Lifestyle

Oscar-Gewinner Leonardo DiCaprio im Interview

Von , 29. February 2016

Leonardo DiCaprio ©Screenshot aus "The Revenant", ©instagram.com/leonardodicaprio–page
Leonardo DiCaprio ©Screenshot aus “The Revenant”, ©instagram.com/leonardodicaprio_page

Wie tickt Leonardo DiCaprio? Was treibt ihn an? Wir trafen den Schauspieler im vergangenen Dezember, knapp drei Monate vor der 88. Oscar-Verleihung, zum Gespräch in London

Titanic, Aviator, Wolf of Wallstreet – keiner seiner Generation hat mehr Filmen ein Gesicht gegeben als Leonardo DiCaprio. Nur der Oscar blieb ihm am Ende immer verwehrt. Bis gestern Abend: Bei der Verleihung der 88. Academy Awards nahm Leonardo Di Caprio endlich seinen ersten Oscar entgegen. Ausgezeichnet wurde er in der Kategorie “Bester Schauspieler” für seine Hauptrolle in Alejandro Iñárritus zweieinhalbstündigem Monumentalfilm The Revenant. Wieder spielt er einen Mythos, larger than life: den Trapper Hugh Glass, der mit einem Trupp von Pelztierjägern sein Leben riskiert. Eine Heldensaga aus der Zeit des Wilden Westens, der im hohen Norden im tiefen Winter besonders grausam war. Leonardo DiCaprio ist in der Rolle so gefordert wie nie zuvor. Der Film zeigt – realistisch bis an die Schmerzgrenze – den erbarmungslosen Überlebenskampf eines Menschen gegen die Naturgewalt. Es geht um Leben und Tod, um Schuld und Sühne, um alles eigentlich. Der größte Filmstar der Welt wandelt sich also zum Schmerzensmann und nimmt alle erdenklichen Torturen auf sich, um diese Rolle glaubwürdig und atemberaubend zu spielen. Warum?

Mr. DiCaprio, 40 Filme haben Sie schon gedreht. Man fragt sich: Gab es eigentlich jemals Kino ohne Leonardo DiCaprio?

(lacht) Lange her, stimmt. Ein viertel Jahrhundert. Verrückt. Ich bin im Kino erwachsen geworden. Das Kino war wie ein College für mich. Kino war frühzeitig meine Lebenserfahrung. Ich habe die Welt kennengelernt durchs Kino, bei Dreharbeiten überall auf der Welt. Ich habe mit spannenden Menschen zusammengearbeitet. Ich habe Figuren gespielt, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte. Ja, Kino ist mein Leben.

“The Revenant” sieht so aus, als wäre er der härteste Film in Ihrem Leben, oder?

Ja, zweifellos. Die Dreharbeiten waren echt kein Zuckerschlecken. Das ist nicht einer dieser Filme, die in Studiokulissen entstanden sind, wo die Schauspieler Spaß haben und sich vor L­achen auf die Schenkel klatschen. Nein, wir waren neun Monate lang am Ende der Welt, draußen in der Natur, unter härtesten Bedingungen. Eigentlich unmöglich, so ein Film.

Was heißt unmöglich?

Stellen Sie sich vor: neun Monate in der extremsten Wildnis, eine Riesencrew, ständig wechselnde Schauplätze, jeder Drehtag zählt, und jeden Tag aufs Neue werden sämtliche Pläne über den Haufen geworfen. Mal ist das Wetter anders als erwartet, mal ist das Licht anders als Alejandro es wollte.

Wahnsinn.

Ja, absoluter Wahnsinn. Ein logistischer Alptraum. Und dazu kommt die körperliche Tortur, die physische Grenzerfahrung. Aber das war Alejandros Vision. Er wollte einen Film machen, der das Kino verändert. Etwas komplett Neues, etwas Revolutionäres.

Der dichte Strubbelbart, hinter dem man Sie kaum wiedererkennt, und dann sagen Sie auch fast nichts in dem Film, man hört Sie nur atmen oder ächzen. Es scheint Sie nicht groß zu scheren, dass Sie damit Ihre weiblichen Fans enttäuschen.

(lacht) Ich fürchte, ich enttäusche meine weiblichen Fans schon seit vielen, vielen Jahren. Die Sache ist doch die: Man kann das tun, was von einem erwartet wird, oder man kann das tun, was man am liebsten tut. Wofür man leidenschaftlich brennt. In meinem Fall: Ich mache die Filme, die ich liebe, die Art von Kino, die ich am liebsten auf der Leinwand sehen möchte. Nicht die Filme, die Erwartungen erfüllen.

Es gab mal Zeiten in Hollywood, da war Filmstar ein Traumjob. Unvorstellbar, dass jemand wie Cary Grant neun Monate in der Wildnis zugebracht hätte. Warum plagen Sie sich so?

Ich bin einfach nicht der Typ, der es sich gern leicht macht. Wenn ein Projekt zu bequem ist oder wenn eine Entscheidung zu leicht fällt, dann interessiert mich das nicht. Bitte nie vergessen: Man opfert ein Jahr seines Lebens für einen Film, sogar mehr. Da muss die Entscheidung schon gut überlegt sein. Ist der Film das wirklich wert?

Im Zweifelsfall also: lieber das Mühsame, noch lieber das Unmögliche.

Ich würde sagen: Meine Bewunderung für die große Kunst des Kinos ist der Ansporn, der mich immer schon getrieben hat. Immer schon. Ich erinnere mich, als ich 15 Jahre alt war, da habe ich ein ganzes Jahr lang einen Film nach dem anderen angeschaut. All die grandiosen Meisterwerke der Vergangenheit. Ich war überwältigt. Ich dachte: Werde ich es je schaffen, in dieser Liga mitzuspielen? Werde ich mich je damit messen können? Das war der Auslöser, denke ich.

Auslöser für Ihren Ehrgeiz?

Auslöser für meinen Anspruch. Seither habe ich diesen Drang, etwas Großartiges zu machen. Meine Kriterien haben sich nicht verändert, sie sind dieselben wie damals, am Anfang meiner Karriere, als ich noch nicht die große Auswahl hatte wie heute.

Sind Sie zufrieden mit sich?

Was heißt zufrieden? Ich versuche immer, mein Bestes zu geben. Misslingt irgendwas, dann bin ich natürlich enttäuscht. Das Risiko besteht, so ist das bei riskanten Entscheidungen. Aber als Schauspieler begibst du dich in die Hände des Regisseurs, er hat eine Vision, und die gilt es umzusetzen. Das Entscheidende ist der Regisseur.

Sie müssen ihm vertrauen können.

Genau. Das ist der wichtigste Punkt, wenn ich mich für oder gegen ein Projekt entscheide. Die Vision ist entscheidend, aber auch die Frage, kann sie umgesetzt werden? Der Regisseur ist der Schöpfer eines Kosmos. Er erschafft eine Welt, in die du eintauchst, möglichst glaubwürdig. Martin Scorsese ist so ein Regisseur, Quentin Tarantino ebenfalls, Alejandro Iñárritu natürlich auch. Ich hätte diesen Film nie und nimmer gemacht, wenn Alejandro nicht der Regisseur gewesen wäre.

Was genau bewundern Sie an ihm?

Er hat die Gabe, auf der Leinwand ein monumentales Epos entstehen zu lassen, klassisches großes Kino wie Ben Hur, und gleichzeitig hat er den Blick für winzige poetische Details, den Regentropfen auf einem Blatt, zum Beispiel. Man sieht, ganz realistisch, wie die Halsschlagadern der Männer im Kampf pulsieren, man sieht den Schweiß auf ihrer Stirn, die Atemwolken in der Kälte, und im selben Moment schwenkt die Kamera über das grandiose Panorama der gigantischen Landschaft mit den Wolken am Himmel.

Ja, das ist wirklich sensationell.

Absolut sensationell. Man hat den Eindruck, alles Kino der Welt steckt in diesem einen Film. Ich habe so was wirklich noch nie gesehen.

Das ausführliche Gespräch zwischen Christian Kämmerling und Leonardo DiCaprio finden Sie in der aktuellen zweiten Ausgabe, erhältlich am Kiosk oder via Mail.