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Hamid Sulaiman: Freedom Hospital

12. May 2016

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Freedom Hospital ©Courtesy Galerie Crone / Hamid Sulaiman

„Gerade in Zeiten der großen Flüchtlingsdebatten ist es wichtig, dass die Menschen außerhalb Syriens erfahren, was die Geflüchteten jahrelang durchmachen mussten.“

Der syrische Künstler Hamid Sulaiman im Gespräch über seine Graphic Novel “Freedom Hospital”, seine Flucht vor dem Assad-Regime und die Dringlichkeit einer erfolgreichen Integration der Geflüchteten

Vom Assad-Regime verfolgt und verhaftet, gelang dem 30-jährigen Hamid Sulaiman im Jahr 2011 die Flucht aus Syrien. Heute lebt der Architekt und Künstler in Paris. Seit seiner Ankunft in Europa hat er an seinem Comic “Freedom Hospital” gearbeitet. Auf 280 Blättern erzählt dieser von dem Leben der Menschen in Syrien, vom Alltag der Jugend im Bürgerkrieg, von der permanenten Bedrohung durch das Assad-Regime und den IS Milizen.
Sein Comic handelt von der Geschichte des Freedom Hospital, ein fiktives und illegales Krankenhaus, in dem verwundete Oppositionelle, Bürgerrechtler und Untergrundkämpfer versorgt werden, die in staatlichen Krankenhäusern keine Hilfe erwarten können. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Syrerin Yasmin, die zusammen mit ihren Freunden das Krankenhaus betreibt. Hier begegnet sie den unterschiedlichsten Gesichtern des Konflikts, welche die Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit der syrischen Gesellschaft aufzeigen: verwundete Kämpfer der Freien Syrischen Armee treffen auf Spitzel des Assad-Regimes, Kurden treffen auf Alawiten, westliche Journalisten auf muslimische Prediger.
Hamids Zeichnungen offenbaren, was hinter den Schlagzeilen meist nicht sichtbar ist: das Zurechtkommen mit der täglichen Gewalt und die Normalität des Abnormalen. In Frankreich ist das Buch “Freedom Hospital” bereits erschienen – in der Berliner Galerie Crone werden noch bis zum 18. Juni ausgewählte Originalzeichnungen zu sehen sein. Wir trafen Hamid am Morgen nach seiner Ausstellungseröffnung zum Interview.

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©Hannah Newbery

Welche Botschaft verbirgt sich hinter deiner Graphic Novel?

Mit meinem Comic möchte ich die Ereignisse in Syrien in ihrer richtigen Reihenfolge erzählen. Ich glaube, dass viele Menschen außerhalb Syriens nicht wissen, wie sich die Lage zu der entwickelt hat, die wir heute in Syrien vorfinden – von der friedlichen Revolution, zu bewaffneten Rebellen, zum Chaos, zur russischen Intervention. In den Medien sehen wir zwar immer wieder Bilder aus Syrien, aber vielen Menschen fehlt der Kontext oder das Hintergrundwissen, um sie chronologisch richtig einzuordnen. Mit meiner Graphic Novel möchte ich die persönlichen Schicksalsgeschichten erzählen, die sich hinter diesen Fotos verbergen.

Dein Buch richtet sich also vornehmlich an Menschen außerhalb Syriens?

Das kann man so sagen. Gerade in Zeiten der großen Flüchtlingsdebatten ist es wichtig, dass die Menschen außerhalb Syriens erfahren, was die Geflüchteten jahrelang durchmachen mussten. Es wäre dagegen ein schwieriges Unterfangen, ein einziges, übergreifendes Buch herauszubringen, das sich an die Syrer selbst richtet. Syrer sind so geteilt in ihrer Meinung, alles ist politisch aufgeladen. Es herrscht so viel Verwirrung über den Verlauf des Bürgerkrieges, sogar unter den Bewohnern Syriens und denen angrenzender Länder.

Sind die Handlung und deren Charaktere rein fiktiv?

Die Geschichte soll die syrische Realität abbilden, ist aber nicht autobiografisch erzählt. Für die Entwicklung der Charaktere habe ich mich von wahren, individuellen Geschichten – unter anderem auch aus meinem Umfeld – inspirieren lassen.

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©Hannah Newbery

Du hast Syrien im Jahr 2011, sechs Monate nach Beginn der Revolution, verlassen. Warum?

Zu Anfang dachten wir noch, dass die Aufstände vielleicht zehn Tage oder einen Monat lang dauern werden. Wir waren sehr optimistisch. Zwei Monate nach Beginn der Revolution begann die Polizei schließlich damit, mich fast täglich aufzusuchen. Sie verfolgten mein Handeln auf Schritt und Tritt. Ich wurde mehrmals verhaftet, musste mich oft verstecken und habe damit meine Familie und Freunde in Gefahr gebracht. Selbst als ich nicht mehr im Land war. Nachdem ich Syrien verlassen hatte, bat ich meinen Vater, mein Universitätszeugnis für mich abzuholen. Der Dekan der Universität – ein Bekannter meines Vaters – rief ihn an und warnte ihn, er habe die Anordnung bekommen, jeden inhaftieren zu lassen, der nach meinem Abschlussdokument fragte. Schlussendlich bezahlte mein Vater eine hohe Bestechungssumme und musste zwei Jahre auf die Aushändigung des Zeugnisses warten.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem dir bewusst wurde, dass du Syrien sofort verlassen musst?

Eines Tages nahm mich der Geheimdienst Mukhābarāt ohne Vorwarnung fest. Ich hatte kein Recht auf einen Anwalt, meine Familie wusste nicht, wo ich bin. So läuft das. Man verschwindet einfach. Manche für einige Tage, manche für Jahre, manche kehren nie zurück. Sie boten mir schließlich den Deal an, mich freizulassen, wenn ich meine Einstellung ändere. Ein paar Tage später ließen sie mich einfach so gehen. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil die Presse damals viel über diese Verhaftungen schrieb. Wahrscheinlich wollten sie mit meiner Freilassung demonstrieren, dass die Revolution islamistisch sei. Dass die staatliche Polizei doch keinen Künstler festnehmen und foltern würde. Kurz darauf wurde mir befohlen, vor dem Militärgericht aufzutreten. In dem Moment wusste ich, dass ich jetzt fliehen musste. Nach meiner Flucht erreichte ein offizieller Brief mein Zuhause in Damaskus: Ich war zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Meine Anklage: Unterstützung von Terrorismus.

Warum bist du damals nach Paris gegangen?

Zunächst bin ich nach Deutschland gekommen und wäre eigentlich lieber hier geblieben. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon dabei, meine Geschichte für den Comic aufzuschreiben. Ich wollte ihn unbedingt herausbringen. Im Gegensatz zu Deutschland ist Frankreich und insbesondere Paris weltbekannt für seine Comic-Kultur. Hier werden etwa 5.000 Comics im Jahr produziert. In Paris traf ich viele Redakteure, denen meine Geschichte und meine frühen Zeichnungen gefielen. Außerdem habe ich mich dort verliebt. Also bin ich dort geblieben.

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©Hannah Newbery

Warum hast du dich dazu entschieden, die Geschichte als Graphic Novel zu erzählen?

Graphic Novels haben mich schon immer magisch angezogen. Für mich ist ein Comic das perfekte Zwischenmedium aus Film und Roman. Filme nehmen der Fantasie des Lesers viel vorweg, Bücher hingegen geben dem Leser keinerlei visuelle Orientierungspunkte. Es ist erst dieses Zusammenspiel aus Bildern und Text, das den Leser dazu inspiriert, sich die Handlung als filmische Geschichte in seinen Gedanken individuell auszumalen. Das hat mich gereizt. Aber es ist eine aufwendige Angelegenheit, eine Geschichte mit Wörtern und Zeichnungen zu erzählen. Dafür fehlte mir in Damaskus die Zeit, denn als Künstler und Architekt hatte ich einen ziemlich eng getakteten Arbeitsalltag.

Wie bist du an die Kreation des Comics herangegangen?

Zunächst habe ich die komplette Geschichte geschrieben, sie mit Freunden und Redakteuren besprochen und schließlich bei einem Verlag eingereicht. Danach habe ich mich an das Zeichnen des Storyboards gesetzt und festgelegt, wie sich die Charaktere entwickeln sollen, wie sie sich bewegen oder wie ich Geräusche bildhaft inszenieren möchte. Im Anschluss daran haben wir pro Buchseite das Verhältnis von Text und Bildern festgelegt und überlegt, wie man anhand der Anordnung der Bilder Spannung erzeugen kann. Erst dann habe ich damit begonnen, die finalen Bilder zu zeichnen. Im Anschluss wurde der Text am Computer eingesetzt und editiert. Mein Redakteur und ich haben sechs Monate lang an der finalen Version gearbeitet.

Ist es nicht ein wahnsinnig kompliziertes Vorhaben, die ganzen Ereignisse und politischen Zusammenhänge per Sprechblasen und Zeichnungen erklären zu wollen?

Mir war es wichtig, dass mein Comic einen informativen Charakter besitzt. Jedoch wollte ich im Text nicht rein plakativ mit Informationen um mich werfen. Vielmehr sollte die Geschichte und ihre Dialoge im Zusammenspiel mit den Bildern dazu beitragen, dass die Leser die Zusammenhänge verstehen. Ohne, dass ich die einzelnen politischen Umstände explizit erkläre. Als visuelle Unterstützung des Textes habe ich an einigen Stellen Ausschnitte aus YouTube Videos oder Fotos aus Zeitungen als Zeichnung eingefügt. Zum Verständnis macht es Sinn, dass der Leser parallel zur Geschichte Bilder sieht, die ihm bereits in den Medien begegnet sind. So kann er die Fotos mit den Ereignissen verknüpfen.

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©Hannah Newbery

Wird es den Comic auch in Arabisch zu kaufen geben?

Ich denke darüber nach, ihn nach dem Open-Source Prinzip übersetzen zu lassen. Das bedeutet natürlich eine Menge Arbeit. Man denke nur daran, dass Araber nicht von links nach rechts, sondern von rechts nach links lesen. Man muss also auch die Bilder komplett anders herum anordnen. Und teilweise sogar neu zeichnen – z. B. wenn der Taxifahrer sein Auto mit der rechten Hand steuert, oder ein Charakter beim Essen seine Gabel in der rechten Hand hält. Ganz zu Schweigen von den Protest-Bannern oder Schildern, die ich alle in englischer Sprache geschrieben habe. Das wird kompliziert!

Viele Syrer, die hierher kommen, glauben immer weniger an ihre Rückkehr nach Syrien. Wie ergeht es dir?

Mit der Revolution riefen die Menschen nach Veränderung. Zu Beginn der Revolution warteten alle ganz aufgeregt auf den Sturz des Regimes. Wir wollten nicht schlafen, aus Angst einen historischen Moment zu verpassen. Nämlich die Unterbrechung der Assad-Dynastie. Doch so kam es nicht. Heute sind die Menschen müde und frustriert. Klar, die Französische Revolution hat die Demokratie nicht in einem Tag erschaffen, es brauchte hunderte von Jahren. Und traurigerweise scheint der Wandel von Diktatur zu Demokratie auch noch im 21. Jahrhundert Gewalt und Krieg zu benötigen. Mit Assad an der Macht ist ein Ende des Krieges unmöglich. Sollte der Krieg irgendwann doch zu Ende sein, werden viele Leute zurückkehren, denke ich. Aber schwer zu sagen, ob ich zurück nach Syrien gehen werde. Ich weiß nicht einmal, wo ich zu diesem Zeitpunkt leben und arbeiten werde.

Der Krieg legt das Leben vieler Menschen quasi auf Eis. Wie fühlt sich das an?

Uns fehlt unsere Kultur, das Essen, die Art des Zusammenlebens. Hier in Europa ist alles so individuell. In Syrien leben wir mit mit unserer Familie in großen Gemeinschaften zusammen. Auch der europäische Rhythmus des Lebens scheint ein anderer zu sein. Hier sind die Leute immer so beschäftigt. Wenn du in Syrien jemanden magst, dann sieht man einander ständig und spontan. Alles ist anders. Natürlich erschwert das die Integration. Menschen fühlen sich trotz großer Mühe ihrerseits und Anderer fremd und ausgestoßen. Sie sprechen die Sprache nicht, verstehen wenig und fühlen sich dadurch noch unsicherer. Wir werden immer anders sein. Es ist schwer, seine Heimat zu verlassen und nicht dahin zurückgehen zu können. Wenn du als Europäer nach Amerika ziehst, wirst du mindestens ein-, zweimal im Jahr zurückkehren. Das können wir nicht.

Rechte Parteien in Deutschland aber auch in Frankreich benutzen derzeit die so genannte Flüchtlingskrise, um Angst vor einer Islamisierung Europas zu verbreiten. Woher kommt diese Angst?

Es liegt in der menschlichen Natur, Angst vor dem Unbekannten zu haben. Menschen, die diesen Parteien angehören, sind rassistisch. Und sie haben Angst. Vor Hunderten von Jahren bezog sich Rassismus auf Hautfarbe. Heute lehnen Menschen die Kultur der Fremden ab. Dies macht die Integration von ankommenden Menschen noch unmöglicher. Es sollten daher mehr Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden, um den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Was aber bleiben wird, ist die Angst der Europäer vor dem sogenannten Islamischen Staat. Dieser brachte den Terror bis vor ihre eigene Haustür. Aber vor Assad, so scheint mir, fürchten sich hier dagegen eher weniger Menschen. Und warum? Assad behält den Terror in seinem eigenen Land und veröffentlicht seine Gräueltaten nicht auf YouTube. Sie bleiben den Augen der Welt verschlossen.

Kann Integration hier erfolgreich sein?

Sie muss funktionieren, sonst werden wir große Probleme bekommen. Man darf nicht zuletzt vergessen, dass die islamische Radikalisierung meist junger Menschen oftmals aus einer Identitätskrise heraus entsteht. Sie sind zwar in Europa aufgewachsen, ihre Eltern sind aber weder integriert, noch sprechen sie die Sprache. Diese jungen Leute wissen nicht, zu wem oder was sie sich zugehörig fühlen. Sind sie zu Besuch in der Arabischen Welt, fühlen sie sich wie Europäer – aber in Europa werden sie wie Araber behandelt. Das macht sie zu einer einfachen Beute für die Rattenfänger. Integration ist also essenziell. In Frankreich wird sie nicht gefördert. Dort findest du weder Sprach- noch Integrationskurse. In Paris bin ich innerhalb eines Jahres zu etlichen Schulen und Rathäusern gerannt. Schließlich fand ich eine Universität, die einwilligte, mich an einem einmonatigen Französischkurs teilnehmen zu lassen. Danach habe ich alleine weitergelernt. Im Vergleich dazu, ist Integration in Deutschland und den Niederlanden viel besser organisiert.

Wie geht es für dich weiter? Wird es eine Fortführung deines Buches geben?

Dieses Buch ist fertig. Ich überlege aber, einige Charaktere der Geschichte weiterzuentwickeln. Ich habe bereits zu Schreiben begonnen. Nun bin ich aber erst einmal gespannt, wie die Reaktionen zu “Freedom Hospital“ ausfallen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Autorinnen: Hannah Newbery und Maximiliane Schäffer

“Freedom Hospital” von Hamid Sulaiman wird noch bis zum 18. Juni 2016
 in der Galerie Crone als Ausstellung gezeigt. Rudi-Dutschke-Straße 26.