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Kolumne: Über das frühe/späte Kinderkriegen

21. November 2015

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Wer früh ein Kind bekommt, wird schnell erwachsen. Das könnte gut sein, wenn man nicht das schönste am Erwachsensein einbüßen würde: Selbstbestimmung.

Als mich nach den ersten himmlischen Anfangswochen mit meinem Sohn die erste Erschöpfung einholte, konnte ich nicht fassen, dass mich niemand der anderen Millionen Mütter warnte, worauf ich mich eingelassen hatte. Nachdem sich die postnatalen Endorphine verabschiedet hatten, blieb der Alltag mit Kind. Die fünf Minuten unter der Dusche sollten tatsächlich erstmal die einzige Zeit sein, in der ich alleine war. Für die Seminararbeit, die ich noch aus meinem letzten Semester in die Elternzeit mitgenommen hatte, beantragte ich eine Verlängerung nach der anderen.

Die Vorstellungen davon ein Kind zu haben und wirklich Mutter zu sein, liegen meilenweit auseinander. Nach dreieinhalb Jahren kann ich rückblickend sagen, für mich als junge Mutter war die Fallhöhe besonders groß. In meinem engen Freundeskreis war ich die erste mit einem Baby. Keine meiner Freundinnen hatte mich schon Mal angerufen, um in den Hörer zu weinen, dass das Einschießen der Milch bis in die Zehnspitzen schmerzt.

Für mich bedeutete Mutterwerden, die Komfortzone der Jugend abrupt zu verlassen. Bevor ich mein Kind bekommen habe, hatte ich mich gerade erst von den ganz großen Träumen verabschiedet: Schauspielerin werden und ewige Liebe. Illusionen hatte ich trotzdem noch genug, mit Baby aber wenig Zeit, mich an ihnen abzuarbeiten. Ich war mit Mitte Zwanzig gerade erst dabei Vorstellungen vom eigenen Leben dem Reality Check zu unterziehen.

Ein Freund von mir hat mit 20 seinen Sohn bekommen. Das ist 15 Jahre her und ich kannte ihn damals noch nicht. Als ich ihn fragte, ob das zu früh war, meinte er: „Ja, klar, ich war viel zu unfertig.“ Nicht dass man mit 35 fertig wäre, dieser Zustand ist eine bildungsbürgerliche Illusion, aber ein bisschen mehr Zeit ohne Kind, um sich fertiger zu fühlen, kann auch ich jedem nur empfehlen. Die Zeit zu Zweifeln und Selbsterfahrungstrips zu machen, ist begrenzt, wenn Du Dich um ein Kind kümmerst und Geld verdienen musst.

Ich rede mir ein, in zehn Jahren wenn mein Sohn 13 ist und ich 39, hole ich das nach, was ich als junge Mutter verpasst habe. Weil ich mittlerweile so bodenständig bin, sind das nicht mehr die Clubnächte und exotischen Reisen, sondern in meine Karriere zu starten. Das geht mit einem Kind nicht, ohne dass das Leben weh tut.

Als Berufseinsteigerin mit Kleinkind konkurriere ich mit jungen, flexiblen Frauen ohne Kind, die locker Überstunden einschieben können und sich schneller etablieren. Hinzu kommt, dass die Aufteilung, Brotjob und Selbstverwirklichung parallel laufen zu lassen, für viele Akademiker in den ersten Berufsjahren normal, mit Kind nicht möglich ist. Ich hatte in den letzten drei Jahren Kind, Studium und Nebenjob. Das geht nicht auf Dauer. Neben einem schlecht bezahlten Volontariat am Wochenende in einer Bar zu arbeiten, da bin ich auf jeden Fall raus.

Ich werde bald Dreißig und habe im Sommer mit zwei Jahren Verzögerung mein Studium abgeschlossen, Master in Literatur- und Kunstwissenschaft. Meine beiden Professorinnen haben mir empfohlen zu promovieren, aber die Vorstellung noch drei weitere Jahre zwischen den existenzialistischen Skulpturen von Louise Bourgeois und rosa Lilly Fee Geschichten hin und her zu switchen, würde ich nicht ertragen. Dann warte ich lieber, bis mein Kind Harry Potter lesen kann und schreibe zum Thema Fantastische Literatur.

Impulse, die dir ein Kind geben, in alle anderen Lebensbereiche und auch ins Berufliche aufzunehmen, ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, eingebüßte Freiheiten auszugleichen. Diese kindlichen Impulse wiegen viel. Meine neuerlichen Geographiekenntnisse stammen allein aus dem Kinderatlas. Und wie viele Erfolgsgeschichten von Müttern gibt es, die sich selbstständig gemacht haben, weil sie sich mit Kind nicht den vorgegebenen Arbeitsbedingungen von Außen unterwerfen konnten. Bei Edition F habe ich von einer Mutter mit Kind gelesen, die während der Elternzeit die Eröffnung ihrer eigenen Zahnarztpraxis organisierte. Ganz zu schweigen von den vielen Blogs, die in Elternzeiten entstanden sind.

Und: Mit Kind arbeitest Du automatisch effektiver, weil jeder Tag durch die Deadline strukturiert ist, die dein Kind dir vorgibt. Während meiner Abschlussarbeit wirkte sich die Deadlinehysterie allerdings auch so aus, dass ich völlig verschwitzt in der Kita ankam, weil sich eine morgendliche Schreibblockade erst gegen 16 Uhr lösen wollte. Kreative Arbeit, im schlimmsten Fall gepaart mit jugendlicher Ungeduld und Impulsivität, kann ein echtes Problem mit Kind werden. Karl Ove Knausgaard hat in seinem Roman Lieben 763 Seiten über diesen Kampf geschrieben.

Als ich neulich mit unserer Clique aus der Kita Pizza essen war, der Altersdurchschnitt der Erwachsenen lag bei 36, musste ich feststellen, dass ich die einzige Mutter ohne zweites Baby im Arm war. Die meisten Mütter mit Ende Dreißig zögern viel weniger mit einem zweiten Kind. Durch den Geräuschpegel unserer spielenden Kinder ankämpfend, unterhielten wir uns über die Zeit vor unserm Elterndasein. Natürlich vermissen die Eltern, die mit Anfang oder Mitte Dreißig ein Kind bekommen haben, auch unbeschwerte Momente. Wir waren uns über das bedauerliche Gefühl einig, das einen beschleicht, wenn an ersten Frühlingsabenden die warme Luft durchs Fenster weht, Stimmengewirr von der lebendigen Straße zu hören ist und man sich nicht spontan unter das Partyvolk mischen kann, weil man das schlummernde Kind hütet. Der Wiedereinstieg in den Job hingegen war bei den meisten hingegen weniger ein Problem, als meine berufliche Orientierungssuche. Nach dem Elternjahr, in dem man 65 % seines Gehalts bekommt, während man als Studentin nur 300 € hat, knüpften viele einfach an Strukturen und Netzwerke wieder an, die sie sich vor dem Kind schon erarbeitet hatten.

Wo Du mit Mitte Zwanzig stehst, ist natürlich auch eine Typfrage. Es gibt einige Frauen, die haben schon eine Unternehmensgründung hinter sich und die ersten Stufen ihrer Karriereleiter längst erklommen. Ich bin – bis auf das frühe Kinderkriegen – eher ein Spätzünder und habe viel Zeit mit Grübeln verbracht. Vielleicht ist das mein Dilemma. Aber ganz unabhängig davon, glaube ich bei den meisten ohne Kind beobachtet zu haben, dass sich zwischen Mitte Zwanzig und Dreißig, mit ersten Erfahrungen im Gepäck und mehr Selbstbewusstsein, viele neue Türen öffnen. Schade, dass keine von Lena Dunhams Girls mit Mitte 20 ein Kind bekommen hat. Das wäre spannend. Aber vielleicht passiert das in der nächsten Staffel.

Es stimmt, dass jeder der heute ein Kind bekommt, selbst dafür verantwortlich ist. Die Pille war schließlich neben dem Internet eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Meine Vermutung ist, dass Kinder von jungen Eltern ungewollt gewollte Kinder sind. Sie sind das Ergebnis subtiler Wünsche nach Halt und Stabilität, Dingen, die in den frühen Zwanzigern oft fehlen. Gleichzeitig und das ist paradox, braucht es für die Entscheidung, mit Anfang Zwanzig wirklich ja zu einem Kind zu sagen, eine große Portion Mut, Leidenschaft, Naivität und Kompromisslosigkeit. Man könnte sagen, frühes Kinderkriegen ist einmal Jugendlichkeit zu viel, die dir dann auf deinem Jugendkonto wieder abgezogen wird, weil Du so schnell erwachsen werden musst, wenn das Kind erst da ist.

 

Autoreninfo: Charlotte Silbermann hat Literatur und Kunstwissenschaft an der Universität Potsdam studiert. Seit 2013 arbeitet sie als Kunst Guide in der Sammlung Boros. 2014 war sie Praktikantin beim Zeitmagazin.