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Interview: Sound Artist Yuri Suzuki

Von , 23. June 2016

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Yuri Suzuki ©PR

Sound Designer und Designers of the Future Award-Gewinner Yuri Suzuki über die Geschichte der Klänge, Sharevari und Kopfhörer, die für komplette Stille in den Ohren sorgen

Zum zweiten Mal hat Swarovski in Zusammenarbeit mit der Design/Miami den Designers of the Future Award vergeben. In diesem Jahr fiel die Wahl auf den Sound Designer Yuri Suzuki aus London, die Glaskünstlerin Anjali Srinivasan aus Indien sowie das deutsch-isländische Design Studio Brynjar und Veronika. Während der soeben zu Ende gegangenen Art Basel wurden die eigens für das Kristallglas-Traditionshaus angefertigten Werke der Künstler gezeigt. Wir waren vor Ort und sprachen mit Yuri Suzuki über seine interaktive Installation – eine Gruppe im Halbkreis aufgestellter Klangkörper, die je nach Bewegung des Partizipanten eine komponierte Kurzsequenz abspielt.

Herr Suzuki, wie kann man sich Ihre Herangehensweise an neue Sound-Projekte vorstellen?

Meine Recherche beginnt meistens in Musik-Archiven. Dabei beschäftigt mich die Frage, welche Rolle „Sounds“ für die Menschen seit je her gespielt haben, was davon noch bis heute Bestand hat und was nicht und warum das so ist. Es ist wirklich interessant, schrittweise herauszufinden, welche Formen von Geräten und welche Materialien welche Klänge erzeugen. Nach meiner Recherche gehe ich zurück an meinen Schreibtisch und denke darüber nach, in welche Richtung sich mein Projekt künstlerisch bewegen soll. Hier gibt es verschiedenste Möglichkeiten. Geht es mir lediglich um ein Klangobjekt, kommt an dieser Stelle die Frage nach dem Material wieder mit ins Spiel. Möchte ich eine bestimmte Geschichte zu einem Sound erzählen, kann ich dies zum Beispiel mittels spezieller Technologien tun. Für die konkrete Konzeption und Umsetzung hole ich mir in den meisten Fällen Unterstützung aus einem Pool an befreundeten Experten und Kollegen aus aller Welt – in dieser Branche kennt man sich untereinander, sie ist ja Gott sei Dank sehr überschaubar.

Wie sah der Entstehungsprozess der hier präsentierten Installation aus?

Swarovski hatte sich bis dahin noch nicht mit Klangobjekten auseinandergesetzt und für mich war es die erste Zusammenarbeit mit dem Material Kristall. In langen Skype-Gesprächen habe ich mich gemeinsam mit dem Swarovski Ingenieur und dessen Team an das Thema herangetastet. Dabei haben wir ein paar Mal die Richtung gewechselt, damit das finale Werk dem hohen optischen Anspruch beider Seiten gerecht werden konnte. Die Software, welche die flexible Reaktion durch den installierten Bewegungsmelder in Sound umwandeln kann, wurde übrigens eigenes für das Projekt programmiert.

Als Sound Artist will man seinem Zuhörer ein „gutes Erlebnis“ bereiten. Als Leitmotiv für die diesjährigen Präsentationen hat Swarovski das Thema „betterment“ ausgewählt – die Mission war also, einen bestimmten Zustand zu verbessern. Wie sind Sie mit dieser Aufgabe umgegangen?

Manche Instrumente gibt es schon seit über 200 Jahren, da scheint die damalige Grundidee so gut gewesen zu sein, dass man sie im Laufe der Geschichte gar nicht optimieren musste. Bei diesem Projekt ging es mir um eine überdominante Kontroll-Rolle eines Computers – ein Umstand, den man sich vor hundert Jahren gar nicht vorstellen konnte und der das menschliche Fehlverhalten beim Spielen eines Instruments auf ein Minimum reduziert. In diesem Kontext verändert sich die Rolle des Menschen. Der Prozess des „Bessermachens“ wiederum liegt aber eben immer auch genau dort: bei der menschlichen Komponente, die sich Tools so erschafft, wie sie glaubt das Allerbeste damit erreichen zu können. Die Klangabfolge, die ich für diese Projekt verwende, ist inspiriert durch „Sharevari“ – ein Ritual der Naturvölker, bei dem die Menschen durch wilde, gekreuzte Klänge ihren Missmut oder ihr Nicht-Einverständnis ausdrücken. Das grundlegende Bestreben, Dinge verbessern zu wollen, liegt also auch dieser Umsetzung zu Grunde.

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Yuri Suzuki ©PR

Hat man als Sound Artist eigentlich auch mal einen Tag frei? Man „hört“ ja die ganze Zeit und kann diesen Sinn recht schwer ausschalten.

Natürlich höre ich Radio, was für viele ja unter „Freizeit“ oder „Vergnügen“ fällt. Wenn ich das Radio anschalte, frage ich mich automatisch, was es jetzt mit diesem oder jenem Song auf sich hat und wie er entstanden ist. Gerade die Suche nach dem immer Neuen treibt mich um und die Frage, welche kulturellen Umstände zu bestimmten Melodien geführt haben. Ich könnte mich stunden- und tagelang darin verlieren, exotische Musikrichtungen zu beleuchten und mich in diese Welten hineinzudenken – momentan haben es mir zum Beispiel diverse Funkrichtungen aus Brasilien angetan. Übertreibe ich es mal mit dieser Leidenschaft, weist mich meine Freundin höflich darauf hin, dass es an der Zeit ist, eine kleine Pause einzulegen und zum Beispiel das Wochenende zu genießen. Vor kurzem habe ich mir einen „Silencer“ gekauft – das sind Kopfhörer, die für komplette Stille in deinen Ohren sorgen. Ein wahnsinnig tolles Erlebnis.

Welche Rolle spielt London als Wohnort für Ihren Beruf?

Als ich vor sieben Jahren nach London kam, war ich so begeistert von der künstlerischen Atmosphäre und der Kreativität, die man an jeder zweiten Ecke fand. Mittlerweile ist das natürlich alles ein bisschen anders, die Stadt wird vom Geld regiert und macht es kulturellen Nischenbereichen recht schwer. Und doch ist es für meinen Bereich immer noch sehr spannend genau dort zu sein; die Einflüsse aus aller Welt sind in der hier produzierten Musik immer noch zu hören. Das war in meinem Heimatland Japan natürlich ganz anders, alles ist dort viel isolierter. In meiner Wahrnehmung herrschen also immer noch „paradiesische Zustände“ vor. Heute weiß ich mehr als damals, in welche Richtung meine künstlerische Reise gehen soll. Was Kooperationen und Projekte betrifft, ist London natürlich nicht der verkehrteste Ort. Im November wird ein Traum von mir wahr: Ich realisiere ein soziales Sound-Projekt. Es ist genau dieser Facettenreichtum, der meinen Job so spannend macht.

Vielen Dank für das Gespräch!