Lifestyle

Lina Scheynius über ihren neuen Bildband 08

Von , 16. March 2016

HEADER_Lina_Scheynius
08 ©Lina Scheynius

“Ich persönlich fühle mich nicht immer inspiriert und in der Stimmung, kreativ zu sein” – die schwedische Fotografin Lina Scheynius über ihren neuen Bildband 08, ihren inneren Konflikt als Fotografin und die befreiende Wirkung von Selbstportraits

Manchmal ist es das Klügste, seiner inneren Stimme zu folgen und einen bereits eingeschlagenen Lebensweg in eine andere Richtung umzuleiten. Wie gut das gelingen kann, beweist der Fall Lina Scheynius. Eigentlich wollte die Schwedin mit dem langen rotblonden Haar und den wachen grünen Augen Topmodel werden. Die großen Laufstege der Welt erobern. Mit 16 startete die heute 33-Jährige ihre vielversprechende Laufbahn, aber irgendwann wurde ihr das Modelleben zu eintönig, zu krank, zu absurd. Sie durstete nach mehr Lebensinhalt, nach Kreativität, Authenzität und Selbstverwirklichung. Also begann sie im Jahr 2002 damit, Fotos zu schießen. Zunächst von sich, dann von ihren Freunden oder Liebhabern. Vier Jahre später fing sie damit an, ihre Bilder auf Flickr hochzuladen, es folgten eine eigene Website und die tägliche Fütterung der einschlägigen Social Media Kanäle. Statt eines neuen Modeljobs bekam Lina Scheynius ihre eigene Foto-Kolumne im ZEITMagazin und Veröffentlichungen in den großen Magazinen, zum Beispiel der Monopol. Seit 2008 bringt die Fotografin jährlich einen selbstveröffentlichten Bildband heraus – ausgenommen das Jahr 2015, als sie sich eine kleine Auszeit von der Fotografie und der digitalen Welt, mit ihrer akkordartigen Taktung und der immer wehrenden Jagd nach Herzchen und Likes, nahm. Am 03. März ist nun 08, Lina Scheynius’ neuestes Werk, erschienen. Von außen lockt der gewohnt schlichte, weiße Einband – gefüllt ist das Buch mit intimen Fotografien, die mit ihren schnappschussartigen Kompositionen und verwaschenen Farben echte Momente des Lebens dokumentieren und damit die einzigartige Ästhetik der schwedischen Künstlerin widerspiegeln. Im Interview spricht Lina Scheynius über die Geschichte hinter ihrem neuen Buch, ihren inneren Konflikt als Fotografin und die befreiende Wirkung von Selbstportraits.

Dein erstes Buch 07 ist im Jahr 2014 erschienen. Woran hast du seitdem gearbeitet?

2015 war ein sehr spezielles Jahr für mich. Obwohl die vergangenen Jahre sehr kräftezehrend waren, habe ich mit einem aufwendigen Projekt begonnen: Mein Ziel war, zwölf Monate lang Tag für Tag einen ganzen Fotofilm zu verschiessen. Nach 54 Tagen musste ich stoppen. Dann hatte ich eine Art Breakdown. Seit Jahren hatte ich unter Angststörungen gelitten und war gerade wieder auf einem guten Weg, als mein Körper mir in 2015 signalisierte, dass ich einen Gang runterfahren muss. Also habe ich mir eine Auszeit genommen. Ich habe Instagram vier Monate lang nicht angerührt, das Meditieren begonnen und mich mit Dingen beschäftigt, die nichts mit Fotografie zu tun hatten. Meine Kamera habe ich nur in die Hand genommen, wenn ich es wirklich wollte. Also nicht sehr oft. Nach einem Jahr habe ich schließlich damit begonnen, mich meinem neuen Buch zu widmen.

Die Fotografien in deinem neuen Buch 08 wurden zwischen 2013 und 2015 aufgenommen, viele davon bisher ungesehene Bilder. Nach welchen Kriterien hast du sie ausgewählt?

Viele der Fotografien waren bisher noch nicht auf meiner Webseite gelandet, da ich bis dato nicht viel Zeit im Internet verbracht hatte. Eigentlich hatte ich es geliebt, meine neuen Bilder fünf Minuten nach ihrer Entwicklung direkt online zu stellen. 2015 habe ich das nicht gemacht. Der Selektionsprozess für mein aktuelles Buch dauerte sehr lange, da ich mich dazu entschieden hatte, es diesmal langsam angehen zu lassen und mir keine Deadlines zu setzen. Begonnen habe ich mit ein paar Fotos, die ich 2013 unter Wasser aufgenommen hatte. Sie hatten es bisher nie in eine meiner Publikationen geschafft, also dachte ich, ihre Zeit sei nun gekommen. Danach bin ich meine Archive durchgegangen und habe weitere, dazu passende Bilder ausgesucht. Ich habe die Bilder ausgedruckt und an die Wand gepinnt, einige wieder abgenommen oder ausgetauscht und meine Freunde nach ihrer Meinung gefragt. Die finale Auswahl habe ich dann in InDesign gelayoutet und nach und nach damit ein ganzes Buch kreiert. Das ist das, was mir am Fotografieren am meisten Spaß macht.

Warum ist ein eigenes Buch-Format das richtige Medium für deine Fotografie?

Ich war schon immer der Meinung, dass meine Bilder am besten in Büchern oder auf Screens funktionieren. Sie sind sehr persönlich und ich glaube, dass sie ihre Wirkung am besten entfalten, wenn sie Menschen in ihren eigenen vier Wänden erreichen. Die bewusst nicht hundert Prozent perfekte und sehr einfache Qualität meiner Bücher verstärkt dieses Gefühl der Intimität meiner Bilder. Außerdem liebe ich es, zu wissen, dass meine Fotolabor-Jungs die Bilder in Abzüge verwandeln und ihnen damit neues Leben einhauchen. Es ist fast so, als würden die Fotos damit endlich erwachsen werden.

Wie hat sich deine Fotografie im Laufe deiner Karriere entwickelt?

Ich habe definitiv ein stärkeres Bewusstsein für Licht und Komposition entwickelt. Mein Auge wurde parallel zu meiner Erfahrung mit trainiert. Mittlerweile fällt es mir wirklich immer schwerer, ein „schlechtes“ Bild aufzunehmen. Das ist ziemlich schade, denn oft sind es genau diese Bilder, die sich am Ende als wahnsinnige Überraschung herausstellen. Manchmal möchte man einfach ein bestimmtes Objekt oder seine Geschichte festhalten und dann nervt einen diese innere Stimme, die sagt: „Das sieht so aber nicht gut aus, lass es lieber.“ Was sich noch verändert hat, ist, dass ich nicht mehr so stark daran interessiert bin, Penisse oder sexuelle Momente zu fotografieren. Als ich mit der Fotografie begann, war das meine größte Inspiration. Aber weiß, vielleicht kommt dieses Interesse noch einmal zurück. Ich bin da jedenfalls offen.

Worin unterscheiden sich deine Selbstportraits von Aufnahmen, die du von anderen Menschen machst? Welche Art des Fotografierens bevorzugst du?

Ich habe in meinem Leben sehr viele Selbstportraits aufgenommen. Der Prozess an sich hat etwas Befreiendes. Sich selbst kann man sich auf eine ganz andere Art öffnen, als einem fremden Gegenüber. Außerdem kann man sich damit gut die Zeit vertreiben, wenn man einsam ist. Eine andere Person zu fotografieren ist etwas anderes. Ich muss darauf achten, dass sich die Person wohl fühlt und außerdem gut überlegen, was ich überhaupt von ihr verlangen kann. Natürlich ist das von Person zu Person verschieden. Bei manchen Menschen macht es mir nicht besonders viel Spaß, bei anderen fühlt es sich komplett natürlich an, sie vor der Linse zu haben. So wie im normalen Leben – es gibt Leute, mit denen man sich wohl fühlt, mit denen man gut auskommt. Oder eben nicht. Ich liebe beide Arten der Fotografie, aber wenn ich eine Form auswählen müsste, würde ich die Selbstportraits bevorzugen.

Mittlerweile kannst du deinen Lebensunterhalt mit der Fotografie bestreiten. Wie fühlt sich das an?

Als hauptberuflicher Fotograf hast du das Problem, dass du von deiner eigenen Inspiration und deinem kreativen Schaffensdrang komplett abhängig bist. Ich persönlich fühle mich nicht immer inspiriert und in der Stimmung, kreativ zu sein. Über kurz oder lang führt dies zu inneren Konflikten, denn natürlich bin ich auf das Geld angewiesen. Der größte Vorteil an meinem Beruf ist wohl, dass ich meistens keinen Wecker zu stellen brauche und mich nicht zur Rush Hour ins Auto oder in die Bahn setzen muss.

Gibt es Fotografen oder Künstler, die du derzeit besonders schätzt? Woher nimmst du deine Inspiration?

Ich bewundere die Arbeit von Araki. Zum ersten Mal entdeckte ich seine Bilder, als ich mich in einem Londoner Buchladen umsah. Ich glaube, diese Liebe wird für immer sein. Meine aktuellen Lieblings-Nachwuchskünstler sind Alexandra Marzella und Ana Kraš. Andere Dinge, die mich inspirieren, sind: Licht, Wasser, Sonnenschein, Natur, nackte Körper, Bewegungen, Schönheitsfehler und Liebe.

08 von Lina Scheynius ist auf der Webseite der Fotografin erhältlich.