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Interview: Türsteher-Legende Frank Künster

Von , 30. March 2016

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©Julia Zierer

Am 31. März feiert der Berliner Nachtclub King Size seine Wiedereröffnung. Wir trafen seinen legendären Türsteher Frank Künster vorab zum Interview

Frank Künster ist seit 23 Jahren Türsteher. Der Erfolg des Nachtclubs King Size machte ihn berühmt. Er kennt nicht nur die Namen seiner Besucher, sondern auch ihre Lebensgeschichten. Dank ihm hatten sie einen Raum, wo sie sich ohne Angst fallen lassen konnten. Zur Wiedereröffnung des Clubs, sprachen wir mit „Frankie“ – wie ihn die Partyszene der Stadt nennt – über das Phänomen King Size.

Was hat den Erfolg des King Size ausgemacht?

Das Team aus Boris, Stefan Conny und mir hat es geschafft dort eine interessante Mischung aus Menschen zu versammeln und ihnen einen Raum gegeben, in dem sie sich bis zum Exzess führen konnten. Hier sind sie an einen Punkt geraten, in dem sie sich verlieren und gleichzeitig auch in diesem Verlieren wiederfinden konnten.

Lag es daran, dass man sich dort unter Seinesgleichen befand? 

Bis zu einem gewissen Grade stimmt diese Aussage. Das soll jetzt aber nicht elitär klingen, das Gegenteil war der Fall. Denn dort haben Bundestagsabgeordnete, berühmte Künstler, Professoren und eben auch kreative Hartz-IV-Empfänger Seite an Seite gefeiert. Die Selektion fand bereits durch die Auswahl der Musik, der Getränke und den Räumlichkeiten statt. Das King Size war vor der Wende ein Raum, in dem die Tänzer des Friedrichstadt Palast gefeiert haben, das waren Exzentriker und Freidenker. Diese positive Energie von damals hat der Ort eben behalten. Leute die eher bürgerlich langweilig sind, haben sich für das, was wir gemacht haben, gar nicht interessiert. Das war denen zu eng, zu voll und zu stickig. Ein ganz wichtiger Faktor war aber gerade diese Enge. Es ging gar nicht anders, als sich zu berühren. Dadurch war das ganze sehr sexuell aufgeladen und Kommunikationsschwellen wurden so ausgehebelt.

Wie hast du als Türsteher die Atmosphäre beeinflusst? 

Ich habe keine Hemmungen mit sehr intelligenten oder wohlhabenden Menschen zu kommunizieren. Ich habe jeden gleich behandelt, für mich war es immer wichtig, dass man sich dort mit Respekt begegnete. Ich habe allen ihre Freiheit gelassen, sich auszuleben, aber war durch meine physische Präsenz gleichzeitig ein beschützendes Element. Man konnte sich dort komplett fallen lassen, weil man wußte, dass nichts Schlimmes passieren würde. Die Gleichzeitigkeit dieser Widersprüche hat eine losgelöste Stimmung erzeugt.

Gab es denn nie so etwas wie eine Schlägerei?

Es gab schon Auseinandersetzungen. Der Raum war eng, man war berauscht und es waren eben auch viele sehr erfolgreiche Menschen dort. Um Erfolg zu haben, braucht man eine natürliche Aggressivität. Damit meine ich nicht unbedingt das Physische, sondern eher das sich Durchsetzten wollen. Und wenn solche Charaktere im berauschten Zustand mit lauter Musik aufeinander treffen, konnte es auch schon mal handgreiflich werden. Aber das ist nie ausgeartet, es gab höchstens Mal einen Schubser oder eine Backpfeife und dann bin ich auch schon dazwischen gegangen und habe die Streithähne auseinander gebracht. Es ist nie in eine negative Richtung eskaliert.

Und dein extremstes Erlebnis? 

Ach mit dem Extremen ist das so eine Ansichtssache. Ich finde es zum Beispiel normal, wenn ganz viele Frauen ihre Brüste zeigen. Aber natürlich waren wir nicht der Kit Kat Club. Es gab keinen Sex am Tresen, aber auf dem Klo ist das durchaus vorgekommen. Wir waren einfach tolerant gegenüber Leuten, die sich sehr expressiv ausgedrückt haben.

Der Club hat auch viel Prominenz angezogen…

Ja das stimmt, aber nicht immer unbedingt Stars die man aus der Boulevard-Presse kennt. George Clooney war entgegen aller Gerüchte nie da, obwohl wir ihn immer eingeladen haben. Aber es war ihm einfach immer zu voll, was ich auch verstehen kann. Björk, Michael Fassbender und Sam Riley haben mal bei uns gefeiert.

Was war denn für dich die besonderste Begegnung? 

Woody Harrelson kam mal vorbei, den finde ich ziemlich cool. Aber ehrlich gesagt, haben mich die Promis immer weniger interessiert. Für mich waren die Bundestagsabgeordneten faszinierender. Obwohl ich ja gegen das System bin, habe ich mich gerne mit Menschen unterhalten, die das System aktiv beeinflussen.

Darfst du Namen nennen? 

Nein das mache ich nicht. Aber es waren schon zwei oder drei, die regelmäßig da waren. Das Absurde für mich war, dass viele für die CDU gearbeitet haben. Was ich nie so ganz verstanden habe, weil ich mich ja selbst eher als Linken sehe. Diese Widersprüchlichkeit, dass viele Wert-Konservative eine Affinität zum King Size hatten und auch das freiheitliche Konzept daran verstanden, fand ich interessant. Aber vielleicht war es gerade für diese Klientel auch einfach nur Eskapismus.

Du bist auch Künstler? 

Das würde ich nicht so sagen. Einer unserer Mitarbeiter Klaus Jörres ist Künstler. Der hat mal ein Bild gemalt, da stand drauf. “I am so pissed, I made an Art Piece”. Ich fand das so cool, dass ich ihn um Erlaubnis bat, das zu kopieren. Während des Prozesses des Kopierens ist mir dann die Idee zu einem eigenen Kunstwerk gekommen. Es war auch eine Leinwand mit Buchstaben – ich habe “Insubordination” drauf geschrieben. Das hat dann Jonas Burgert, ein sehr bekannter Künstler, bei mir zu Hause entdeckt und es in eine Ausstellung in Weißensee eingebunden. So wurde es Kunst. Aber ich empfinde meine Arbeit an der Tür eher als Kunst. Ich baue dort soziale Skulpturen. Eine Meinung, die ja auch Beuys und Warhol vertreten haben – und zwar dass die menschliche Interaktion auch ein künstlerischer Akt sein kann.

Was können wir vom neuen King Size erwarten? 

Da zitiere ich mal die wundervolle Serie Dallas. “Wir möchten so tun, als hätten wir alle nur geschlafen”. Bobby Ewing ist ja in der Serie gestorben und 1 ½  Jahre später wieder aufgewacht. Die Serien-Schreiber haben es dann so erklärt, dass Pamela – seine Ehefrau – nur geträumt hatte, er sei gestorben. Und so ähnlich möchte ich das fürs King Size sehen. Wir haben uns in einem kreativen Schlaf befunden und knüpfen jetzt genau da an, wo wir aufgehört haben.