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Interview mit Anika Decker

Von , 3. March 2016

©Julia Zierer
©Julia Zierer

„Für das Weltgeschehen ist es scheißegal, was für einen Film ich mache“ – Deutschlands erfolgreichste Drehbuchautorin über ihre Angst bei Premieren, Elyas M’Bareks Spitznamen „Roboter“ und das Glück einer Lieferservice-Pizza

In Berlin-Mitte gibt es bald mehr Öko-Cafés als Clubs. Solche, die neben verschiedensten Milchsorten vegane Kuchen anbieten, die raw sind. Was nicht meint, der Ofen war kaputt – ne, raw bedeutet so viel wie super gesund, und das macht ja heutzutage alles zum Verkaufsschlager.
Es ist ein bisschen wie mit Anika Decker, denke ich mir, als sie durch die Tür unseres Interviewortes (ein Öko-Hotspot sondergleichen) tritt.
Wenn sie ein Drehbuch schreibt, landet der Film automatisch in den Kinocharts des deutschen Kinos: Keinohrhasen, Zweiohrküken, Rubbeldiekatz und Traumfrauen – ihre Filmografie liest sich wie die Wunschliste eines jeden Autors. Kein Wunder also, dass Anika mit vielen Prominenten der Mode-, Film- und Fernsehbranche befreundet ist.
Auch Lili Radu zählt zu ihren langjährigen Freunden, am Vortag haben sie gemeinsam die neue Taschenkollektion der Designerin im The Store des Berliner Soho House präsentiert.
Sibylle Berg beschrieb Anika einmal als „quirlige Blondine mit einer Vorliebe für Seidenpyjamas” – ich bin also nicht überrascht, als sie in einer bunten Seidenbluse, mit Sonnenbrille im blonden Haar und sichtlich guter Laune die Stufen zum Café hochsteigt. Ihr morgendliches Yoga-Workout hat sie natürlich schon hinter sich.

Was war der schlimmere Job vor deinem Durchbruch: Mexikanischer Partyservice oder Spieleentwicklerin bei Big Brother?

Der mexikanische Party-Service: Bei -20 Grad in München Plastikkakteen durch die Gegend tragen, Zelte aufbauen und danach noch acht Stunden lang Leute bedienen – das war hart.

War es nicht auch befremdlich, den Bewohnern im TV-Container Anweisungen zu geben?

Doch, das war schon gruselig. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum Menschen freiwillig in so eine Schachtel gehen. Und es war natürlich grotesk, ihnen bei allem zuzuschauen. Während ich meine Texte geschrieben habe, liefen auf den Monitoren Bilder aus dem Raum nebenan, in dem gerade zwei Leute miteinander geschlafen hatten.

Wie kamst du dann von Big Brother zum Drehbuchschreiben?

Mein Weg war anfangs ziemlich verschroben. Mit 30 ging ich noch einmal an eine Filmschule. Dort schrieb ich ein Filmkonzept, das tatsächlich mehrere Produzenten kaufen wollten. Ich habe dann immer weitergeschrieben und gemerkt, dass es mich glücklich und ausgeglichen macht und dann konnte ich mir irgendwann nicht mehr vorstellen, es nicht zu machen. Ich habe eine Inselbegabung, das Schreiben, mehr kann ich nicht.

Du wurdest „12-Millionen-Frau“ – bezogen auf die Zuschauer-Zahlen deiner ersten drei Drehbücher für Keinohrhasen, Zweiohrküken, Rubbeldiekatz – genannt.

Da war ich echt geehrt, danke nochmal an den netten Journalisten, der das geschrieben hat! Es ist allerdings nichts, was man greifbar fühlt. Was sich gut anfühlt, ist, wenn ich es schaffe, eine Szene zu schreiben, die vielleicht lustig wird oder wenn ich ein volles Kino betrete, in dem mein Film läuft.

Hattest du bei einer deiner Premieren schon mal Angst, dass keiner lacht?

Bei jeder! Ich bin dann sogar überzeugt: So wird es kommen. Dabei kann ich mittlerweile eigentlich gut einschätzen, wer welchen Gag mag – also, ob eher Männer oder Frauen lachen oder die große Menge.

Was unterscheidet denn solche Männer- und Frauen-Gags?

Männer lachen über harten, ein bisschen gemeinen Humor. Frauen viel über Sex, da lachen Männer oft nicht so gerne mit.

Vielleicht auch kein Wunder, wenn man Männern Spitznamen für ihre schlechte Performance im Oralverkehr gibt – so wie in Keinorhasen.

Klar, kein Mann will ein Pieker oder Wühler sein – wenn ich mich dabei ertappt fühlte, würde ich auch nicht lachen. Was ich an unangenehmen Sex-Gags interessant finde: Obwohl seit fast 20 Jahren Sex and the City läuft, erscheint es uns immer noch ungewohnt, wenn Frauen in Filmen etwas sehr Wahres über Sex sagen. Und genau das zu schreiben, macht mir am meisten Spaß.

Setzt du dich viel mit Sex und Beziehungen auseinander als Inspiration für deine Drehbücher?

Klar, und zwar total unfreiwillig. Dafür muss ich mich nicht mal anstrengen: Die meisten Leute reden halt entweder über ihren Job oder über ihre Beziehung. Missratene Dates und fader Sex – das verbindet, denn das kennt schließlich jeder.

Bei Traumfrauen warst du nicht nur Drehbuchautorin, sondern auch Regisseurin.

Dazu musste ich mich tatsächlich überwinden. Ich fragte mich: Kann und will ich das überhaupt? Als Regisseurin musst du ja permanent am Set sein, anrufen und sagen: Hey Leute, ich komme erst morgen wieder! – geht nicht. Ich habe Probleme mit Verantwortung.

Ist es eine Berufskrankheit, ständig Menschen und Situationen zu beobachten, um Ideen für Drehbücher zu bekommen?

Absolut. In einem Beziehungsstreit gehe ich manchmal, ohne es zu merken, in eine Beobachterperspektive. Als würde ich mit einer Kamera über dem Geschehen stehen, überlege ich, was wäre denn, wenn ich jetzt das sage, würde dann dies oder jenes passieren?

Schon mal einen Streit verursacht, um ihn für ein Drehbuch zu testen?

Nur aus Versehen, aber dann bremse ich mich sofort. Man sagt oft so unglaublich bescheuerte, selbstgerechte Sachen – ließe man bei seinen Streitereien ein Tonband mitlaufen, um sie danach als Dialog aufzuschreiben, ich bin mir sicher, man würde sich später gemeinsam darüber tot lachen.

Klingt nach einer guten Paartherapie.

Ich glaube, es wäre für jeden eine gute Therapie. Ich schreibe tatsächlich oft Dinge auf, die ich im Zuge des Gefechts gesagt habe – und wundere mich, welch unfreiwillig komischer Schwachsinn da aus mir herausgequollen ist. Wo kommt das her?

Du warst vor sechs Wochen in der Talkshow Schulz & Böhmermann. Was hättest du gerne noch gesagt, wurdest aber von den Testosteron-Bomben, insbesondere diesem Irren Gerhard Postel, gehindert?

Ein von @anikadecker gepostetes Foto am

Mich hat diese Hochstapler-Geschichte von Gerhard Postel, der ohne Approbation zwei Jahre lang als Chefarzt Psychopharmaka verschrieben hat, sehr beschäftigt – gerade weil ich selber mal durch eine ärztliche Fehldiagnose eine schwere Blutvergiftung erlitt und fünf Monate Patientin in diversen Kliniken war. Es hat lange gedauert, bis ich damit meinen Frieden schließen konnte. In einer weniger aufbrausenden Situation hätte ich gerne etwas dazu gesagt. Ich finde die Vorstellung einen absoluten Albtraum, dass man als Patient solchen Experimenten ausgeliefert sein könnte.

Wer ist lustiger, Schulz oder Böhmernann?

Beide sind unglaublich lustig – auf ganz unterschiedliche Art und Weise und vor allem auch sehr schlau. Mir gefällt, dass Jan Böhmermann sich politisch engagiert, wir alle haben es dringend nötig, dass sich kluge Menschen öffentlich äußern, etwa zu dieser erschreckenden Beliebtheit der AfD.

In der Talkshow hast du gesagt, Til Schweiger sei für die Romantik verantwortlich, du für die Witze.

Tendenziell war das auch so. Wobei ich die Aussage ein bisschen wie mit einer Knarre an der Schläfe gemacht habe, nach dem Motto: Wer macht bei euch was? Tils Filme zeigen aber auch, dass er eine sehr gefühlvolle Seele ist.

Findest du Til Schweiger eigentlich attraktiv?

Ich finde den Schauspieler, für den ich gerade schreibe, zwangsläufig attraktiv. Also auch mal dem Til. Elyas M’Barek, der natürlich ebenfalls ein wahnsinnig schöner Mann ist, hat zum Beispiel darüber hinaus ein traumhaftes Timing. Er kann zig Regieanweisungen gleichzeitig umsetzen – deswegen nenne ich ihn aus Spaß immer den Roboter.

(Ihr Handy klingelt: Wie bestellt ist Warner Bros. dran, ein paar wichtige Dinge müssen besprochen werden. Später muss Anika dann auch noch zur Party von Matthias Schweighöfer.)

Scheint es nur so oder besteht dein Alltag eigentlich aus einer Aneinanderreihung von Events?

Ich habe nach den Kinoerfolgen lange darauf gewartet, dass alles wieder normal wird und ich mich wie früher zum Schreiben zurückziehen kann, anstatt ständig unterwegs zu sein. Ich war richtig wütend, weil ich mich so unfrei gefühlt habe. Bis ich begriff, dass gerade diese Herausgerissenheit meine Normalität ist – diese Erkenntnis machte mich dann wieder freier im Kopf.

Wie frei ist man als „12-Millionen-Frau“ von Erfolgsdruck?

Ich sage mir immer: Für das Weltgeschehen ist es scheißegal, was für einen Film ich mache. Und ich kenne niemanden, der am glücklichsten auf einer Preisverleihung ist, am schönsten ist es doch daheim mit Freunden. Als ich Traumfrauen gedreht habe, war einer meiner Lieblingstage der, an dem Bora Dagtekin vorbei gekommen ist und wir uns Pizza und Spaghetti aufs Hotelzimmer bestellt haben, während parallel der Bayrische Filmpreis oder sowas verliehen wurde.

Du schreibst momentan wieder an einem Drehbuch, auf was dürfen wir uns freuen?

Es kann sein, dass man den ein oder anderen aus Traumfrauen dort wiederfindet und es wird natürlich wieder eine Komödie und Mainstream.

Vielen Dank für das Gespräch.