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Héroï­nes: Anne Imhof

Von , 19. May 2017

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© Nadine Fraczkowski | Anne Imhof in ihrem Studio in Frankfurt am Main. Den bunten Pelzflicken links im Bild ergatterte sie bei ihrem Nachbarn, einem Pelzgeschäft.

Anne Imhof ist die gefragteste Künstlerin der Stunde. Letztes Jahr inszenierte sie eine Oper in drei Städten. Jetzt bespielt die Künstlerin den Deutschen Pavillon in Venedig mit “Faust” und wurde hierfür bereits mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet. Vor der Eröffnung der Kunstbiennale trafen wir sie in ihrem Frankfurter Studio

Ich bin Fan. Was soll ich sagen? Spätestens seit vergangenem Sommer habe ich keinen Abstand mehr. Im Berliner Museum Hamburger Bahnhof wurde ich eines Abends von der Kunst der Künstlerin verschluckt, die zurzeit jeder treffen will und über die zurzeit alle alles wissen wollen. Kürzlich eröffnete die 57. Biennale Arte di Venezia, wo sie, Anne Imhof, den nächsten großen Auftritt hinlegt. “Anne Imhof bespielt den Deutschen Pavillon”, heißt das in der Pressemitteilung des Instituts für Auslandsbeziehungen, das im Auftrag des Auswärtigen Amts sicherstellen soll, dass Germany im Länderkunstwettbewerb in Venedig gut aussieht. “Ich war sehr überrascht über die Anfrage von der Kuratorin Susanne Pfeffer”, sagt die Künstlerin, “und habe mich wahnsinnig gefreut. Ich meine, die Einladung ist wie eine Auszeichnung, von der ich dachte, dass sie Künstlern vorbehalten ist, die Mitte 40, Mitte 50 sind.” Anne Imhof ist 38 Jahre alt. Vor fünf Jahren machte sie ihren Meisterabschluss an der Städelschule, der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main. Ihre Tochter ist 18 Jahre alt.

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© Nadine Fraczkowski | mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, der Galerie Isabella Bortolozzi Berlin sowie der Galerie Buchholz, Köln/Berlin/NY | 2016 inszenierte Anne Imhof “Angst II” im Berliner Museum für Gegenwart Hamburger Bahnhof. Mit dabei war Eliza Douglas. Hier sieht man sie gemeinsam mit Franziska Aigner.

Ich treffe Anne Imhof in ihrem Atelier. Es liegt in einer Seitenstraße, nur wenige Gehminuten entfernt vom Frankfurter Hauptbahnhof, in einer der oberen Etagen eines kaputten Neubaus aus den Achtzigerjahren oder so. Nebenan werden alte Pelze verkauft, gegenüber Bier. Ein englischsprachiger Assistent hatte die Haustür geöffnet und mich nach oben begleitet und auf Anne gezeigt, als sie den Raum betrat: schwarzes Outfit, schwarze Haare, roter Mund, zurückhaltender Blick, Zigarette. Guten Tag.
Im letzten Sommer hatte Anne Imhof die große Ausstellungshalle des Hamburger Bahnhofs in Berlin in ein Nebelmeer getaucht, das mich, wie gesagt, verschluckte.  Eine junge Frau schritt damals über ein Seil, das quer durch den Raum über die Köpfe der Besucher verlief, die benommen Andacht hielten vor einem Zeitgeist: Auf dem Boden hockte ein kleiner Junge und spielte Playstation. Eine junge Frau rasierte sich den Bauch, als würde sie versuchen, sich den Nabel herauszuschneiden, jemand trank Cola, rot, ein anderer Pepsi, blau, auf der Hand einer jungen Frau saß ein Falke mit verbundenen Augen. Manchmal wurde er befreit, hob seine Flügel und glitt durch den Nebel. Eine Drohne bahnte sich denselben Weg.

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© Nadine Fraczkowski | mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, der Galerie Isabella Bortolozzi Berlin sowie der Galerie Buchholz, Köln/Berlin/NY | 2016 inszenierte Anne Imhof “Angst II” im Berliner Museum für Gegenwart Hamburger Bahnhof. Mit dabei war Eliza Douglas, die hier einen Falken hält

Angst II heißt die Performance, in der junge Leute in Sneakers, Sweatshirts, blauen und schwarzen Jeans, mit nacktem Oberkörper, bandagierten Brüsten, in schwarzen Adidas-Jogginghosen, Camouflagetrainingsanzügen, ärmellosen T-Shirts zu bizarren Klängen und mönchartigen Gesängen durch die Halle schritten, als wären sie das meditative Spiegelbild der Generation Normcore, die in den westlichen Großstädten ein Leben hinter Bildschirmen, in Shared-Office-Space-Coffee-Shops und Underground Clubs verbringt. Angst war der zweite Akt einer Oper, die die Künstlerin in Basel, Berlin und Montreal zeigte.
Mit dabei ist meistens Eliza Douglas. Sie ist die Lebenspartnerin von Anne Imhof und eine jener schlanken, eleganten, androgynen großen Frauen, die die Choreografien von Imhof für Augenblicke in verfremdete Modenschauen verwandeln können. Eliza läuft die großen Schauen für Vetements und andere Häuser neben ihrem Kunststudium, das sie so wie Anne an der Städelschule absolviert. Auch Eliza Douglas ist Malerin, auf ihren Gemälden greifen oft Hände an Armen ohne Körper ineinander und aus dem Rahmen. Auf der Vernissage zur Douglas-Ausstellung in Essen Mitte Februar traten sie gemeinsam auf und sangen im Duett zu elektronischer Musik, die Anne komponierte.

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© Nadine Fraczkowski | mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, der Galerie Isabella Bortolozzi Berlin sowie der Galerie Buchholz, Köln/Berlin/NY | 2016 inszenierte Anne Imhof “Angst II” im Berliner Museum für Gegenwart Hamburger Bahnhof. Mit dabei war Eliza Douglas, die sich hier die Kleider vom Leib zieht

Bevor Anne Imhof sich entschied, auf die Kunsthochschule zu gehen, arbeitete sie für sich. Musik, Malerei, Zeichnung ohne Anleitung in Eigenregie. “Ich wollte Zeit für mich”, erzählt sie. “Allein in meinem Atelier sein, zunächst eine eigene Position formulieren. Danach konnte ich mich für Input öffnen und mich wieder in eine institutionelle Struktur wie die der Städelschule begeben. Niemals hatte vorher irgendjemand etwas von mir gesehen.” Vieles von dem, was sie in ihren Zwanzigern skizzierte, baut sich wie von selbst in ihre neuen Arbeiten ein: “Da haben auch schon Figuren Figuren getragen.” Anne nennt das auch Crowdsurfing ohne Crowd. In Berlin wandelten diese Menschenträger im vergangenen Sommer durch den Ausstellungsraum.
Mit 13 Jahren ging Anne auf ein katholisches Internat in England, wo ihr, wie sie amüsiert erzählt, nachgesagt wurde, sie würde die Mädchen verhexen, sie habe einen bösen Blick. Ein Kunstlehrer, der ihr Talent erkannte, forderte sie auf, nach dem Unterricht Engel abzuzeichnen. Wegen des Kunst-Leistungskurses wäre sie, zurück in Fulda, wo sie aufwuchs, “beinahe durchs Abitur gefallen”. Ihre Bilder sind oft schwarz. Früher hing ein Sandsack in ihrem Atelier, letztes Jahr tauchte einer in ihrer Schau in der Kölner Galerie Buchholz auf. For Ever Rage taufte sie ihn. Wut bis in alle Zeiten. “Und was passiert in Venedig?”, frage ich. “Hast du Angst?” – “Ich habe Respekt, aber keine Angst.” So sieht Punkrock heute aus.

Die 57. Kunstbiennale inklusive Anne Imhofs Performance “Faust” läuft vom 13. Mai bis 26. November 2017 in Venedig

Dieser Artikel ist in der Mai 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen