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“The Revenant” Komponist Carsten Nicolai

Von , 24. February 2016

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Carsten Nicolai komponierte die Filmmusik für den Oscar-Favoriten „The Revenant“ – wir trafen den Deutschen Musiker und Künstler zum Interview

Er ist nicht nur als deutscher Gegenwarts-Künstler bekannt, sondern auch als Musiker erfolgreich – unter dem Pseudonym Alva Noto. Vor allem in Japan feiert Carsten Nicolai mit seinen minimalistischen Elektro-Sounds Erfolge. Vor 18 Jahren traf er in Tokio auf den japanischen Musiker Ryuichi Sakamoto – beide verbindet die Leidenschaft für außergewöhnliche Klänge. Zuletzt haben sie gemeinsam an der Filmmusik für den Oscar-Favoriten „The Revenant“ gearbeitet. Dafür wurden sie sogar mit einer „Golden Globe“-Nominierung bedacht. Wir trafen den Künstler und Musiker in seinem Atelier in Berlin und sprachen mit ihm über Filmmusik, Hollywood und Leonardo DiCaprio.

Carsten, wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamoto für „The Revenant“?

Ryuichi Sakamoto und mich verbindet eine langjährige Freundschaft. Als ich ihn das letzte Mal in Tokio traf, erzählte er mir, dass er gerade an zwei Projekten gleichzeitig arbeite, eines davon war „The Revenant“. Da er gerade mit einer schweren Krankheit zu kämpfen hat, bot ich ihm sofort meine Hilfe an. Wenig später wurde ich nach Hollywood eingeflogen. Es musste alles sehr schnell gehen, da sich die Dreharbeiten verzögert hatten. Für die gesamte Postproduktion hatten wir insgesamt nur sieben Wochen Zeit.

Wie kann man sich den Working Progress im Team vorstellen?

Natürlich ist der Film Grundlage unserer Arbeit. Durch meine Erfahrungen als Künstler habe ich gelernt, Bilder ikonographisch zu deuten. Deshalb wurde ich vom Regisseur Alejandro G. Iñárritu oft in den Schneideraum gebeten und nach meiner Meinung gefragt. Der Film hält sich nicht an die klassische Erzählstruktur, die man sonst in Hollywood gewöhnt ist. Gerade die Traumszenen sind surreal und spielen mit ikonographischen Bildern. So hat die Taube in der Kunstgeschichte eine symbolische Bedeutung, hier ist sie Synonym für Hoffnung. Das Tier steht immer in direkter Verbindung zum Leben der Menschen, auf der einen Seite ist es Lebensspender, auf der anderen Seite kann es das Leben nehmen. Ebenso ist es mit den Naturaufnahmen, sie deuten an, dass sich das Leben immer im Fluss befindet. Also hat der Film trotz seiner archaischen Motive wie Rache, Kampf und Hass im Ganzen eine positive Stimmung – Glass findet in der Natur Heilung, Nahrung und Schutz. Das haben wir mit unserer Musik aufgegriffen.

Welchen Herausforderungen muss man sich bei der Komposition von Filmmusik stellen?

Der Film hat eine Länge von 2 Stunden und 36 Minuten. Zwei Stunden davon sind mit Musik unterlegt. Das ist im Vergleich zu anderen Filmen sehr viel. Wir wollten aber nicht die gängigen Klischees der Filmmusik zum Einsatz bringen und dem Kitsch verfallen. Die Musik wird hier sehr minimalistisch eingesetzt und verschmilzt mit den Naturaufnahmen zu einem Gesamtkunstwerk.

Wie können wir uns die Arbeit in Hollywood vorstellen?

Das ist eigentlich gar nicht alles so gigantisch, wie man sich das vorstellt. Ich habe eine relativ familiäre Arbeitsatmosphäre erlebt. Besonders wichtig sind natürlich Events wie die Golden Globes – man feiert sich, küsst sich. Ich habe das Ganze wie ein Außenstehender betrachtet, der einem großen Familienfest beiwohnt.

Wie schätzt du die Oscar-Chancen für Leonardo DiCaprio ein?

Leonardo DiCaprio war der einzige Schauspieler, den ich bei der Postproduktion kennengelernt habe. Er musste noch ein paar Szenen nachsprechen. Ich gönne ihm natürlich den Oscar. Viel wichtiger für mich ist allerdings, dass er es mit seiner Darbietung geschafft hat, den Film zu tragen. Das ist eine echte Leistung, wenn man bedenkt, dass er über die Hälfte des Filmes nur kriechen und nicht reden konnte. Das meiste spielte sich bei ihm über die Gesichtszüge ab. Für mich hat er sich mit diesem Film erst wirklich von seinem Titanic-Image befreit.

Gibt es schon weitere Angebote aus Hollywood?

Bisher sind noch keine Anfragen gekommen. Darüber bin ich auch ganz froh. Jetzt kann ich mich wieder den Aufgaben widmen, die hier in Deutschland liegen geblieben sind. Ich habe eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Außerdem feiert unser Musiklabel raster-noton dieses Jahr sein 20stes Jubiläum – dafür sind einige Projekte in Planung. Während des Gallery Weekend in Berlin ist außerdem eine Ausstellung in der Galerie Eigen und Art geplant.

Wie wirst du die Oscar-Nacht verbringen?

Da ich keinen Fernseher besitze, werde ich die Verleihung nicht vom heimischen Sofa aus verfolgen können. Aber natürlich werde ich mich nachts mal an den Rechner begeben, um zu schauen, wie es der Crew von „The Revenant“ ergangen ist. Ich freue mich sehr darüber, dass der Film, der nicht nur mit der Musik einen mutigen Weg eingeschlagen hat, so einen großen Anklang findet und auch die Massen in die Kinos lockt. Das gibt mir Hoffnung.

Ausstellungs-Termine:

Carsten Nicolai, reflektor distortion, Einzelausstellung, Galerie EIGEN + ART Berlin, 21. April bis 28. Mai 2016, Eröffnung: Donnerstag, 21. April 2016, 17 – 21 Uhr

kuratiert von Carsten Nicolai, ghost in a machine, Gruppenausstellung, EIGEN + ART Lab 29. April bis 26. Juni 2016, Eröffnung: Freitag, 29. April 2016, 17 – 21 Uhr

Tags: #Film, #Interview, #Kino, #Kultur, #Musik