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Britta Thie im Schinkel Pavillon

Von , 11. December 2015

"Translantics" von Britta Thie ©PWR Studio, 2015
“Translantics” von Britta Thie ©PWR Studio, 2015

Noch bis Samstag werden die sechs Episoden aus “Translantics”, die derzeit auch in der Frankfurter Schirn zu sehen sind, in Berlin gezeigt

In ihrer Videoserie portraitiert die 28-jährige Künstlerin Britta Thie sich und ihre Generation. Das von der Kunstwelt gefeierte Nachwuchstalent spricht mit uns über seine aktuelle Arbeit.

Was war deine Motivation hinter dem Projekt und mit welchen künstlerischen Mitteln transportierst du deine Idee?

Meine Kurzfilmreihe “Translantics” ist eine Art Hybrid aus narrativem Film, experimentellem Video und dem Format der Soap Opera – ich bezeichne sie als “digitales Kammerspiel”: Die Protagonisten spielen in der “Kammer” des YouTube Players. Kommerzielle Film-Streaming Plattformen wie Netflix sind sehr erfolgreich darin, Geschichten in süchtig machenden, mit Cliffhängern versehenden Erzähl–Dynamiken zu narrieren.
Die Inhalte sind “on demand”, also auf Abruf und stets in Häppchen konsumierbar. Somit hat man als Publikum nicht den Druck sich auf einen ganzen Film einzulassen – es fällt leichter, nur einem Teilstück einer Geschichte seine Aufmerksamkeit zu schenken, und sich nicht zu “committen”. Dem Format der TV-Serie wohnt somit zugleich das Flüchtige als auch das Verbindliche inne. Insbesondere die Intimität die man in seriellen Dramen zu den Charakteren aufzubauen scheint, verursacht bei mir eine unbewusste “Verskriptung” des eigenen Alltages – man adaptiert unterbewusst gewisse Dialoge und Phrasen oder Charakterzüge für sein eigenes Leben. Durch soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram und das Posten von Fotos und Inhalten erzählt man täglich ein öffentliches Tagebuch durch die Maske der eigenen optimierten Profilfotos als repräsentative Narrative der eigenen Person bzw. Marke.
Das Projekt “Translantics” ist ein Mini-Drama, in dem die Protagonisten, sowohl befreundete Künstler als auch meine Familie, verzerrte Versionen ihrer selbst oder eigens erfundene Charaktere spielen. Eine Art Überhöhung dessen was sie täglich in sozialen online Plattformen oder im Alltag und Beruf praktizieren.
Bei dieser Arbeit war mir wichtig, dass sie durch YouTube eine allgemeine Zugänglichkeit bekommt, jeder kann sie abrufen. Sie wird durch eine für TV-Serien typische Narrative zusammen gehalten, die sich einem breiteren Publikum und damit meine ich Menschen jenseits des Kunstpublikums, erschließt.
Kunst kann sehr schnell sehr elitär und selbstreferenziell werden.
Die Kulisse eines Kunstwerks generiert sich oft durch ein Netz sozialer Kontakte und räumlich zeitlicher Kontexte.
In “Translantics” habe ich versucht, sehr persönliche Geschichten und verträumte Tagebucheinträge mit den Zugaben meiner Kollaborateure zu einem futuristischen Märchen zu verweben. Ich arbeitete zum Beispiel sehr eng mit meiner Freundin und Kollaborateurin, der Fotografin Julia Burlingham im Bereich Art- und Co-Direction zusammen. Und auch durch die Leistung meiner Freunde, die selber Künstler sind und als Schauspieler agierten wie zum Beispiel Julia Zange, Lily McMenamy, Annika Kuhlmann und Ella Plevin, wurden die Dialoge erst richtig rund. Ich habe Ideen für Dialoge vor dem Dreh mit ihnen durchgesprochen und die Schauspieler haben dann improvisiert und sie mit ihren eigenen Ideen aufgeladen.

Würdest du sagen, dein Leben und das deiner Generation hat sich durch das Internet und insbesondere Social Media verändert – wenn ja, inwiefern?

Nach vielen Gesprächen mit Freunden und Kollegen bemerkte ich, dass alle einen Zustand des “Sich–im–Dazwischen–Befindens” artikulierten: Sie sagten, sie existierten stets in der Schwebe, zwischen Freelance–Jobs im Kontrast zum noch üblichen Beamtenstatus ihrer Elterngeneration, zwischen ihrer Muttersprache und transatlantischem Englisch, zwischen Kontinenten, zwischen analogen und digitalen Wirklichkeiten aber auch zwischen traditionellen Rollenbildern und einem scheinbar neuen geforderten Modus des “Flexibelseins”. Geografisch wie emotional “flexibel” zu sein scheint zur Prämisse für das Funktionieren von persönlichen und romantischen Beziehungen geworden zu sein.
Wie navigiert man sein Leben in einem Zustand des Oszillierens zwischen Sprachen, Freunden, Lieben, Ländern und Arbeitsplätzen, “on the go”, in permanenter Transition? Wie geht man mit der Forderung nach “Dauer-Präsenz”, wie Hito Steyerl es in ihrem jüngsten Essay “The Terror of Total Dasein” nennt, als einer neuen Währung um, mit der in einer Aufmerksamkeits–Ökonomie unseres hyperaffirmativen Selbstoptimierungs–Marktes gehandelt wird?

Du bist in Minden aufgewachsen und wohnst seit einigen Jahren in Berlin – bemerkst du einen Unterschied in den zwischenmenschlichen bzw. kommunikativen Beziehungen junger Menschen in der Klein- und der Großstadt?

Ja, es ist schon so, dass man hier in den urbanen Zentren wie in einer Blase lebt. Das kann ein ganz schön verzerrtes Bild von der “Realität” liefern. Ich spreche oft in Anglizismen, nicht weil es “cool” ist, sondern weil ich privat eigentlich kaum noch Deutsch spreche. Wenn ich mir dann in Minden beim Bäcker etwas bestelle und sage, dass ich kein “small change” habe, schauen mich die Verkäuferinnen groß an und ich realisiere erst langsam, was ich da eigentlich gerade gesagt habe.

Durch Instagram, Facebook, Snapchat, Tinder usw. setzen wir uns bewusst der konstanten Bewertung durch andere aus – Was passiert mit uns, wenn wir andauernd alles mit Sternen und Herzen bewerten? Und selbst bewertet werden?

In meinen früheren Arbeiten beschäftigte ich mich bereits mit der Ökonomisierung und Kommodifizierung des “Selbst”, insbesondere der menschlichen Emotionen im Kontext (post-)kapitalistischer Strukturen und digitalen, sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook oder auch Tinder.
Ich untersuchte die Emotionalisierung und Romantisierung von Waren und wie sich die romantische Liebe im selbem Maße verdinglicht. Romantische Liebe liegt somit keineswegs “jenseits” von kapitalistischen Verwertungsprozessen, sie ist vielmehr ihr bevorzugtes Terrain.
Hinzu kommt meine persönliche Erfahrung als Fotomodel, die ich als eine weitere Möglichkeit sehe, einen speziellen Blickwinkel zum Thema Selbstdarstellung, dem “Selbst” als Ware und die Beziehung zum “Selbst”, das Waren anpreist, einzunehmen.

Die “Kampagne des Selbst” (“Self –Promotion”) ist heute essentieller Bestandteil der Arbeitsrealität des globalisierten Freiberuflers.

Insbesondere das “Branding” und die Bild-Konstruktion in der Werbung haben viel gemeinsam mit der heute überlebensnotwendigen Strategie das persönliche und private zu “branden”, mit einem Image, einer Marke zu versehen. Man tut dies als Freiberufler, Künstler und auch als Privatperson zum Beispiel auf seinem Facebook-Profil, einer Dating-Website oder aber in professionellen Plattformen wie LinkedIn. Durch die Platzierung, die “Anpreisung” des “gebrandeten Selbst” in einem romantischen Kontext passiert eben auch etwas mit der Liebe: Sie wird kommodifiziert.
Die Frage ist eben, wie wir damit umgehen.

Ist es wichtig, sich gezielte Auszeiten von der Online-Welt zu nehmen? Machst du das selbst manchmal?

Ja. Schlafhygiene zum Beispiel. Es gibt die “kein Handy im Schlafzimmer-Regel” bei mir zu Hause. Allerdings klappt das nicht immer, ich muss mich richtig zwingen ein Buch zu lesen anstatt eine Stunde ziellos durch das Netflix Angebot zu Browsen bis ich schlecht gelaunt und ohne etwas zu finden – nicht einschlafen kann.

War früher alles besser?

Nein.
Nur die Auflösung im TV, es gab noch kein HD und das war irgendwie entspannender, Gesichter der Schauspieler sahen sanfter aus. Irgendwie lag eine idyllische Unschärfe in den Bildern, die einem Raum zum träumen ließen.

Übrigens: Bei ARTE Creative und der Frankfurter Schirn Kunsthalle gibt’s alle sechs Folgen aus der “Translantics”-Kurzfilmreihe zu sehen.

Britta Thies “Translantics”, Screenings: 10., 11. und 12. Dezember um 19.00 Uhr, Schinkel Pavillon, Oberwallstraße 1, 10117 Berlin.

Tags: #Interview, #Kunst, #Video