Beauty

Rauschmittel

30. August 2016

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© Camila Falquez, Gustavo Garcia-Villa

Noch nie hatten Düfte einen so hohen Suchtfaktor wie jetzt. Warum Parfümeure die neuen Drogendealer sind

Zehn Mal pro Stunde kauft irgendjemand in Deutschland Opium. Und schuld ist kein Drogenkartell aus Kolumbien, sondern Yves Saint Laurent. Denn das Rauschmittel, um das es geht, ist ein Parfum. Wobei der Vergleich mit der Droge gar nicht so abwegig ist. In dem Duft von 1977 stecken Vanille und Jasmin, im Nachfolger „Black Opium“ Orangenblüten. Alles weiße Blüten, die tatsächlich eine berauschende Wirkung auf unser Gehirn haben. Ihre Duftmoleküle docken zwar an anderen Rezeptoren an als Drogen, aktivieren aber auch das Belohnungszentrum.

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Black Opium Nuit Blanche mit Reisnoten, Vanille- und Kaffee-Akkord, ca. 87 Euro von Yves Saint Laurent

Sind Parfümeure die neuen Drogendealer? „Ja, das ist ihre Mission. Düfte zu kreieren, die abhängig machen, eine gefährliche Seite haben. Alles, was uns umbringt, gibt uns das Gefühl, zu leben“, sagt Ben Gorham vom Label Byredo. Sein Suchtstoff: Neroli (für das er lange mit Chanel im Clinch lag, beide buhlten um den gleichen Neroli-Hersteller). Das ätherische Öl der Bitterorange riecht süßlich-grün mit animalischen Noten, inhaliert wirkt es wie ein Opiat: Es dämpft Schmerzen und entkrampft. „Parfum ist das hedonistische Ultimum. Wir brauchen es für nichts anderes, als uns gut zu fühlen.“
Aber warum haben gerade weiße Blüten einen so hohen Suchtfaktor? Sie verströmen speziell nachts starke, warme Akkorde, weil sie auf nachtaktive Insekten abonniert sind. Und die lassen sich in der Dunkelheit nicht mit tollen Farben, sondern nur mit Duft beeindrucken. Wie auch die menschlichen Nachtschwärmer. Jasmin, Vanille, Tuberose, wer einen Dosis weiße Blüten braucht: Diors Kultduft „Poison“ oder „Pomélo Paradis“ von Atelier Cologne enthalten eine geballte Ladung. Diptyques „Eau des Sens“ benebelt zusätzlich mit Gin-Akkorden (Wacholder). „Das, was süchtig macht, dieser Thrill, der Rush, steckt meist in der Kopfnote“, erklärt Dr. Avery Gilbert, US-Duftwissenschaftler und Buchautor („What the Nose Knows: The Science of Scent in Everyday Life“).

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Pomélo Paradis mit Mandarine, Orangenblüte und Iris, ca. 100 Euro von Atelier Cologne

Es kommt also nicht auf möglichst viele Zutaten, sondern den richtigen Stoff an. Den vertickt Aurélien Guichard, Parfümeur bei Narciso Rodriguez, gern als Überdosis. Sein Ziel: „artifiziell Hochgefühle auszulösen, die wir sonst nur in sehr emotionalen Momenten empfinden“. Eine Leistung, die auch dem Berliner Parfum-Maverick Geza Schön gelingt – wenn er nicht gerade mit Karl Lagerfeld den Geruch von Papier einfängt. 2005 kreierte er „Molecule 01“ mit nur einem einzigen Inhaltsstoff: Iso E Super, eine samtige-subtile Holznote, deren Molekülstruktur einem Pheromon gleicht, das uns hilft, kompatible Sexualpartner zu finden. Kate Moss ordert angeblich kistenweise.

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Narciso Eau de Parfum Poudrée mit Jasmin, bulgarischer Rose und Vetiver, ca. 100 Euro von Narciso Rodriguez

Azzi Glasser, bekannt dafür, dass sie die Persönlichkeit ihrer Kunden in Flaschen abfüllen kann (den Service gibt’s bei Harvey Nichols für stolze 19 000 Euro), komponierte jüngst ein Wässerchen namens „C“, das eigentlich „Cocaine“ heißen sollte. Cognac-Erbe Kilian Hennessy sagt über seine Kreation „Smoke for the Soul“, sie enthalte Tabaknoten, die in „golden schillernde Schattenwelten entführen“. Da hat wohl einer mehr als nur Tabak geraucht.