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It’s a Map: Die Häuser von Hinrich Baller

Von , 31. March 2016

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©Adrian Crispin

Ricarda Messner besuchte Hinrich Baller, den Architekten ihrer Berliner Heimstatt, und sprach mit ihm über seine Bauwerke – wir haben die Lieblings-Häuser unserer Autorin in einer Google-Map zusammengefasst

Ich liebe meine Wohnung. Im Sommer, wenn ich auf meinem Balkon die Blumen gieße, freue ich mich, wenn die Passanten vor meinem Haus stehen bleiben und irritiert hochschauen. Die Fassade mit den abgerundeten Wänden und den verschnörkelten Metallbalkonen sticht zwischen den klassischen Berliner Altbauten hervor.
Die erste Wohnung meiner Mutter, die sie Ende der 80er-Jahre bei ihrem Umzug nach Berlin bezieht, wird 22 Jahre später meine werden. Dabei handelt es sich nicht um Eigentum, es ist eine 50 Quadratmeter große Mietwohnung in der Charlottenburger Schloßstraße. Dort bin ich auf die Welt gekommen und dort habe ich unter anderem meinen ersten Geburtstag im großen Stil feiern lassen. Beweismaterial habe ich letztens auf VHS-Kassetten gefunden. In meinem zweiten Lebensjahr ist die Familie dann umgezogen. Da meine Großeltern im benachbarten Gebäude, ebenfalls von Hinrich Baller entworfen, wohnen (und das seit 26 Jahren!), habe ich die Schloßstraße nie wirklich verlassen.
Vor drei Jahren war ich dann plötzlich auf Wohnungssuche und erfuhr durch meine Großmutter, dass die alte Wohnung meiner Mutter frei geworden war. Dank historischer Kinderfotos und dem Nachweis jahrzehntelanger familiärer Mietertreue konnte ich die Hausverwaltung überzeugen und zog dorthin zurück. In meine erste Wohnung. Back to the future, a blast from the past.
Es wird also Zeit, dass ich mich mit dem Architekten meines ewigen Zuhauses treffe. Wie es sich für Berliner geziemt, an einem grauen Novembertag.
 Untypisch für Berliner bin ich zu früh.
Man muss lange in den Himmel schauen, um oben versteckt das moderne Apartment auf dem Dach zu entdecken. Der sympathische Architekt holt mich ab, und wir fahren in einem Holzfahrstuhl sieben Stockwerke hoch. Hinrich Baller wird dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiern. Wir betreten seine Wohnung: knappe 300 Quadratmeter über zwei Etagen verteilt; ohne fixe Aufteilung in zweckgebundene Räume; beinahe ein Dschungel, mit verschiedenen Pflanzen, unter ihnen eine zwei Meter hohe Palme. Wohnfläche mit Arbeitsplatz, der nicht an ein Büro erinnern soll.
Pläne liegen auf den zahlreichen Tischen verteilt. An einem sitzt Doris Baller, mit Lineal und Stift in der Hand. Die beiden bilden ein Architektenduo, entwerfen seit 1986 zusammen. Seit 1990 leben sie hier.

Für unser Gespräch schreiten Herr Baller und ich eine im Raum schwebende Freitreppe hoch, in seiner Signaturfarbe Mintgrün gehalten, und setzen uns auf die Galerie mit herrlichem Blick auf den Lietzensee.
Wer den großen schwarzen Flügel im Wohnzimmer spielen kann, möchte ich wissen. Herr Baller ist in einem Musikerhaushalt aufgewachsen, seine Mutter war Pianistin. Er selbst fing ein Studium an der Musikschule in Berlin an und wechselte bald ein paar Meter weiter an die Technische Universität. Die Disziplin des täglichen Klavierübens hat sich bei seinem späteren Werdegang als nützlich erwiesen. Er studiert lange, 20 Semester, dann erst fühlt er sich bereit: “Wenn man zwar über Fantasie, aber nicht über das nötige Handwerk verfügt, bringt das nichts. Man kann sich vielleicht etwas Blütenartiges vorstellen, aber ehe das dann konstruiert ist und dann auch noch standhält, dazu braucht es eben noch mehr als Ideen.”
Sein erstes Haus entsteht dann in Hinwil, im Zürcher Oberland. Baller war 30 Jahre alt, sein Bauherr stellt ihm als Grundstück einen Bergsattel mit traumhaftem Panoramablick zur freien Verfügung. Stolz zitiert er heute eine Schweizer Zeitung, die damals das Ergebnis mit “Das Haus, in dem man atmen kann” beschreibt.
Luft und Licht. Es ist “diese Helligkeit, die wir brauchen, damit wir überhaupt Heiterkeit empfinden können. Und ob die Leute sich wohlfühlen, das lässt sich studieren.”
Ich betreibe ja jetzt schon jahrzehntelang Selbststudien, und mich macht mit am Glücklichsten meine breite Fensterfront. Im Sommer öffne ich die Flügeltüren und bräune mich in der Nachmittagssonne – Strandgefühle auf 
der Schloßstraße.
Bei den bodentiefen Fenstern, die von der Decke bis zum Boden ragen, erzählt Herr Baller, hatte er Kinder im Sinn. Für ihn gibt es nichts Verwerflicheres, als den Blick auf die Welt zu versperren. “Gerade in einem Alter, in dem man sehen muss, um begreifen zu können.”
Keine Baller-Wohnung ohne offene Küche. Ein wichtiger Ort für eine andere Rollenverteilung. Es geht nicht allein um das Klischee von der Frau hinter dem Herd, heute wird ja auch “der Mann in die Küche abgeschoben, während sie dann im Wohnzimmer residiert”.

Hat man erst einmal den Baller-Stil erkannt, sieht man ihn überall in Berlin. Winterfeldtplatz, Hackesche Höfe, Preußenpark, Halensee. An die hundert Projekte stehen in seinem Werkverzeichnis. Zwar hat er auch im Ausland Häuser gebaut, aber Baller realisierte hier seine Hauptwerke.
Was das für ein Gefühl sein muss, wenn man an den eigenen Gebäuden vorbeifährt? Baller hält kurz inne und sagt: “Gemischte Gefühle.” Entwerfen und das Errichten der Bauwerke sind getrennt ablaufende Prozesse. Welten liegen dazwischen. Kompromisse gehören zum Geschäft des Architekten. Seine Auftraggeber sind überwiegend Berliner Wohnungsbauunternehmen, die hauptsächlich in den Achtziger- und Neunzigerjahren für staatliche Bauförderungsprogramme aktiv wurden. Und “da oben gibt es Machtspiele, insbesondere auf Senatsebene. Wenn Leute nicht verstehen können, was man entworfen hat, wird man mal eben in die Versenkung geschoben.”
Andere Stararchitekten betreiben Marketing. Auch in der Architektur greifen die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie. Wir blättern in den schönen Publikationen über Frank Gehry und Rem Koolhaas. Keine Frage, das sind architektonisch wichtige Taten der Gegenwart, aber wer lebt denn schon hinter diesen Fassaden? Oder wohnt wenigstens? Ist es nicht viel interessanter, sich mit einem wie Hinrich Baller zu beschäftigen, der die Ästhetik des Alltags einer Stadt wie Berlin durch seine Entwürfe geprägt hat? Jemand, der sagt, “unsere Rasterstadt schert wortwörtlich alle Menschen über ein Raster” und diese “rechten Winkel” gelte es aufzuheben?
Baller ist Berlin. Durch und durch. Komplex und vielschichtig mit einem einzigartigen Humor. Und mit Charme!
Ich bin und werde immer Baller-Liebhaberin bleiben.
Am Ende unseres aufschlussreichen Gespräches erzähle ich ihm noch von meinen Balkon: wie die Touristen auf dem Weg zum Charlottenburger Schloss innehalten, um sich zu wundern. Ein Grinsen macht sich breit, er fühlt sich bestätigt: “Das ist beabsichtigt. Eine Fassade muss Interesse erregen. Der Bewohner will ja auch gerne bewundert werden. Der Effekt, wie das Haus nach außen wirkt, kommt dem gleich, welche Klamotten man wählt.”

Die Wohnhäuser Hinrich Ballers waren lange umstritten, allmählich können wir an ihnen das Schöne entdecken – also haben wir sie als Kulisse für die Modestrecke unserer zweiten Ausgabe genutzt (Styling: Réka Maria Probst, Fotograf: Adrian Crispin):