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Documents On: Riya Hamid

Von , 14. March 2016

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Riya Hamid | 22 | Anthropologie- und Film-Studentin, Hunter College, New York City | Lieblingskünstler: Tame Impala | Lieblingsladen: Zara, Topshop | ©Karina Rozwadowska

Karina Rozwadowska fotografiert und interviewt Frauen, die ihr in New York auf der Straße begegnen, für ihr Projekt @documents_on: Diesmal Riya Hamid

Geheimnisse in New York

Dein Lieblingsgeheimnis?
Ich habe erst vor zwei Jahren gelernt, wie man Fahrrad fährt. Mit 20! Und ich kann immer noch nicht schwimmen.

Stehst du auf vielen Listen?
Partylisten? Nein. Aber auf einigen Konzertlisten.

Hast du schon Mal gedacht, der Mann gegenüber in der Bahn könnte ein „school shooter“ sein?

Das eher nicht, aber manchmal gucke ich Leute an und denke: Du könntest ein schön unaufgeräumter Soziopath sein.

Hast du Scham- oder/und Achselhaare?
Ja, beides.

Was hältst du vom Masturbieren beim Gebären? Es soll angeblich die Schmerzen lindern.
Kann ich mir vorstellen. Vielleicht werde ich es dann eines Tages ausprobieren.

Dein Lieblingsvorwand?
Manchmal wenn mich Männer anmachen, und ich keine Lust darauf habe, sage ich, ich sei lesbisch. Wenn ich sage, ich hätte einen Freund oder gleich direkter, ich hätte kein Interesse, versuchen sie es trotzdem weiter. Lesbisch zu sein scheint für sie der einzig akzeptable und nachvollziehbare Grund für eine Abweisung.

Stärkstes Klischee, mit dem du täglich dealen musst?
Wenn ich jemand Neues kennenlerne, werde ich meistens gefragt, welcher Abstammung ich bin, weil ich dunkle Haut habe. Einige sind einfach neugierig, das versteh ich. Gleichzeitig aber sagen sie mir, dass ich anders bin, nämlich nicht weiß. Wenn Männer mir Komplimente machen, nennen sie mich exotisch. Damit habe ich wirkliche Probleme: Wow! Du siehst aber exotisch aus, woher kommst du? Aus Amerika natürlich, ich bin Amerikanerin.

Hast du eine wiederkehrende Dunkelheit in dir?
Ich habe eine diagnostizierte klinische Depression, seitdem ich 16 bin.

Wie wurde das festgestellt?
Ich habe mich jahrelang selbst verletzt, also geschnitten.

Wie haben deine Eltern auf diese Diagnose reagiert?
Bei uns Zuhause wurde das tot geschwiegen. Es gab kein Verständnis und auch keine Hilfe. Meine Eltern kommen aus einem Dritte-Welt-Land, Bangladesch, aus einer Gegend, wo Häuser mit Schlamm und Wellblech gebaut werden. Ich war ein paar Monate alt, als meine Eltern nach New York gezogen sind. Ich bin die erste Amerikanerin in unserer Familie. Meine Eltern haben die westliche Lebensweise niemals angenommen. Das Thematisieren von psychischen Krankheiten ist in asiatischen Kulturen ein großes Tabu. Damit will ich allerdings nicht unbedingt sagen, dass die amerikanische Gesellschaft bei der Akzeptanz solcher Krankheiten wirklich weiter wäre.

Was hat es für dich bedeutet, als Kind von Migranten in New York groß zu werden?
Meine Mutter ist nur bis zum zwölften Lebensjahr zur Schule gegangen, da Bildung für Mädchen in Bangladesch als Verschwendung gilt. Meine Eltern waren also nicht sehr gebildet, deswegen war meine Kindheit ein einziger Kultur-Clash. Meine Mutter hat meinen Vater nur einmal gesehen, bevor sie verheiratet wurde. Einen Monat nach der Hochzeit war sie mit mir schwanger. Ich habe bis heute nicht gesehen, dass meine Eltern Zuneigung austauschen, nicht untereinander und auch nicht mit uns Kindern. Meine Eltern sind Muslime und gläubig. Meine Mutter geht nie allein aus dem Haus, und mein Vater trifft alle Entscheidungen, auch für sie. Sie war noch nie einfach mal draußen in der Sonne, allein oder mit Freundinnen, und hat einen Kaffee getrunken. Für meinen Vater gilt eine Frau, die alleine raus will, automatisch als Schlampe. Damit musste ich meine gesamte Kindheit über dealen. Als Mädchen gab es für mich von Anfang an keinen Raum für eine individuelle Entfaltung. Bei meinen jüngeren Brüdern konnte ich mit ansehen, wie Geschlechterunterschiede in der muslimischen Erziehung gelebt werden.

Hast du rebelliert?
Ich erinnere mich an eine Situation, als ich 13 war: Alle machten sich für ein Familienpicknick fertig, es war an einem dieser großen amerikanischen Feiertage und es war Sommer. Ich zog ein T-Shirt an und einen langen Rock. Man sah nichts außer meinen nackten Unterarmen. Meine Mutter kam zu mir und sagte, ich solle mir bitte ein Tuch um Schultern und Brust legen. Ich fragte warum. Mein Shirt sei doch nicht aufgeknöpft, man könne nichts sehen, es sei zu warm für ein Tuch. Ihre Antwort war: Deine Onkel könnten deine Brüste sehen. Ich dachte, wenn meine Onkel auf die Brüste einer 13-jährigen schauen, dann ist das ihr fucking Problem. Zwei Dinge habe ich da verstanden. Erstens: Oh ja, ich habe Brüste. Und zweitens, meine Mutter verlangt, dass ich mich als Kind einschränke und anpasse, nur damit es erwachsene Männer nicht sexuell erregt. Da stimmt doch irgendwas nicht.

Wie ist deine Beziehung zu deinen Eltern heute?
Ich habe keinen Kontakt zu meinem Vater und treffe meine Mutter nur, wenn er nicht Zuhause ist. Wir versuchen unsere Beziehung zu reparieren. Ich bin keine unglückliche Person, trotz der Krankheit und meiner Kindheit. Ich habe genauso viele gute wie schlechte Tage. Doch Eltern zu haben, die einen nicht verstehen und die man selbst auch nicht versteht, treibt einen weg. Ich trage immer ein Gefühl von Einsamkeit mit mir herum, egal wo ich hingehe, weil ich niemals so richtig irgendwo dazu gehört habe.

Möchtest du selbst Kinder haben?
Ja, viele Töchter, irgendwann.