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Porno für Alle

Von , 24. August 2016

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© Cécile Calla, Christian Fritzenwanker

Und nicht bloß nach dem Geschmack rauflustiger Horden, die in der Realität bei den Frauen, von denen sie träumen, keinerlei Chance haben. Kein Wunder, dass die meisten Pornofilme auf Frauen eher abtörnend wirken. Lucie Blush wollte das ändern. Und nahm ihr iPhone selbst in die Hand

Die schwarze Katze im Nacken war ihr erster Schritt in die Unabhängigkeit. Sie war 18 Jahre alt und kam gerade aus Manchester zurück. Es folgten dann noch drei weitere Tätowierungen: Auf ihrem Arm hockt ein Affe, nach einem Motiv von Banksy, ein Rabe flattert über ihren Rippen, und auf ihrer Schulter lauert eine Hyäne. Für Lucie Blush verkörpert der grinsende Aasfresser ein “Symbol des Matriarchats”. Für eine Pornoproduzentin besitzt Lucie Blush eine verblüffend harmlose Ausstrahlung. Man stellt sich die Protagonisten in diesem Gewerbe ja zumindest leicht schmierig vor. Aber so wie sie dasitzt, in diesem Café auf der Neuköllner Sonnenallee, schreibend in ihr Notizbuch vertieft, von einem Glas Pfefferminztee nippend, wirkt sie auf mich wie das charmante Mädchen von nebenan: klein, zierlich, Sommersprossen, dunkle Locken, schlicht gekleidet in einem weißen Angorapullover und grünen Hosen.

Aber sie ist nicht nur selbstbewusster als viele junge Frauen ihres Alters, sondern auch entschlossen. Die 28-Jährige beschäftigt sich mit weiblicher Sexualität auf radikale Weise: Seit drei Jahren dreht sie feministische Pornos. Ein Genre, das sich erst seit den Neunzigerjahren entwickelt, mittlerweile aber Erfolge zählen kann. Auch wenn fast jeder in der Branche seine eigene Definition vom feministischen Porno hat, lassen sich dennoch Kriterien feststellen: „Die Produktionsbedingungen unterscheiden sich vom üblichen Porno, weil bei den Dreharbeiten der Primat der Einverständigkeit gilt“, erklärt Camille Emmanuelle, eine Autorin und Journalistin, die über Sexualität, Feminismus und Gender schreibt. Ihr Essay Sexpowerment ist soeben in Frankreich erschienen.

„Oft sind das auch fröhliche Filme. Mit Spielszenen vor und nach dem Sex. Außerdem mit Humor“, so Camille Emmanuelle.

Lucie Blush wiederum geht es „darum zu zeigen, wie Frauen die Macht über ihre Sexualität wiedererlangen können und dass man zu jeder Zeit auch mal Nein sagen darf“. Sanft oder bloß erotisch sind ihre Produktionen deswegen nicht. „Es gibt auch feministischen Hardcore.“ Sie selbst unterwirft sich beispielsweise gerne beim Sex. Wenn man Lucie zuhört, klingen die Erzählungen von den Dreharbeiten nach einem mit guten Freunden verbrachten Wochenendausflug. Ihren Darstellern macht es Spaß, gefilmt zu werden; das Drehbuch stellt lediglich eine grobe Skizze dar, und die Ausarbeitung bleibt dem Kollektiv überlassen. Sie zahlt Männern wie Frauen das gleiche Gehalt, wodurch sie sich auch von herkömmlichen Pornoproduzenten unterscheidet. Pro Szene, was etwa einem Nachmittagsdreh entspricht, bewegt sich die Gage zwischen 300 Euro für unerfahrene und bis zu 600 Euro für erfahrene Darsteller. Lucie sei spontan, besitze viel Humor und gleichzeitig arbeite sie professionell, erklärt Lina Bembé. Die 34-jährige Mexikanerin, die einen Master of Public Policy vorweisen kann, hatte einen Film von Lucie Blush auf einem Pornofestival gesehen und war davon so angetan, dass sie diese Frau unbedingt kennenlernen wollte. Nach einem Monat drehte sie ihren ersten Film. In Lucies Filmen sieht man häufig Darsteller, die keine comichaften Körper haben, sondern solche mit gewöhnlichen Proportionen. Also eher Normcore als Gonzo. Unaufgeblasene Brüste, Cellulite – vor allem: Schamhaare dürfen ins Bild. „Ich will Sex zwischen Menschen zeigen“, sagt Lucie Blush. Und das wiederholt sie noch mehrfach während unseres Gespräches.

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© Cécile Calla, Christian Fritzenwanker

Kunst darf, muss aber nicht sein. Vor ein paar Monaten hat sie aber eine Pornopera gedreht. The Waltz zeigt eine Ménage-à-trois, doch besteht hier der Soundtrack nicht aus dem Stöhnen und Seufzen der beiden Frauen und dem Mann in ihrer Mitte, sondern – aus den Klängen von Tschaikowsky.

Lucie wechselt auch gern mal die Seite und kniet oder legt sich selbst mit vor die Kamera, „um zu erfahren, was in den Köpfen meiner Darsteller vor sich geht“ und „wie es sich anfühlt als Frau“. Gerne probiert sie dann etwas Neues aus. Mit einer Frau hat sie zum ersten Mal vor laufender Kamera geschlafen. Damals war sie vor dem Dreh sehr nervös gewesen. Demnächst will sie einen Mann penetrieren. Im Sommer wird sie erstmalig eine Auftragsproduktion für den französischen Privatsender Canal Plus drehen. Allmählich macht sich Lucie Blush einen Namen in der Branche und kann mit Bruttoeinnahmen zwischen 4000 und 5000 Euro pro Monat mittlerweile sogar einigermaßen komfortabel von ihren Produktionen leben. Ein beträchtlicher Teil ihrer Einnahmen stammt allerdings von ihrer Webseite, die sie über Anzeigenkunden vermarktet.

Ihre Filme sind nicht nur anders als der klassische Porno, sondern können tatsächlich erregen. Obwohl das auch nicht immer der Fall sein muss. Manchmal langweilen die Dialoge einfach nur. Und: Auch bei Lucie sind nicht alle Filmsequenzen ganz frei vom Performancedruck des Mainstreampornos. Auf die Frage, warum all diese Bilder gezeigt werden müssen, liefert sie keine befriedigende Antwort.
Für Feministinnen wie Alice Schwarzer gehört die ganze Pornografie aufgrund des degradierenden Bildes von der Frau verbannt. Das versteht Lucie und stimmt zu, dass „die Produktionsbedingungen der meisten Pornos beschämend sind“.

Vor einem Jahr ist Lucie Blush nach Berlin gezogen. Eines Feelings wegen – und weil sich hier willige Laiendarsteller finden lassen. Außerdem war ihr Barcelona zu langweilig geworden. „Berlin ist frei. Man trifft bedeutend mehr Leute, die des Englischen mächtig sind, als in Barcelona. Außerdem mag ich das Nachtleben. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Dagegen erscheint ihr Frankreich wie eine Burg des Konservativen mit seiner Gesellschaft, die noch immer zahlreiche Tabus zu Sexualität und Geschlechterrollen kultiviert. Ihr Engagement im Porno ist für Lucie auch ein persönliches Anliegen, eine Möglichkeit, ihre Sexualität und ihre Seele zu erkunden. Zuvor hatte sie sich selten gefragt,  worauf sie selbst Lust hatte. „Ich war darauf fokussiert, anderen Freude zu bereiten.“ Die Pornografie hat ihr dabei geholfen, ihren Körper zu akzeptieren. „Lange Jahre war ich voller Komplexe, ich fand mich zu dick.“

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© Cécile Calla, Christian Fritzenwanker

Irgendwann antwortet sie auf eine Jobanzeige von Erika Lust, die als Pionierin des feministischen Pornofilms anerkannt wird. Damit ändert sich ihr Leben brachial: Sie trennt sich von ihrem katalanischen Freund, der sie heiraten und mit ihr Kinder bekommen wollte, eröffnet ihren Blog Welovegoodsex. Sechs Monate später dreht sie ihren ersten Porno mit einem iPhone. Seitdem hat sie stark abgenommen, ohne es zu merken oder etwas dafür zu unternehmen. „Die Kamera akzeptiert keine Lügen“, gibt sie als Begründung für ihre verschwundenen Pölsterchen an.

Sie lebt heute allein. In einer Zweizimmerwohnung im Hinterhaus eines Neuköllner Mehrfamilienhauses. Sie bietet einen Joint an – und Kekse. Dann erzählt sie einen Schwank aus ihrer Jugend. Lucie Blush hat schon immer gern über Sex gesprochen. Nur Masturbation und Porno seien früher tabu unter Mädchen gewesen. Heute berichtet sie so selbstverständlich über ihre Fantasien, Träume, Masturbationsfrequenz und Lust, als ob es dabei um Börsenkurse ginge. Auch ihre Vorstellung von Liebe ist davon beeinflusst. Monogamie ist für sie bloß noch ein „ein Relikt, das man uns vorhält. Monogamie beruht auf Abhängigkeit. Man darf nicht Liebe mit Besitz verwechseln! Ich zumindest will lieber frei sein.“ Wer nicht?

Shame, diesen Film mit Michael Fassbender, empfand sie als inspirierend. Vor allem, was die darin formulierte Trennung von Sex und Gefühlen betrifft. In Berlin verliebte sie sich in einen Mann, dem sie auf einer Swingerparty begegnet war. Obwohl er sich am Anfang für ihre Tätigkeit noch zu begeistern schien, wurde er bald und auch zunehmend eifersüchtig. Unschöne Szenen führten schließlich zum Bruch.

„Ich glaube, dass eine selbstbewusste Frau, die ihre eigenen Projekte entwickelt und ihre Sexualität frei leben möchte, auf viele Männer wie eine Bedrohung wirkt“, sagt sie und wirkt dabei etwas traurig. Im Moment kann sie sich überhaupt nicht mehr vorstellen, eine Familie zu gründen. Allein der Gedanke, schwanger zu werden, ekelt sie an.

Über den Umweg der Literatur offenbart sie dann auch einige innere Brüche. Als sie auf den Roman Die Hexe von Portobello von Paulo Coelho zu sprechen kommt – Paulo Coelho ist ihr Lieblingsschriftsteller –, erzählt sie von ihrer leiblichen Mutter, die sie als eine komplizierte Persönlichkeit beschreibt. Sie hat Lucie verlassen, als diese drei Jahre alt war. „Sie konnte sich nicht gut um mich kümmern“, fasst sie mit leiser Stimme die Ereignisse von damals zusammen. Einmal nur noch meldete sich ihre Mutter, eleganterweise am Telefon, bloß um dann einige Jahre darauf dann zu sterben.
Mittlerweile heißt es, Tochter Lucie sähe ihrer Mutter ja ähnlich. Und hätte in Form eines psychischen Erbes auch ein paar von deren Charakterzügen übernommen. „Aber die will ich unbedingt zu meinem Vorteil nutzen.“

Mit ihrem Vater spricht Lucie nicht über ihre Arbeit: „Er findet das schmutzig, was ich mache.“ Auch bei ehemaligen Schulkameraden stößt sie auf wenig Begeisterung oder gar Anerkennung. Dann heißt es: „Jemand wie du, der doch immer so gute Noten hatte!“ Wäre sie ein Mann, müsste sie sich nicht solche Bemerkungen anhören, meint sie mit einigem Recht. Hier macht es sich bemerkbar, dass aus Lucie Blush, die Pornofilme dreht, um Geld zu verdienen, eine Feministin spricht. Sie will sich eben nichts vorschreiben lassen und verlangt denselben Respekt und dieselbe Behandlung wie ihre männlichen Kollegen.

„Für eine Pornodarstellerin ist es viel schwieriger, in einen zivilen Beruf zu wechseln, siehe Michaela Schaffrath, ehedem Gina Wild. Ein Mann wie James Deen hingegen, der vom Ficken leben kann, bleibt für seine Geschlechtsgenossen immer ein Sieger, beinahe schon Superheld.“ Dem lässt sich schwer widersprechen. Vor allem, wenn man an das exzessive Sexualleben vieler mächtiger Männer à la Silvio Berlusconi oder Dominique Strauss-Kahn denkt, die ihre Skandale beinahe schadlos überstanden haben, um weiterhin Millionen zu scheffeln. Dabei: „Es gibt kein Gut oder Schlecht. Es gibt nur das, was dir guttut.“ So lautet in der Zusammenfassung die Philosophie einer Frau mit Namen Lucie Blush.

Von: Cécile Calla

Text: Hadley Hudson

Dieser Artikel ist in der Mai/Juni 2016-Ausgabe von L’Officiel erschienen