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Buchtipp: Joachim Bessing „Untitled“

24. November 2015

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Julia Zange trifft den Autor

Manche Bücher sind gefährlich. Sie ziehen einen so tief rein in das innere Chaos, dass man aufpassen muss nicht überzuschnappen. Joachim Bessings Roman „Untitled“ (Kiepenheuer & Witsch, 2013) gehört auf jeden Fall auf die Schwarze Liste. Er wurde gerade ins Niederländische übersetzt und erscheint dort in neuer pastellfarbener Iphone-Optik. Die Schönheit und Zerrissenheit der Gegenwart in Sprache gefasst – das ist Pop-Literatur. Aber egal wie man es nennt: Bessings Roman überschreitet eine Schmerzgrenze.

Julia und der Ich-Erzähler lernen sich „küssenderweise“ auf einer Party in Berlin kennen. Er liebt sie augenblicklich. Sie aber ist verheiratet und hat auch nicht vor ihren Mann zu verlassen. 150 Seiten später bewegt sich der Erzähler „schiebenderweise“ durch einen Krankenhausflur in Australien. Man könnte sagen: die Liebe hat ihm das Gesicht zerbrochen.

Einer der Protagonisten in Boris Pofallas Roman „LOW“ (Metrolit 2015) sagt: „Wenn man was will, dann muss man vor allem erst mal brennen. Wie ein Streichholz. Reibung. Hitze. Und dann verglüht man, irgendwann. Ist doch klar. Aber die meisten brennen nicht. Weil sie Angst haben. Angst zu verglühen, auszubrennen, kaputt und komplett zerstört rumzuliegen, am Boden. Deshalb glimmen sie nur.“

Bessings Ich-Erzähler ist von der ersten bis zur letzten Seite am Brennen. Dabei beobachtet er die Welt und sich selbst mit so einer ernsthaften Zärtlichkeit und Verwunderung, dass es einem fast das Herz zerreißt. Er entblößt etwas über den inneren Zustand der Verlassenheit, die Hoffnung auf Rettung, das Ausmaß an Projektion, den Wahnsinn, die Wehleidigkeit, den Instinkt und die Sprache der Liebe im digitalen Zeitalter.

Die beiden Liebenden schreiben sich hauptsächlich Emails und SMS übers iPhone. Es finden mehr Berührungen über Touchscreens als von Haut zu Haut statt, die aber nicht weniger zärtlich sind. („Ich hielt das iPhone in der Hand wie ein Küken und las wieder und wieder die Worte, die Julia mir noch aus dem Flugzeug geschickt hatte.“)

Der Roman ist gefährlich, denn man tendiert dazu die ganze hart erarbeitete Vernünftigkeit über Bord zu werfen, alles was man in den letzten Jahren gelernt hat: dass es ungesund ist zu trinken, Drogen zu nehmen und sich eben in distanzlose Lieben zu werfen, die einem das Gehirn lähmen, weil man als moderner Freelancer und Mensch darauf angewiesen ist, dass das Hirn einem immer zumindest für 95 Prozent zur Verfügung steht, denn man hat ja nichts außer dieser fragilen Einheit aus seinem Ich, seinem Rucksack mit dem Laptop und einem Coffee-to-go, an dem man sich die Hände wärmt, wenn es kalt ist. Sinnvoll wäre es in diesem Fall, wie es auch der beste Freund des Protagonisten empfiehlt: eine produktive und funktionierende Partnerschaft zu führen. Darüber hinaus hat man als erwachsener Mensch erfahren, dass man jederzeit verlassen werden kann, was man eher vermeiden möchte. Passion ist altmodisch. Passion ist nicht konstruktiv und unökonomisch. Passion tut weh.

So wirkt diese Liebe auch eigentlich aus der Zeit gefallen. Heinrich von Ofterdingen im 21. Jahrhundert.

Bessing sagte in einem Interview, dass ihm viele Frauen wegen ihrer „wundervollen Leseerlebnisse“ geschrieben hätten. Vielleicht liegt das an einer komplett unökonomischen und verschwenderischen Sehnsucht. Und es liegt auch daran, dass Julia in dem ganzen Strudel irgendwie gesichtslos bleibt, dass man sich in sie hineinlegt und „küssenderweise“ mit liebt und leidet.

Rainald Goetz spitzte seine Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises vor einigen Wochen auf ein einziges (Zauber-)Wort zu: AMORE.

Tags: #Joachim Bessing, #Lesetipp