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Interview: Maxime Ballesteros

Von , 5. July 2017

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© Hatje Cantz Verlag

Poesie und Party – die Nacht ist sein Atelier, die Kamera sein Pinsel, die Unwirklichkeit der Realität sein Objekt. Maxime Ballesteros malt mit Blitzen und digitalen Speichern seine Sicht auf eine Welt, in der sich Grenzen auflösen. Heute wird in der Berliner König Galerie seine erste Monografie “Les Absents” präsentiert

Man sieht dich eigentlich nie ohne Kamera. Hast du das Gefühl, du musst dokumentieren, was so los ist?

Stimmt, ich habe immer eine Kamera dabei. Und ich mache jeden Tag Fotos. Das ist natürlich banal, wenn man an die heutige Instagram-Welt denkt, jeder macht ständig Fotos. Aber es geht mir nicht um eine Dokumentation, es ist mehr der Drang, bereit zu sein, wenn ich etwas sehe. Ich fing als Teenager damit an, als ich merkte, dass meine Erinnerungen verblassten, und ich konnte nichts dagegen tun. Mittlerweile geht es um etwas anderes, aber die Erleichterung, wenn ich auf den Auslöser drücke, ist immer noch da.

Du gehst in deinen Bildern immer sehr nah an die Menschen heran…

Jeder zeigt ein Gesicht, hinter dem er sich versteckt. Eine Fassade. Mein Job als Fotograf ist es, das zu durchbrechen. Dafür brauche ich eine emotionale Verbindung, wenigstens eine kleine, einen Hauch, irgendetwas, sonst wäre es, sagen wir, wie gegen Mauern zu knallen. Ich denke, es ist eine Art „Vermenschlichung“, selbst wenn ich Objekte fotografiere.

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Crepuscule | © Hatje Cantz Verlag

Was ist dein Geheimnis?

Am liebsten nehme ich ein Weitwinkelobjektiv. Dann habe ich ein paar Regeln, die ich strikt befolge: Nie einen Zoom benutzen – wenn du näher ranmusst, nutze deinen Körper. Nie einen anderen Ausschnitt wählen, nie ein Bild beschneiden – wenn das Original nicht funktioniert, bist du nicht gut genug.

Du arbeitest noch analog – warum?

Ich vertraue auf die Kraft der analogen Fotografie. Bei Aufträgen habe ich so meine Ruhe, weil niemand das Bild sieht. Der Kunde nicht, das Model nicht. Das Model kann sich auf sich selbst konzentrieren und muss sich nicht mit seinem Abbild auseinandersetzen. Die Arbeit kann dann viel sensibler vonstatten gehen. Wie eine Art Tanz. Wir müssen uns vertrauen. Und wenn ich die Bilder dann Tage später sehe, habe ich einen frischen Blick auf die ganze Geschichte. Bei freien Arbeiten, beim spontanen Fotografieren, muss ich mich auch stark konzentrieren. Ich mache weniger Bilder, präziser. Das ist wie beim Bogenschießen: ein Pfeil ins Ziel. Kein Maschinengewehr, das man abfeuert, in der Hoffnung, irgendetwas zu treffen.

Gestartet hast du in der schuleigenen Dunkelkammer. Was war damals wichtig?

Ich wollte einfach nur Bilder entwickeln, egal was. Ich habe diese chemischen Dämpfe geliebt, die Privatheit, den ganzen Prozess. Das ging etwa acht Jahre lang so, bis ich mir einen Blitz kaufte. Plötzlich hatte ich viel mehr Freiheit, ich konnte ohne Stativ fotografieren, auch nachts, und ich war viel schneller. Kurz nachdem ich nach Berlin gezogen war, bestellte ich online eine billige Kamera. Da war ein Farbfilm dabei. Ich hatte nie darüber nachgedacht, in Farbe zu fotografieren, vielleicht hatte ich Angst … Ich probierte den Film aus und entdeckte plötzlich eine ganz neue Bildsprache: viel komplexer, subtiler, berührender, reicher. Ich ging nie wieder zu Schwarz-Weiß zurück.

Viele deiner Bilder sind sehr provokativ, sexuell …

Vielleicht liegt das an meinem Fokus. Ich fotografiere einfach geradeheraus und blitze viel. Das mag für einige aggressiv wirken. Inhaltlich gesehen empfinde ich meine Arbeit nicht als provokativ, ich bilde ab, was ich sehe. Viele Situationen tragen eine Schönheit, einen Witz, eine Wahrheit, einen Schmerz, auch eine Erotik in sich.

Was bedeutetet dir „Realität“?


Nach einer Antwort darauf suche ich noch, aber vielleicht ist sie der Grund, warum ich überhaupt fotografiere. Ob ich spontane oder inszenierte Aufnahmen mache, der Ansatz ist der gleiche. Fotografiere ich etwas auf der Straße, zeige ich so einen kleinen Ausschnitt aus der Welt, vielleicht nehme ich noch einen Blitz, dann ist es schon eine Transformation, eine Interpretation der Wirklichkeit. Bei inszenierten Bildern wird das Foto Teil meiner eigenen Realität, meiner Vorstellungskraft. Die Welt unserer Nächte, der Träume und Alpträume, ist genauso Teil der Wirklichkeit wie die, die wir mit offenen Augen sehen.

Du arbeitest hauptsächlich für Fashion Labels und Magazine. Magst du diese Szene?

Mode ist voller fantastischer, sensitiver, warmer, offener Leute. Es gibt sicher auch andere, aber ich empfinde die Szene als sehr positiv. Ich kenne ihre Codes, ihre Geschichten und Sehnsüchte. Für Fotografie funktioniert sie bestens. Ich kann ein Beobachter sein, gleichzeitig aber auch selbst Akteur, wenn ich fotografiere. Ich trete in einen Dialog. Meine Bilder sind das Ergebnis davon.

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Maxime Ballesteros: Les Absents. Design by Sang Bleu London. Hatje Cantz Verlag, 272 Seiten, 35 Euro.

Die König Galerie in Berlin zeigt vom 06. bis zum 16. Juli 2017 Bilder von Maxime Ballesteros.

Dieser Artikel ist in der Juni 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen