Lifestyle

Ode an die Heimat: Athen

Von , 28. June 2017

reise-athen-tipps-documenta-2018-antonakis-christodoulou-lofficiel
© Piper Mavis | Zwischen Strand und Straßenschluchten hat die Stadt aber noch sehr viel mehr zu bieten

Dieses Jahr findet die Documenta erstmals nicht nur in Kassel statt, sondern auch in Athen, noch bis zum 16. Juli. Für uns hat der Athener Maler Antonakis Christodoulou seine Lieblingsorte jenseits des offiziellen Programms verraten – eine Reise zu einer charmanten Chaotin

Athen riecht wie Frühling. Auch im Winter. Der Duft der Orangen- und Zitronenbäume mischt sich mit den Alltagsgerüchen der Stadt und zaubert mir jedes Mal ein Lächeln auf das Gesicht, wenn ich durch die Straßen laufe. Durch Straßen laufen, genau das mag ich an dieser Stadt. Kleine Läden, versteckte Schätze und Gassen, Häuser mit den schönsten bepflanzten Balkonen – es ist ein Chaos, ein gutes Chaos, in dem man am Morgen etwas entdecken kann, das man am vorigen Tag übersehen hat. Ich bin hier geboren, als Kind mit meinen Eltern nach Kreta gezogen, bis ich mich als Teenager entschloss, allein zurück in die Stadt zu kommen. Für das Kunststudium ging es nach London, wo ich nach dem Abschluss 2008 die Entscheidung treffen musste, ob ich bleibe oder nach Griechenland zurückkehre. Die Faktoren Zeit und Komfort halfen mir bei der Pro-und-kontra-Liste, um mich für Athen zu entscheiden. Apropos Zeit: New York ist angeblich die Stadt, die niemals schläft. Athen ist das auch, auf ihre eigene Art und Weise. Besonders im Sommer wird die Nacht zum Tag, und selbst wenn “geschlossen” an den Eingängen von Restaurants steht, schadet es trotzdem nicht anzuklopfen.

reise-athen-tipps-documenta-2018-antonakis-christodoulou-lofficiel
© Antonakis Christodoulou

Um in diese wichtige Epoche unserer Stadt und Kultur einzutauchen, ist mein persönlicher Tipp, ein paar Stunden im Archäologischen Nationalmuseum zu verbringen. Insbesondere die permanente Ausstellung über das alte Schiffswrack von Antikythera ist ein Highlight. Nicht vergessen: Kaffee im Museumsgarten trinken. Was viele auch nicht wissen: Der Meister der Moderne, Le Corbusier, hat in den Dreißigerjahren auf einer Kreuzfahrt von Marseille nach Athen mit anderen bekannten Architekten Entwürfe für die Zukunft einer funktionalen Stadt entworfen und diese als die “Charta von Athen” veröffentlicht. In keiner anderen Stadt spüre ich noch solch ein Gefühl von alter Eleganz. Das Athen der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre ist meine persönliche Obsession. Leider verschwindet es immer mehr und wird durch neue Bauten ersetzt.

Au Revoir, die älteste Bar in der Stadt, hat einen einzigartigen Charakter. Von außen ist sie unscheinbar, aber innen verbirgt sich eine eigene Welt. Der Architekt Aristomenis Provolengios, der in den Vierzigerjahren für Le Corbusier gearbeitet hat, hat diese Bar gebaut. In mir weckt die Bar Gefühle, als wäre ich im Wohnzimmer meiner Eltern auf Kreta. Fünf Minuten Fußweg entfernt findet sich ein weiteres Juwel des Athener Nachtlebens. Rebound gibt es seit den Sechzigerjahren, damals hieß es noch Problems und ist legendär für die Goth- und Punk-Bewegung. Auf einer relativ kleinen Tanzfläche fühlt man sich zurückversetzt in die Achtziger-London-New-Wave-Zeiten und tanzt zu Musik von Joy Division. Man muss dabei nicht als Goth gekleidet sein, um ein Teil von diesem Ort zu sein. Vor zwei Uhr morgens sollte man allerdings nicht hingehen. Und Achtung: Fotos sind hier nicht erlaubt.

reise-athen-tipps-documenta-2018-antonakis-christodoulou-lofficiel
© Antonakis Christodoulou | Im Archäologischen Nationalmuseum ist ein ungeheurer Reichtum an antiken Objekten und Kunstwerken gesammelt. Kein Wunder: Athen ist seit 7500 Jahren besiedelt

Auch wenn ich ein Faible für das alte Athen habe, ist es großartig, mit anzuschauen, wie viel Neues in den letzten Jahren entstanden ist. Krisen können etwas Motivierendes in sich haben. Viele meiner Freunde haben sich auf ihre griechischen Wurzeln zurückbesonnen, kleine Start-ups gegründet und produzieren lokal. Meine Galeristin -Eleftheria Tseliou ist ebenfalls zurückgekehrt und hat ihren eigenen Space eröffnet. Zu empfehlen ist auch die Galerie von Rebecca Camhi, die seit 1995 renommierte Künstler wie Nan Goldin, Rita Ackermann und auch im Ausland bekannte griechische Namen repräsentiert. Ein Shopping-Tipp ist das Label Margaritta Myrogianni. Sie ist eine tolle Fotografin, hat aber schon immer Schmuck kreiert. Das Nachtleben ist meiner Meinung nach das einzige Business, das sich während der Krise nicht drastisch verändert hat.

Natürlich liegt es auch an den Besitzern, ob sie optimistisch bleiben, aber es sind Orte wie Cantina Social oder six d.o.g.s. (unbedingt einen Kaffee in dem wunderschönen Garten trinken), die unglaublich erfolgreich waren. Es eröffnen auch immer mehr Restaurants, wie ich sie eher aus L. A. oder London kenne. Das geht damit einher, dass auch viele junge Griechen in ihre Stadt zurückkehren und die im Ausland gesammelten Erfahrungen in Athen umsetzen. Nolan ist solch ein Ort, hat 2015 im Zentrum eröffnet und bietet eine tolle Fusion-Küche aus asiatischem und griechischem Essen. Die Plätze sind begrenzt, eine Reservierung wäre von Vorteil. Aber, keine Frage, die typischen Tavernen sind ein Muss. Es gibt nichts Besseres als die gute, simple griechische Küche. Virnis ist einer meiner Lieblingsläden, und das beste Souvlaki gibt es in Kypseli bei Rigani auf der Fokionos Negri.

reise-athen-tipps-documenta-2018-antonakis-christodoulou-lofficiel
© Antonakis Christodoulou | Das ehemals schicke, dann geschlossene Restaurant Green Park ist heute von Künstlern besetzt

Athen von oben anzuschauen, hat etwas Magisches. 2008 stand ich in der Nacht auf dem Lykabettus-Hügel und verliebte mich neu in meine Stadt. Es gibt im Zentrum, direkt am Monastiraki-Platz, mehrere Rooftop-Bars. A for Athens ist den Besuch für den Blick über die Stadt allemal wert. Von hier aus geht es auch in die Altstadt Plaka mit ihren kleinen Gassen, touristischen, aber nicht nervigen Shops und immer noch authentischem Straßenleben, wo Männer in Anzügen an kleinen Tischen sitzen und Backgammon spielen. Amüsant finde ich besonders die vielen Pelzmäntel-Läden. Bei der Hitze! In der Plaka gibt es auch die beiden tollen Open-Air-Kinos Cine Thission und Cine Paris, die mindestens sechs Monate im Jahr geöffnet haben. Etwas abseits vom Zentrum im Viertel Exarchia gibt es noch das Open-Air-Kino Riviera. Hier sollte man unbedingt einen Spaziergang machen, es ist das Viertel, das für den Spirit der Jugendkultur und den -Widerstand gegen die Politik steht.

Hydra ist allerdings nur zwei Stunden mit dem Boot vom Hafen Piräus entfernt, und selbst für einen Tag lohnt sich der Ausflug auf die Insel ohne Autos – Esel sind dort die einzigen Transportmittel. Wem die Fahrt zu einer Insel zu weit ist, der kann auch in 30 Minuten im Taxi in den Vorort Faliro fahren. Dort liegt der Stadtstrand Athens, der am Wochenende auch von Griechen besucht wird. In den letzten Jahren wird der Unterschied von früher und heute immer größer. Das Green Park Café beispielsweise war in den Sechziger- und Siebzigerjahren sehr posh, ein Oldschool-Café, das während der aktuellen Krise jahrelang leer gestanden hat. Seit 2015 ist es nun von Künstlern besetzt, die mit der Aktivierung des Ortes eine Community gründen und mit ihrem Netzwerk gegen elitäre Strukturen ankämpfen möchten. Es sind auch kulturelle Großereignisse wie die Documenta, die internationale Aufmerksamkeit für Athen bringen. Ich hoffe, dass uns der Spagat zwischen dem alten und neuen Athen dauerhaft gelingen wird.

Dieser Artikel ist in der Mai 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen