Lifestyle

Héroï­nes: Eliot Sumner

Von , 29. July 2016

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© Scarlett Carlos Clarke

Singer/Songwriter und MBFWB-Kampagnengesicht Eliot Sumner über den Geruch ihres neuen Albums, die Pferde aus Game of Thrones und warum man im Flugzeug die Finger von Filmen lassen sollte

„On stage I’m a lot more intense, aggressive and loud. I’m not ususally like that,“ erklärt sie mit ihrer tiefen heiseren Stimme, die klar an ihren berühmten Vater erinnert. Eliot grinst entschuldigend, fast wirkt sie ein bisschen scheu.
Mit gerade mal 25 Jahren hat die jüngste Tochter von Sting und Trudie Styler auf eigene Faust bereits einen Karrierewandel durchgezogen, von dem ihr so mancher Altgediente im Business wahrscheinlich eher abgeraten hätte. Ab einem Alter von fünf Jahren an der Gitarre großgezogen, begann Eliots musikalischer Werdegang als junger Teenager – mit Reggae/Folk-angehauchten Jam Sessions in einem Nordlondoner Barbershop und einer Hand voll selbstgeschriebener Songs, die sie auf MySpace veröffentlichte. Der musizierende Sprößling einer Pop-Legende? Da waren die Labels natürlich nicht weit. Eliot war 17, als sie ihren ersten Plattendeal unterzeichnete. 2010 folgte ihr Debut-Album Constant unter ihrem Künstlernamen I Blame Coco – eine Anspielung auf Eliots Spitznamen, den sie als Kind von einem ihrer älteren Brüder bekommen hatte.
Konstant ging es aber nicht wirklich weiter. Nur ein Paar eingängige bis eintönige Elektro-Pop Melodien, Hochglanzbilder und ausverkaufte Hallen später nahm sich Eliot eine fast vierjährige Auszeit vom Kommerz der Popindustrie samt shiny Coco, lebte mehrere Monate alleine auf einem abgelegenen englischen Cottage. Zurück kam sie als Eliot Sumner – erwachsener, entschlossener und mit einem klaren Ziel vor Augen: Sich selbst zu repräsentieren und die Musik zu machen, die sie immer machen wollte. Nach ersten EPs erschien in diesem Jahr Information – Eliots fesselnde Reflexionen über Liebe, Gender und unseren Platz in der Welt. Der Sound ist noch immer elektronisch geprägt, aber deutlich dunkler, mechanischer und vielschichtiger als sein Vorgänger, mit Einflüssen von Industrial, Krautrock und New Wave. Ihr wahres erstes Album, wie Eliot heute rückblickend sagt.
Wir treffen Eliot während der Berliner Mercedes-Benz Fashion Week auf der Terrasse ihres Hotels und unterhalten uns über den Geruch ihres neuen Albums, ihre besondere Beziehung zu den Pferden aus Game of Thrones und warum man im Flugzeug die Finger von Filmen lassen sollte.

Du bist gerade durch die US getourt. Hast du irgendetwas Verrücktes erlebt?
Es sind ein paar unglückliche Dinge passiert. Einige unserer Auftritte mussten kurzfristig abgesagt werden. Zu einem Festival sind wir ganze 18 Stunden mit dem Auto gefahren. Als wir endlich ankamen, hat es angefangen zu regnen. Alle Besucher gingen nach Hause. Das Konzert ist also wortwörtlich ins Wasser gefallen.

Als Britin eher schwer nachvollziehbar, oder?
So etwas würde in England niemals passieren. Wir lieben den Regen.

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Eliot Sumner for Mercedes-Benz Fashion Week Berlin S/S17 ©PR

Du bezeichnest dich selbst als nervöse Person. Was fühlst du, wenn du die Bühne betrittst?
Es ist ein großartiges Gefühl, eine richtige Befreiung. Ich fühle mich viel stärker und selbstbewusster, wenn ich vor einem Publikum stehe. Würde ich mich jeden Tag so aufführen, würde niemand mehr mit mir abhängen wollen.

Warum?
Auf der Bühne werde ich ziemlich anstrengend, aggressiv und laut. So bin ich eigentlich überhaupt nicht.

Vielleicht ist es ja dein wahres Ich, das da zum Vorschein kommt?
Vielleicht. Vielleicht ist das meine wahre Persönlichkeit und ich bin eigentlich ein totaler Dick.

Dein Sound hat sich sehr verändert über die Jahre. Wie würdest du diese Entwicklung beschreiben?
Mein aktuelles Album repräsentiert die Musik, die ich schon immer machen wollte. Ich habe mich in letzter Zeit intensiv mit herausragenden Musikern umgeben, die ich für ihre Musik sehr schätze. Radiohead ist eine meiner Lieblingsbands. Gerade höre ich außerdem viel Krautrock, wie zum Beispiel Can.

Oh, aus Köln! Hörst du viel deutsche Musik?
Ich bin ein riesiger Kraftwerk Fan. Mein Album ist von diesem repetitiven Rhythmus inspiriert und klingt ziemlich motorisch. Gute Musik zum Autofahren.

Das beste Album aller Zeiten?
Ich habe mindestens zwei. Nummer eins: Radioactivity von Kraftwerk. Hmm, schwierige Frage… Manchmal mag man ja nur ein paar Songs eines Albums. Aber ich glaube, Nummer zwei wäre Kid A von Radiohead.

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Eliot Sumner for Mercedes-Benz Fashion Week Berlin S/S17 ©PR

Nach deiner Tour als I blame Coco hast du dich für ein halbes Jahr auf einem abgelegenen Cottage im englischen Lake District zurückgezogen. Wie kam es dazu?
Ich bin damals durch eine ziemlich schwierige Zeit gegangen und ich brauchte etwas Raum und Zeit für mich. Also bin ich raus auf unser Cottage gezogen. Es liegt in einem Nationalpark. Dort trifft man keine Menschenseele. Zum nächsten Supermarkt läufst du 45 Minuten, es gibt keine Taxis. Aber ich war nicht ganz alleine. Mein Hund Aldous hat dafür gesorgt, dass ich nicht komplett durchgedreht bin.

Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
Ich habe gelernt, alleine und mit mir selbst klarzukommen. Und mich nicht von irgendwelchen Dingen ablenken zu lassen, sondern fokussiert zu bleiben. Ich habe jeden Tag einen Song geschrieben. Und ich weiss jetzt, wie man ein gutes Feuer macht.

Und, wie geht das?
Du brauchst viel trockenes Holz, Zeitungspapier und Kohlen. Aldous und ich haben fast jeden Abend Steaks über dem Feuer geröstet. Das hat Spaß gemacht. Ich bin also obendrauf noch ein ganz passabler Koch geworden.

Auf Information singst du von Konflikt und Hoffnung – welche Bedeutung hat das Songschreiben für dich?
Es ist mein Weg, mich auszudrücken. Mit dem Songschreiben habe ich eine Art positives Ventil für Dinge gefunden, die mich beschäftigen oder traurig machen. Dort draußen gibt es einige Menschen mit Wut im Bauch, die an ihren Problemen zerbrechen, weil sie eben nicht ein solches Ventil haben. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen.

Du boxt neuerdings, oder?
Ja, das hilft auch. Ich bin eine ziemlich physische Person. Boxen ist ein guter Ausgleich, wenn ich nicht auf Tour bin. Ich brauche diesen täglichen Adrenalinschub. Aus irgendwelchen Gründen mag ich es, wenn man mir ins Gesicht schlägt. Ich bin mir nicht sicher, was das jetzt schon wieder über meine Persönlichkeit aussagt…

Kommt drauf an. Generell oder nur im Ring?
Haha, ausschließlich im Ring. Mit Boxhandschuhen.

Als Teenager hast du voltigiert und in einer Stunt-Gruppe geritten. Hättest du heute noch immer den Mut dazu?
Auf jeden Fall. Ich habe das aber ewig nicht gemacht. Das Unternehmen, mit dem ich damals zusammengearbeitet habe, bildet die Pferde für Game of Thrones aus. Viele der Pferde, die ich damals geritten habe, sehe ich also jetzt im Fernsehen wieder. Da werde ich regelmäßig melancholisch… Mein Lieblingspferd war ein Andalusier. Sie sind unglaublich schön und stark. Sehr gutmütige Tiere.

Was inspiriert dich?
Eigentlich alles. Es ist aber nicht so, dass die Inspiration auf mich niederregnet. Um mich für etwas begeistern zu können, ist es wichtig, dass ich viel Sport treibe, mich in eine positive Grundstimmung bringe. Wenn ich nicht aufpasse, rutsche ich schnell in eine schlechte Verfassung ab, werde depressiv und faul, verlasse das Haus nicht mehr. Ich muss mich wirklich davon abhalten, so zu sein. Mit Work-Outs funktioniert das am besten. Aber natürlich chille ich auch mal mit Netflix auf dem Sofa.

Welche ist deine Lieblingsserie?
Ich habe eben erst Bloodline zu Ende geguckt. Großartige neue Staffel. Gerade schaue ich Orange is the new Black. Kann man sich gut reinziehen. Oh, und Peaky Blinders. Diesen Monat feiere ich eine Peaky Blinders Geburtstagsparty. Jeder muss mit Tweed Anzug und Baskenmütze antanzen. Dazu rauchen wir Zigarren und trinken jede Menge Whisky.

In welchem Setting schreibst du die besten Songs?
Ich leide unter Schlaflosigkeit – diese Nächte sind perfekt, um Songs zu schreiben. Du befindest dich in einer seltsamen Verfassung, bist halb wach, halb am Schlafen. Und wenn dir Schlaf fehlt, bist du viel verletzlicher, fast schon hypersensibel. Ich schreibe außerdem gerne Songs im Flugzeug. Die Flughöhe sorgt dafür, dass du viel emotionaler bist als normal. Deswegen fängt man im Flugzeug auch bei dem schlechtesten Film an zu heulen. Übrigens auch ein Grund für mich, auf Flügen nichts zu trinken – dann werde ich komplett gefühlsduselig.

Bei welchem Film hast du denn das letzte Mal geweint?
Ehrlich gesagt heule ich bei den meisten Filmen – zuletzt bei Interstellar. Ich liebe diesen Film. Bei Victoria war ich auch nah dran.

Woher rühren deine Schlafprobleme? Grübelst du viel?
Ich bin eine ziemlich ängstliche Person, mache mir aber nicht über spezifische Dinge einen Kopf. Ich habe einfach sehr viel Energie. Wenn ich diese nicht auf der Bühne loswerden kann, sieht es mit dem Schlafen eher schlecht aus.

Was bewegt dich im Moment?
Puh, viele Dinge. Man kann mich ziemlich leicht triggern… Ich bin ziemlich schockiert über den Brexit. Ich kann es gar nicht glauben, was da passiert ist. Ich muss das erst einmal realisieren.

Lebst du noch immer zwischen London und New York?
Meine Basis ist in New York, aber ich reise viel. In diesem Sommer bin ich oft in Europa unterwegs. Ich liebe das Nomadenleben.

Man munkelt, dass du dich schon nach einer Wohnung in Berlin umschaust.
Ja, da könnte etwas dran sein. Ich kann mich mental zwar nicht auf einen Wohnort festlegen, aber ich bin sehr gerne hier. Wir haben hier mittlerweile einige Freunde, mit denen wir viel Zeit verbringen, rumhängen, neue Orte auschecken.

Hast du schon einen Rückflug gebucht?
Nein. Tatsächlich mache ich das immer ganz spontan, wenn ich in Berlin bin.

Was ist dein Lieblingsort in der Stadt?
Ich gehe hier ziemlich gerne Shoppen. Zum Beispiel bei Darklands, Apartment und Ombre. Ich mag diese minimalistische, dunkle Mode. Jedi inspirierte Designs.

Hast du ein Lieblingslabel?
Rick Owens und Boris Bidjan Saberi. Das sind meine Jungs.

Du bist in Wiltshire auf einer Farm aufgewachsen. Gibt es Momente, in denen du merkst, dass du ein Landkind bist?
Ja. Immer, wenn ich nach Hause aufs Land rausfahre. Dann fühlt es sich so an, als könnte ich endlich zum ersten Mal wieder atmen. Einerseits natürlich, weil die Luft so frisch ist. Andererseits kommen so viele Erinnerungen zurück. Wirklich nostalgisch fühle ich mich aber selten. Ich glaube, das liegt unter anderem auch daran, dass ich vor einigen Jahren bei einem Unfall meinen Geruchssinn verloren habe. Gewohnte Gerüche lassen mich also komplett kalt.

Schärfen sich eigentlich andere Sinne, wenn man seinen Geruchssinn verliert?
Das dachte ich zumindest. Leider ist das aber vollkommener Schwachsinn. Obwohl. Mein Tastsinn ist sehr ausgeprägt. Da bin ich wirklich sensibel. Ich kann zum Beispiel keine Essstäbchen anfassen.

Wie kommt das?
Sie sind so rau. Das macht mich wirklich fertig. Ich muss sie nass machen, bevor ich sie benutze. Es ist etwas strange, ja. Ich habe echt einige solcher seltsamen Angewohnheiten.

Du sagtest einmal, dein aktuelles Album rieche nach Jet-Benzin. Wie kommst du darauf?
Es gibt Menschen, die Musik sehen, also in Farbe übersetzen. Synästhetiker. Obwohl ich keinen Geruchssinn mehr besitze, kann ich Musik riechen.

Wonach wird dein kommendes Album riechen?
Nach Air-Condition. Wie diese fancy Raumerfrischer, die man in manchen Badezimmern findet. Vielleicht riecht es aber auch nach rostigem Wasser. Ich bin noch nicht ganz sicher, ob das Album noch industrieller wird als mein aktuelles, oder ob es sich vielleicht in eine ganz neue Dimension bewegt. Es stehen erst ein paar Songs. Ich lasse die Musik entscheiden.

Danke für das Interview.

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Eliot Sumner for Mercedes-Benz Fashion Week Berlin S/S17 ©PR