidenschaft für den Galopp-Sport, das Pferderennen.

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Prinzessin Anne gewinnt mit Doublet die Europameisterschaft 1971 © PR
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Lisa Feldmann und ihre Vollblut-Stute Quintett

Schnitt. Ich bin eingeladen zu einem feierlichen Dinner im Museum of Natural History in London. Anlass ist die Preisverleihung des Ladies Award von Longines für Anne, the Princess Royal. Vorgegeben ist ein strenger Dresscode (Black Tie, Long Evening Dresses, please). Die Schweizer Uhren-Marke vergibt diesen Preis alljährlich an Frauen, die herausragende Leistungen im Pferdesport vorweisen können. Da Anne nicht nur selbst eine Sportskanone war, sondern seit ihrem Abschied vom aktiven Reiten diverse Charities unterstützt, scheint die Wahl nahe liegend wie nie.

Anne trägt eine wunderschöne mitternachtsblaue Robe, die ihr Gardemaß betont. Als der Zeremonienmeister uns bittet, uns bei ihrem Eintreten von den Plätzen zu erheben, zittern meine Knie leicht. Und als sich Anne dann bescheiden bedankt, in ihrer Rede vor allem darauf verweist, dass das Reiten als eine der wenigen Sportarten keinen Unterschied macht zwischen Frauen und Männern, fliegt ihr im voll besetzten Saal – unter dem Skelett eines erwachsenen Brontosaurus Rex – sicherlich nicht nur mein Herz zu.

Am darauf folgenden Tag dann: Mein Mädchentraum, Teil zwei. Als offizieller Zeitmesser der Rennwoche in Ascot, hält Longines eine prächtige Loge, nur einen Galopp-Sprung entfernt von jener der Royal Family. Hier verbringe ich im Kreis ausgewählter Gäste den Eröffnungstag. Die Kleiderordnung hier hätte man mir nicht mitteilen müssen, seit vielen Jahren verfolge ich diesen wohl legendärsten Event im Reitrennsport in den Medien. Einzig die Vorschrift für die Hüte (die mindestens 10 Zentimeter des Kopfes bedecken sollten) war mir neu, an die geregelte Rocklänge (die Knie bedeckend) hält sich ohnehin kaum jemand der jüngeren Besucher.

Ansonsten ist es genauso wie ich es mir immer vorgestellt habe. Nur ein wenig aufregender. Ich verwette eine Stange teuer eingekaufter englischer Banknoten, schwenke meine Wimpel, stoße wie jeder andere nach jedem Rennen erneut auf den Sieger an, bestaune die Kombattanten der folgenden Rennen, stakse mit hohen Hacken durch aufgeweichte Rasenflächen, verdrücke Unmengen an Gurken-Sandwiches und stoße schon wieder mit einem freudigen Gewinner an, der neben mir auf der Tribüne beim Zieleinlauf Luftsprünge macht.

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Royal Ascot 2016 © PR

Die königliche Familie wird an diesem Tag durch die Queen und Prinz Philipp vertreten. In weiteren Kutschen fahren unter anderem Prince Harry und Sophie, die Herzogin von Wessex, vor. Als wir uns zu den ersten Klängen der britischen Hymne von den Plätzen erheben, die Königin lächelnd herauf winkt, hat sogar der bis dahin trübe Himmel ein Einsehen und schickt ein paar Sonnenstrahlen. Ich kneife mich kurz in den Arm, tatsächlich, alles wahr.

In der darauf folgenden Nacht träume ich davon, durch das englische Dartmoor zu reiten, wie ich das tatsächlich vor einigen Jahren mit einer Freundin gemacht habe. Und buche das am Morgen für den kommenden Herbst. Manche Träume soll man nicht zu lange warten lassen.