Lifestyle

Christo: The Floating Piers

Von , 4. July 2016

HEADER_FloatingPiers_Lofficiel
The Floating Piers © TASCHEN

Am Wochenende endete die Installation „Floating Piers“ des bulgarischen Künstlers Christo. Was bleibt? Ein Ausstellungskatalog und die erneute Frage nach der Aufgabe von Kunst

220.000 Polyathylenwürfel, neon-orangene Stoffbahnen, 16 Tage und ein italienischer See. Menschen laufen dabei sprichwörtlich über das Wasser, sollen fühlen, sehen und sich bewegen, so Christo. Bekannt für die Reichstagsverhüllung in Berlin oder die pink umhüllten Inseln in Miami, sind die „Floating Piers“ das erste Projekt Christos, bei dem der Betrachter plötzlich zum vollständigen Partizipienten wird und das Werk selbst mitgestaltet. Ein wenig ungewöhnlich wirkt diese Entscheidung dann doch – war es bis dato meist die rein ästhetische und stark konzeptionelle Wirkung, die die Werke des Künstlerpaares Christo und der 2009 verstorbenen Jeanne-Claude, über die letzten Jahrzehnte ausmachte. 1,3 Millionen Menschen betraten nun die „schwimmenden Stege“ in den letzten zwei Wochen in Italien. Nicht zu leugnen, dass die Aktion am Ende beinahe mehr einer Pilgerwanderung statt Kunstinstallation glich.
Das grelle Orange des Steges blitzte nur noch gelegentlich durch.

Neben der hochästhetischen Komponente aller Kunstaktionen Christos, wurden während der Planung dieses Projektes bereits kritische Stimmen laut, die die Sinnhaftigkeit des Werkes in Frage stellten: In Zeiten der Flüchtingskrise, in der Menschen gezwungen sind auf Wegen über Land und über Wasser ihr Leben zu riskieren; scheint es da nicht anmaßend, gar geschmacklos, einen „schwimmenden Steg“ zu installieren? Kunstinteressierte, Touristen und Einwohner über einen norditalienischen See flanieren zu lassen – Kunst als ignoranter Ego-Trip?

floating-piers-christo-jeanne-claude
Christo and Jeanne-Claude. The Floating Piers © TASCHEN
floating-piers-christo-jeanne-claude
Christo and Jeanne-Claude. The Floating Piers © TASCHEN

Christos Antwort darauf war sicherlich nicht die diplomatischste, dafür klar: „In unserem Projekt geht es nur um Freude und Schönheit, es ist absolut ohne Nutzen und überflüssig. Es bringt niemanden etwas außer mir, Jeanne-Claude und einigen Freunden. Es zeigt diese irrational und absolut unerklärliche Freiheit, die wir haben. Das ist es. Es ist nicht Propaganda, es hat keine Bedeutung, es ist Nichts. Nur ein Gefühl. Man muss es sehen, fühlen, bewegen, mit allen Sinnen.“
Während er sich also von aller Kritik auf vermeintlich einfachste Weise freizusprechen versucht, bringt diese Stellungnahme eine wichtige Aussage mit sich: Für ihn bedarf Kunst keiner Rechtfertigung durch Andere. Eine ignorante, stupide und überholte Denkweise – mag mancher argumentieren. Doch: Vielleicht ist es gerade auch eine Kunst die unsere Welt durch ihre klare Bestimmtheit und reine Schönheit, durch alles Surreale, das ihr innewohnt, so dringend nötig hat. Eine Kunst die auf diesen Eigenschaften basiert, kann vordergründig nicht politisch sein.

Am Ende schafft Christo mit den seit den Siebzigerjahren konzipierten „Floating Piers“ eine unwirklich scheinende Situation deren Sinn vom individuellen räumlichen Erleben des Betrachters abhängt und von dem Künstler selbst nicht präzise vorhergesagt werden kann. Der Sinn des Ganzen geht somit der Schaffung seines Kunstwerks nicht voraus, sondern entsteht als Folgewirkung. Bei einem Werk, das insgesamt nur zwei Wochen existiert, kann sich diese Wirkung erst um einiges später erweisen.

02_FloatingPiers_Lofficiel
Christo and Jeanne-Claude. The Floating Piers © TASCHEN
03_FloatingPiers_Lofficiel
Christo and Jeanne-Claude. The Floating Piers © TASCHEN

Der Katalog zur Installation: Taschen, Christo and Jeanne-Claude. The Floating Piers, 128 Seiten, 19,99 Euro